Sasha Waltz und Constanza Macras

Diskursive Purzelbäume

Die Choreografinnen Sasha Waltz und Constanza Macras zeigen in Berlin neue Stücke. Für beide ist Tanz ein soziales Projekt.

Mehrere Tänzer*innen bewegen sich synchron auf einer Bühne

Mit größter Energie bis zum Finale: „Chatsworth“ von Constanza Macras Foto: Thomas Aurin

BERLIN taz | Chefin eines großartigen Tanztheaters sind sie beide: Sasha Waltz und Constanza Macras, zwei Choreografinnen aus Berlin, die jeweils am letzten Wochenende eine Premiere zeigten. Sasha Waltz, geboren 1963 in Karlsruhe, feiert mit Sasha Waltz & Guests dieses Jahr ihr 25-jähriges Bestehen, Constanza Macras, geboren 1970 in Buenos Aires, arbeitet seit mehr als 20 Jahren in Berlin. Für beide ist Tanz ein soziales und kommunikatives Projekt, ihre Arbeit geht weit über das Entwerfen eigener Choreografien hinaus.

Sasha Waltz engagiert sich in Tanz in Schulen und Kindertanzgruppen, Constanza Macras steckt Energie in künstlerischen Austausch mit den unterschiedlichsten Gruppen, zuletzt vor allem aus Südafrika. Beide haben in Berlin eine lange Geschichte von Erfolg und von Förderung, die letztendlich aber zwei existentielle Wünsche offenließ: Genug Mittel für ein festes Ensemble und eine feste Spielstätte gab es nicht.

Jetzt stehen beide an einem möglichen Wendepunkt: Sasha Waltz beginnt mit der Spielzeit 2018/19 als Co-Intendantin des Staatsballetts Berlin, gemeinsam mit Johannes Öhman. Sasha Waltz & Guests verfügt inzwischen über ein Repertoire von 20 Stücken, mit denen sie international touren, die werden weitergespielt. Neue Choreografien wird Waltz aber demnächst eher im Rahmen des Staatsballetts entwerfen; insofern markiert ihr im Radialsystem präsentiertes Stück „Exodos“ für sie einen Übergang.

Constanza Macras, die ihre Stücke bisher an mindestens fünf Berliner Theatern gezeigt hat, und immer wieder in neue Verhandlungen um Bühnen und Koproduktionen gehen musste, wird die nächsten beiden Spielzeiten verstärkt an der Volksbühne präsent sein, mit zwei Koproduktionen und einer Übernahme. Das verbessert ihre Situation, wenn auch nur übergangsweise. Vereinbart wurde dies mit Klaus Dörr, dem Geschäftsführer und kommissarischen Leiter der Berliner Volksbühne nach dem Abgang von Chris Dercon, und verdankt sich somit gewissermaßen einem kulturpolitischen Betriebsunfall.

Bis zu 1.000 Zuschauer gehen in die Volksbühne, und dass Macras mit ihren temperamentvollen Stücken diese mitreißen kann, glaubt man nach der Uraufführung von „Chatsworth“ gerne. Im Rahmen des Festivals Tanz im August lief es im viel kleineren Hebbeltheater. Seit mehreren Jahren recherchiert Macras in Südafrika, mit großer Offenheit für die dortigen Künstler und ihren Umgang mit einem konfliktreichen Alltag. In „Chatsworth“ nimmt sie ein gleichnamiges Viertel aus Durban in den Blick, eine Siedlung, in der indische Einwanderer während der Apartheid als ethnische Gruppe gettoisiert wurden.

Flirt mit dem Zuschauer

„Chatsworth“ ist ein großer Flirt mit dem Zuschauer. Alles redet mit ihm, live gespielte Trommeln und elektronische In­strumente, Augen und Stimmen, Hände und Füße, Hüften und Hintern der zwölf TänzerInnen, von denen mehr als die Hälfte aus Südafrika kommt, schwarze und indischstämmige. Es geht um Glamour, die Lust an der Präsenz, um Verschwendung und Luxus. Das ist die immer bewegte Klammer um pantomimische Szenen, die im Bollywood-Style von Vertragsarbeitern, kolonialer Ausbeutung, wirtschaftlichem Erfolg, Ausgrenzungen zwischen den indischen Migranten und schwarzen Gruppen erzählen.

Sasha Waltz und Constanza Macras stehen nun an einem Wendepunkt

Es gibt mythologische und biografische Einsprengsel, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen, und es gibt theoretische Reflexionen darüber, wie der Gettoisierung von außen die Selbstethnifizierung von innen folgte, ein Kleinhalten der eigenen Welt mit dem Beharren auf Traditionen.

Bollywood und Khatak, Disco und HipHop, Akrobatik und Ballett, alles wird hier allein schon im Tanz zu Elementen des Zeitgenössischen. Auch die Kostüme von Roman Handt sind immer schon Collage aus unterschiedlichen Zeiten, Moden und Milieus. Den Höhepunkt erreicht das Stück in einer furiosen Szene, die durch die Musicalgeschichte rast. Wie tanzen Latinos, wie tanzen Afrikaner, wie die Gypsies, was bleibt da noch für die Weißen? Das Musical wusste Antworten, fiktional, die sich als wirklichkeitsmächtige Klischees tradiert haben.

