Sängerin Zaz über Frankreich-Klischees

„Ich bin, wer ich bin“

Franzosen können etwas von Deutschland lernen, findet die französische Sängerin Zaz. Sie erzählt, was ihr nach ihrem Durchbruch am meisten zugesetzt hat.

Zaz wurde gefragt, ob es stimmt, dass Franzosen nie duschen und deshalb so viel Parfüm benutzen? Bild: dpa

taz: Frau Isabelle Geffroy alias Zaz, freuen Sie sich, dass Sie mit Ihrem Hit „Je veux“ vor drei Jahren das Ende der Ära Sarkozy eingeläutet haben?

Isabelle Geffroy: Nein, für mich hatte der Song nichts mit Sarkozy zu tun. Ich möchte auch nicht über Politik sprechen.

War die antimaterialistische Botschaft des Songs nicht eine Antithese zu jenem „Blingbling“, für das Sarkozy stand?

Mit „Je veux“ wollte ich nur ausdrücken, dass Geld nicht der Motor ist, der mich antreibt. Sondern Erfahrungen zu machen, die mich bereichern.

Hat sich die Atmosphäre in Frankreich unter François Hollande verändert?

Man sollte nicht darauf warten, dass die Regierung etwas unternimmt. Ich bin der Meinung, dass es an uns selbst liegt, die Gesellschaft zu verändern. Ich bin deshalb Partner der Association Colibris – das ist eine NGO, die neue Projekte kreiert: in der Landwirtschaft, in der Wirtschaft, in der Art, wie wir wohnen. Sie machen Dinge, die einen humanistischen Geist und den Respekt vor der Natur spiegeln. Alles Geld, das ich mit Merchandising verdiene, fließt an sie.

Mit „Je veux“ wirbelte Zaz alias Isabelle Geffroy vor drei Jahren die Charts auf. Jahrelang war sie zuvor als Straßenmusikerin, Varieté- und Jazzsängerin um die Welt getingelt. Auf ihrem neuen Album, „Recto Verso“ (Sony), wandelt die 33-Jährige wieder zwischen Musette-Pop, Jazz und Chanson.

Musette, Gipsy Swing, Piaf-Chansons: In Ihrer Musik gibt es viele Elemente, die typisch französisch sind. Überrascht es Sie, dass das auch in Deutschland so gut ankommt?

Nun, ich bin Französin, also kommt es mir nur natürlich vor, wenn meine Musik auch einen französischen Einschlag hat. Aber ich möchte vor allem Emotionen rüberbringen. Ich glaube, die Leute mögen meine Energie auf der Bühne, und dass meine Stücke eine positive Botschaft transportieren.

Gibt es Frankreich-Klischees, die Sie persönlich nerven?

Ich war mal in Kolumbien und wurde gefragt, ob es stimmt, dass wir nie duschen und deshalb so viel Parfüm benutzen? Da habe ich gestaunt. Und als ich in Russland war, hieß es, ich sei so romantisch. Ich finde, die Russen sind viel romantischer. Sie haben eine Kultur der Blumen, ich könnte dort einen Blumenladen eröffnen. Aber es gibt ein Klischee, das stimmt: dass die Franzosen immer meckern. Sie zeigen gern ihre Unzufriedenheit.

Das sagt man den Berlinern auch nach.

Na, dann haben wir ja etwas gemeinsam.

Was können Deutsche von Franzosen lernen?

Sich einfach etwas lockerer machen? Nein, es kommt darauf an. Die Leute, die in Deutschland zu meinen Konzerten kommen, lassen sich in einem positiven Sinne gehen, während die Franzosen auf meinen Konzerten viel introvertierter sind. Aber dann gibt es natürlich auch eine Sorte von Deutschen, die sehr rigide und unflexibel sind, und wenn man sie bittet, etwas anders zu machen, dann wird es sehr kompliziert. In Frankreich ist es umgekehrt: Man ist grundsätzlich flexibler, sich auf Neues einzustellen. Aber zugleich etwas steifer und formeller im Alltag. Es ist etwas widersprüchlich.

Was können Franzosen von Deutschland lernen?

In Deutschland gibt es diese Nähe zur Natur. Sie haben viele Parks, darum beneide ich sie.

Sie haben mal ein Konzert auf dem Montblanc gegeben. Wie naturverbunden sind Sie?

Das ist meine Leidenschaft, seit ich klein war. Ich kommuniziere mit der Natur und den Tieren so, wie ich mit Menschen kommuniziere – auf eine andere Art, nicht mit Worten. Die Natur gibt dir bedingungslos – bei Menschen findet man diese Eigenschaft eher selten. Die Sonne scheint bedingungslos für jeden Menschen, ob er ein Idiot ist oder ein netter Mensch.

Auf welche Weise genießen Sie die Natur am liebsten?

Auf jede Weise: Rafting, Klettern, Canyoning, Paragliding, Tauchen, Wandern, Rennen. Ich bin verliebt in die Natur, ich liebe die Erde: die Gerüche, die Farben, die Vielfalt der Pflanzen.

Sie hätten auch Sportlerin werden können?

Oh ja, im Grunde bin ich es. Auf der Bühne, das ist manchmal wie zwei Stunden Sport treiben. Ich liebe die Herausforderungen, und ich mag es, mir Ziele zu setzen. Nicht um in Wettbewerb zu treten, sondern um an meine Grenzen zu gehen.

Wie halten Sie Ihre ungewöhnliche Stimme in Form?

Ich rauche nicht, trinke nicht, mache jeden Morgen zwei Stunden Sport und versuche, möglichst viel Schlaf zu finden, damit sich meine Stimme regenerieren kann. Es ist ein Muskel, und je mehr man ihn trainiert, desto besser funktioniert er. Natürlich gibt es Tage, an denen ich nicht so viel Energie habe. Aber durch die Musik und das Publikum gewinne ich viel Energie zurück, es ist ein Austausch.

War Ihre Stimme immer schon so rau?

Ich habe die Neigung, laut zu reden und sehr expressiv zu reden. Meine Stimme ist etwas angeschlagen, weil ich die ganze Zeit rede. Ich schreie und kreische auf der Bühne. Das ist meine Identität und meine Persönlichkeit. Wenn ich längere Zeit nicht singe, habe ich allerdings eine viel höhere Stimme.

Sie haben schon lange Musik gemacht, bevor Sie Ihren großen Durchbruch erlebten. Wie haben Sie den plötzlichen Erfolg verkraftet?

Am Anfang war das schwierig. Singen, das konnte ich. Aber der ganze mediale Aspekt war mir zunächst fremd. Denn plötzlich musste ich von mir erzählen. Wenn man im Rampenlicht steht, gibt es Leute, denen es gefällt, dich anzuspucken. Darauf war ich nicht vorbereitet, denn ich selbst bin nicht so. Ich versuche immer das Beste in den Menschen zu sehen, denen ich begegne. Man ist ja nicht nur schwarz oder weiß.

Wofür wurden Sie in Frankreich kritisiert?

Als meine Musik im Fernsehen lief, haben mir manche meine antimaterialistische Botschaft nicht abgenommen. Man kann so einen Erfolg aber nicht planen, dass ein Song überall läuft. Es gab Leute, die dachten, ich wäre ein Witz oder ein reines Marketingprodukt. Heute ist mir das egal. Ich bin, wer ich bin, und mache, was ich mache, und weiß, wo ich hinwill.

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