Immer mehr Staaten verzerren ihre Emissionswerte. Die "Rechenmethoden" sind oft politisch motiviert, die Tricks vielfältig, die Folgen für die Klimaverhandlungen fatal.von Bernhard Pötter

Es gibt viele Wege, dieses neue Baumwollfeld im australischen Dalby in die nationale Emissionsbilanz einzurechnen. Nicht alle sind korrekt. Bild: reuters
DURBAN taz | An Furcht erregenden Zahlen herrscht auf einer Klimakonferenz kein Mangel. Durban ist da keine Ausnahme: Wenn die globalen Treibhausgasemissionen nicht schnell und drastisch gekürzt würden, stiegen sie bis 2020 auf 55 Milliarden Tonnen, erklärte gestern die Unternehmensberatung "Ecofys" – elf Milliarden über dem Wert, der den Klimawandel bei zwei Grad Celsius begrenzen könnte.
Selbst wenn alle aktuellen Klimaschutzverpflichtungen umgesetzt würden, erwärme sich der Globus bis 2100 um 3,5 Grad. Und die Internationale Energieagentur (IEA) warnte, es würde derzeit so viele fossile Kraftwerke auf der Welt errichtet, dass für den Klimaschutz "ab 2017 weltweit nur noch Null-Emissionskraftwerke gebaut werden dürften."
Und dann kam gestern noch ein Hilferuf der Wissenschaft dazu: "Es wird immer schwieriger, verlässliche Emissionszahlen zu finden, weil die Staaten sie immer unterschiedlicher berechnen", sagt Marion Vieweg vom deutschen Forschungsinstitut "Climate Analytics". "Die internationalen Standards werden unterlaufen, so dass es kaum noch möglich ist, die Daten für Politiker, Verhandler oder die Öffentlichkeit verständlich aufzuarbeiten."
Viele Länder lehnten das Kioto-Protokoll und seine Rechenregeln inzwischen ab und formulierten andere Standards, die Vergleiche zwischen den Ländern und Aussagen zu Fortschritten beim Klimaschutz schwierig machten. Manche Änderungen seien zwar wissenschaftlich zu begründen, sagte Vieweg. "Aber der Trend ist klar: Oft sind neue Rechenmethoden politisch motiviert."
Vor allem bei der Berechnung von Emissionen aus der Landwirtschaft und der Entwaldung herrscht oft kreative Buchführung, zeigt eine Studie von Climate Analytics: Australien etwa rechnet seine Waldbereich so geschickt ein, dass aus einem Überschreitung seiner Ziele von bis zu 26 Prozent plötzlich eine Minderung von fünf Prozent wird.
Die USA verändern ihre Grundlagen so kräftig, dass die Zahlen in einem Jahr drei Prozent über dem Soll liegen und im Jahr darauf bei einem Prozent darunter. Brasilien erhöht die Prognose für seinen Treibhausgasausstoß, um sich ohne größere Anstrengung mehr Reduktion gutzuschreiben.
China lässt sich bei der Berechnung seiner Emissionen pro Einheit des Bruttoinlandsprodukts nicht in die Karten schauen. Und Japan rechnet seine Finanzhilfen zum internationalen Klimaschutz so gekonnt, dass aus den realen 6,3 Milliarden Dollar auf dem Papier 9,7 Milliarden werden.
Diese Zahlenzauberei ist bei den Klimaverhandlungen hoch politisch. Denn hier wird auch um die Standards gerungen, mit denen Emissionen, Klimaschutzanstrengungen und finanzielle Hilfe messbar, reportierbar und verifizerbar (MRV) sind. Diese vordergründig technischen Fragen werden schnell politisch, wenn das Regelwerk des Kioto-Protokolls durch freiwillige Verpflichtungen ersetzt werden sollen – die sich dann auch jedes Land nach Gutdünken schön rechnen kann.
Viele Umwelt- und Klimagruppen führen deshalb ihre eigenen Statistiken. Gestern etwa stellte "Germanwatch" seinen "Klimaschutzindex 2012" vor, der die Anstrengungen der Länder nach Klimagas-Reduktionen und politischen Anstrengungen bewertet.
Wieder einmal bleiben die ersten drei Plätze frei, weil kein Land genug tut. Dann folgen Schweden, Großbritannien und Brasilien, dahinter Deutschland, wo die Energiewende positiv gewertet wurde. Am wenigsten Anstrengungen unternehmen laut diesem Index Saudi Arabien, Kasachstan und Iran.
Die USA wurden besser bewertet als zuvor, aber dies vor allem, weil die Wirtschaftskrise die Emissionen sinken ließ. Australien wiederum stieg auf, weil die Politik im Land etwa mit der Einführung einer Kohlenstoffsteuer nach Sicht der Umweltschützer auf dem richtigen Weg ist. Und diesmal wurde an den Daten nicht herumgeschraubt: Germanwatch nutzte für seine Bewertung keine Zahlen aus der Landwirtschaft.
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In ihrem Videocast fordert Kanzlerin Merkel einen schnellen Ausbau der deutschen Stromnetze. Um den Windstrom von den Norden in den Süden zu schaffen, sind Tausende neue Netzkilometer nötig.

Die Welt befindet sich derzeit mitten in einem großtechnischem Experiment mit ungewissem Ausgang: Die intensive Freisetzung von Treibhausgasen, vor allem dem Kohlendioxid (CO2) aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas, verändert die Atmosphäre des Planeten in einer erdgeschichtlich einmaligen Geschwindigkeit. Der Anteil von CO2 in der Atmopshäre ist so hoch wie seit Jahrtausenden nicht und die Emissionen haben 2010 einen historischen Rekordstand erreicht. Bislang ist die globale Mitteltemperatur der Erde gegenüber dem vorindustriellen Zeitraum um etwa 0,8 Grad Celsius gestiegen. Setzen sich die bisherigen Trends fort, wird die Erde bis 2100 im Schnitt etwa vier Grad Celsius wärmer sein. In manchen Gegenden wie den Polgebieten wird der Anstieg noch deutlich größer sein.