Macht man jetzt ein Musical zu Nelson Mandela oder zu Gandhi? Zu Gandhi als einer Frau? Oder doch eher zu Gentrifizierung? Die Suche nach der Diversität, die immer ein Bestandteil der Arbeit von Constanza Macras war, schlägt hier einen diskursiven Purzelbaum. Das ist eine sehr lustige und gewitzte Form, sich von der Debatte über Identität nicht aufs Glatteis führen zu lassen.

Das Publikum selbst in Bewegung setzen

Sasha Waltz, die die letzten beiden Jahre beim Festival Tanz im August dabei war, brachte ihre Premiere diesmal davon unabhängig, aber eben auch an einem Augustwochenende heraus. Zudem gab es noch die sogenannte Tanznacht, ein weiteres viertägiges Festival für Berliner Choreografen. Wo man da hingehen sollte, war an diesem Wochenende nicht einfach zu entscheiden.

Trotzdem war „Exodos“ von Sasha Waltz im Radialsystem ausverkauft, auch sie könnte in Berlin meistens mehr Karten absetzen als möglich. „Exodos“ beginnt in zwei Sälen, zwischen denen das Publikum hin- und hergehen kann. Lange bewegt man sich mit den 26 TänzerInnen, bildet selbst eine Masse, aus der heraus die Szenen mal besser, mal schlechter zu sehen sind. Große Gruppen zu choreografieren, das Publikum selbst in Bewegung zu setzen, darin ist Sasha Waltz stark, sie zeigte es zuletzt in den Foyers der Hamburger Elbphilharmonie.

„Exodos“ knüpft daran an, an das Wogen von Gruppen, Verketten von Körpern, das Bahnen von Wegen, an die Markierung von Grenzen und ihre Öffnung; diesmal aber, wie der Titel schon andeutet, mit einem starken Bezug auf Bewegungen von Migration und Flucht. Allein anders als Macras, die sich auf eine konkrete Stadt, ein Viertel bezieht, nimmt Waltz das Thema symbolisch und universell, weitet es aus in Fluchten aus dem Alltag und allgemeine Sehnsüchte. Das bekommt dem Stück nicht so gut. Inhaltlich trägt es einen Anspruch und eine Botschaft vor sich her, die Suche nach einem grenzenlosen Utopia, der das konkret zu Sehende überfrachtet.

Das Publikum wird dabei manchmal an die Hand genommen, im wörtlichen Sinne, geführt durch Tore, die zwei Körper bilden, oder als Stütze für eine von den Händen getragene Figur genommen; und manchmal auch bei seinem Mäandern durch die Hallen gestoppt und zurückgeschoben. Das hat etwas von therapeutischer Vermittlung, Grenzen und Öffnungen unmittelbar körperlich zu erleben; gutmütig spielen alle mit, aber es glaubt wohl ernsthaft niemand, dass dies irgendetwas im sozialen Handeln und Denken verändern würde.

Atmosphäre erzeugen

Die pädagogische Betreuung erscheint also müßig. Ästhetisch bietet „Exodos“ viel, Waltz kann mit Stärken der einzelnen Performer und mit ihrer Fähigkeit, Atmosphären zu erzeugen, wuchern. Im letzten Drittel gibt es eine lange Strecke – das Publikum ist allmählich an die Hallenränder gedrängt –, in der Aufruhr die große Halle füllt. Die elektronische Musik vom Soundwalk Collective gibt für einen Moment die Steuerung ab an eine Einspielung von Gustavs Mahlers 6. Sinfonie.

An diese Aufladung schließt sich ein Rennen und Rufen der TänzerInnen an, es geht um gemeinsame Parolen und um Streit, es geht ums Bilden einer Gemeinschaft, dann wieder um Aussonderung, freundliche Stimmung kippt abrupt ins Aggressive. Der Raum vibriert von Ereignissen, die auch von den Assoziationen an eine konfliktreiche Realität außerhalb leben. Aber letztendlich fügen sich die Bilder wie ein Fries aneinander, der das Menschsein aus weiter Ferne fasst.

Anfangs stehen die Performer in schmalen Vitrinen, kaum lassen sie den Schultern Platz, ein eindrückliches Bild für Einengung, Festschreibung, das nicht von ungefähr auch etwas davon hat, den Menschen als Museumsstück zu zeigen, vielleicht geht seine Zeit zu Ende. Später werden einzelne Körper von Seilen gefesselt und über den Boden geschleift, ein surreales Bild, das aber auch an die vielen Toten denken lässt, die aus dem Meer geborgen werden, aus dem Mittelmeer, ertrunken auf dem Weg in ein anderes Leben. Mit solchen Bildern einen ganzen Erzählraum zu öffnen gehört zu den Stärken des Stücks.

In den Kostümen von Federico Polucci feiert „Exodos“ permanent die Abweichung. Die Symmetrie wird gebrochen, die Schrägen werden betont. Hemden haben vier Ärmel, Jacken sind halb, was vorne ein Rock ist, wird hinten zur Hose. Zudem werden die Kostüme ständig gewechselt. Das bekommt etwas von einer Leistungsshow, von einem überbordenden Dekorum, das eindeutigen Zuordnungen ständig den Stinkefinger zeigt.

Das ist teilweise witzig, auf Dauer aber auch sehr demonstrativ. Vielleicht will dieses Stück zu viel, alles geben, eine Summe aus dem Bisherigen ziehen, politisch aktuell sein, universell gültig. Dabei muss Sasha Waltz niemandem beweisen, dass sie es kann.

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