Ursache für die Freisetzung der Treibhausgase ist zum größten Teil die Energiewirtschaft. Aber auch die industrielle Land- und Viehwirtschaft, die Zerstörung des tropischen Regenwalds und der Verkehr tragen große Mengen zum menschengemachten ("anthropogenen") Klimawandel bei, der die natürlichen Schwankungen (etwa durch Sonnenaktivitäten oder geologische Phänomene) inzwischen deutlich überdeckt. Der UN-"Klimarat" IPCCC hat mit einer überwältigenden Mehrheit der zuständigen Wissenschaftler in bislang vier Sachstandsberichten klargestellt, dass der Klimawandel real ist, schneller als gedacht abläuft und zum großen Teil von menschlicher Aktivität verursacht wird. Der aktuelle Bericht des IPCC datiert von 2007, der fünfte Bericht wird für 2014 erwartet.
Fast alle Fachleute (mit Ausnahme einiger weniger oftmals unqualifizierter und politisch motivierter "Klimaskeptiker") gehen davon aus, dass eine solche Veränderung des Klimas massive Folgen nach sich zieht: Die Meeresspiegel könnten bis zu einem Meter steigen, die Gletscher in vielen Gebirgen abschmelzen und die Wasserversorgung gefährden; Vegetationszonen verschieben sich bereits, Tiere und Pflanzenarten geraten unter zusätzlichen Druck, die Ernährung der Bevölkerung ist bedroht. In vielen Regionen nehmen die Wetterextreme zu und bisher gewohnte Muster wie der Monsun in Indien beginnen sich zu verändern. Ab einem bestimmten Punkt befürchten Wissenschaftler einen "Rückkopplungseffekt", an dem sich die Klmaerwärmung von selbst verstärkt: Schmilzt etwa das Eis an den Polen absorbiert das dunklere Wasser mehr Sonnenenergie, erwärmt sich und schmilzt darauf wiederum mehr Eis. Als solche "Kipppunkte", an denen das Weltklima eine rasche Erwärmung erfahren könnte, wenn eine Schwelle überschritten ist, gelten zum Beispiel die Polkappen, der "Golfstrom", der Amazonas-Regenwald oder die auftauenden Permafrostböden vor allem in Sibirien.
Die Menschheit hat das Problem bereits relativ früh erkannt, aber bislang nur sehr zögerlich reagiert. 1992 schlossen die meisten UN-Staaten die "Klimarahmenkonvention" UNFCCC, die zum Ziel hat, eine "gefährliche menschengemachte Veränderung des Weltklimas" zu verhindern. 1997 folgte daraus das Kioto-Protokoll, in dem sich die Industrieländer, die historisch für einen Großteil der Emissionen verantwortlich sind, zu einer Reduzierung ihrer Emissionen um ingesamt 5,2 Prozent bis 2012 gegenüber 1990 verpflichteten. Obwohl sich die USA als damals größter Verschmutzer aus dem Abkommen zurückzogen, wurden die Quoten erreicht - doch die weltweiten Emissionen stiegen und steigen weiter steil an. Vor allem die wirtschaftliche Entwicklung der "Schwellenländer" wie China, Indien, Brasilien oder Südafrika, die unter dem Kioto-Protokoll zu keiner Reduktion verpflichtet sind, heizt inzwischen das Klima stark auf. Nach einem gescheiterten Versuch, auf dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen einen völkerrechtlich verbindlichen Vertrag zu schließen, der alle Länder umfasst, gibt es nun eine solche Perspektive für 2020: Bis zu diesem Zeitpunkt, so haben die Staaten einstimmig bei der Klimakonferenz 2011 im südafrikanischen Durban beschlossen, soll ein allgemeines internationales Abkommen den globalen Klimaschutz regeln.
Trotz aller Versprechungen sind die aktuellen Anstrengungen zum Klimaschutz aus Sicht der Wissenschaft bei weitem nicht ausreichend. Eine Studie des UN-Umweltprogramms UNEP vom Herbst 2011 kommt zu dem Schluss, dass bisher nur etwa 60 Prozent der nötigen Anstrengungen unternommen werden, um den Klimawandel auf zwei Grad Celsius bis 2100 zu beschränken - diese Schwelle gilt bei vielen Wissenschaftlern als die Obergrenze, bis zu der die Folgen des Klimawandels noch beherrschbar sind. Um dies zu erreichen, müsste der weltweite Ausstoß von CO2 etwa 2015 seinen Höhepunkt erreichen und dann rasch absinken. Die bisherigen Trends lassen eine solche Entwicklung allerdings sehr fraglich erscheinen. Viele Wissenschaftler gehen deshalb inzwischen davon aus, dass das 2-Grad-Ziel nicht mehr zu erreichen ist.
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Leserkommentare
07.12.2011 09:45 | Thomas
In den Geschichtsbüchern wird wahrscheinlich gar nichts stehen, denn in der zukünftigen Wüste wird keiner mehr die Zeit hab ...
07.12.2011 08:47 | Markus Müller
In den Geschichtsbüchern wird noch was viel drastischeres stehen,nämlich dass alle Regierungen der verantwortlichen Länder ...
07.12.2011 07:47 | KFR
..und wenn ich die "Bios" und "Tätigkeiten für" der Verantwortlichen ansehe, wird mir auch klar wozu und woher die Lizenz z ...