Schrumpfende Städte in Ostdeutschland

"Wir sind nutzlos, überflüssig"

Soziologen untersuchten drei Jahre lang die schrumpfende Stadt Wittenberge in Brandenburg. Ein Gespräch mit Andreas Willisch über den Glauben an die Arbeit.

Leere Mitte: Wohnungsleerstand im Zentrum von Wittenberge.  Bild: dpa

taz: Herr Willisch, welchen ersten Eindruck macht Wittenberge auf einen Fremden?

Andreas Willisch: Wenn man vom Bahnhof aus die Stadt betritt, ist der Eindruck: Leere. Es gibt leer stehende Gebäude der Bahn, Brachen. Die Stadt hat ja ein Drittel weniger Einwohner als 1990. Dass es eine bessere Vergangenheit gab, ist auch in den Gesprächen zu spüren. Ich habe viele Leute getroffen, die von dem Tag erzählt haben, an dem sie entlassen wurden. In Wittenberge gab es die modernste Nähmaschinenfabrik Europas, die wurde geschlossen. Viele schildern den Tag ihrer Entlassung ganz detailliert, so als wäre es gerade erst passiert, obwohl es 20 Jahre her ist.

Weil es ein sozialer Absturz war, der bis heute nachwirkt.

Nicht nur. Für viele war es ja auch eine Erleichterung, diese teils sehr schwere Arbeit los zu sein. Viele haben sich ein Vorruhestandsleben aufgebaut, sich in Vereinen organisiert, die Kleingärten sind ein wichtiger Ort der Stadt. Die Rentner sind ja Profiteure der Einheit. Es geht vielen materiell nicht schlecht.

Heinz Bude, Thomas Medicus, Andreas Willisch (Hg.): "Überleben im Umbruch. Am Beispiel Wittenberge: Ansichten einer fragmentierten Gesellschaft". Hamburger Edition, 2011. 360 Seiten, Großformat, viele Abb., 39 Euro

liegt im Nordwesten Brandenburgs in der Prignitz, etwa zwischen Hamburg und Berlin. Im Jahr 1988 hatte die Stadt 30.000 Einwohner, heute sind es knapp 19.000. Nach der Wende verschwand fast die gesamte Großindustrie. Neben dem Nähmaschinenwerk wurden das Zellstoffwerk (VEB Zellwolle) und die Ölmühle geschlossen. Die Stadt verliert pro Jahr im Schnitt zwei Prozent ihrer Einwohner. Von dem Soziologenteam wird 2012 im Verlag Christoph Links eine detaillierte wissenschaftliche Studie über ihre Arbeitsergebnisse erscheinen.

lebt in Berlin und Mecklenburg. Er arbeitet als Soziologe und im Nebenjob als Biobauer. Er leitet das Thünen-Institut in Bollewick (Kreis Röbel/Müritz).

Warum dann diese eingravierte Erinnerung an die Entlassung?

Sie sind innerlich verletzt.

Weil sie nicht gebraucht werden?

Ja, und weil sie 1990 als extremen Temperatursturz erlebt haben. Erst die Erfahrung der Revolution, das war ein Gefühl von Freiheit, ein Hochgefühl, dass es in Demokratien nur sehr selten gibt. Und genau in diesem Moment folgt die Erfahrung: Wir sind nutzlos, überflüssig. Dieser Schock hat sich in vielen Städten Ostdeutschlands festgefressen.

In Wittenberge bekommt jeder sechste Hartz IV. Es gibt aber keine Anzeichen von Rebellion. Kaum vorstellbar, dass hier Riots ausbrechen wie in England oder der Pariser Vorstadt. Warum nicht?

Weil der Abstieg abgefedert wurde und nicht so stark mit sozialem Elend verknüpft ist wie in England. Es gibt Armut in Wittenberge, aber die ist nicht dominant. Es gibt auch keine erhöhte Kriminalität. Ein Polizist hat mir gesagt: Das Einzige, was in Wittenberge viel geklaut wird, sind Fahrräder. Fahrräder sind das Fortbewegungsmittel des unteren Drittels der Stadt.

Ist der deutsche Sozialstaat also der Puffer, der Revolten verhindert?

In Frankreich gibt es auch einen ausgebauten Sozialstaat. Ein Unterschied ist, dass in Ostdeutschland keine ethnischen Ghettos existieren, es gibt keine Banlieue. Und es gibt ja auch ein Drittel der Stadt, das 1990 nicht als Schock erlebt hat. Das betrifft etwa die Verwaltung. Die ist heute wichtiger als je zuvor. Sie ist der größte Arbeitgeber und muss um die Fördermittel dealen. Der Niedergang der Industrie 1990 war unkontrolliert, doch seitdem wird die Existenz der Stadt auf diesem niedrigeren Niveau professionell gemanagt.

Sieht man der Stadt die Kränkung an?

Es gibt keinen Ort, an dem sich die Kränkung bündelt, man sieht sie eher in Szenen. Zum Beispiel am Ersten jeden Monats, wenn die Hartz-IV-Empfänger in langen Schlangen in der Sparkasse anstehen, um sich ihr Geld zu holen.

Was machen die Überflüssigen mit ihrer Zeit? Welche Strategien haben sie, um dem Leben Sinn abzuringen?

Vor allem Selbstkontrolle. Ich fand es erstaunlich, wie diszipliniert sich die allermeisten in diesem reduzierten Leben einrichten. Sie führen Haushaltsbücher, sie verschulden sich nicht, verkaufen das Auto, gehen nur noch zweimal im Jahr zum Friseur. Wer noch ein Auto hat, fährt damit so selten wie möglich. Es regiert Disziplin, auch Glaube an die Arbeitsgesellschaft. Es gibt Leute, die seit 20 Jahren nur Nebenjobs machen und trotzdem ihr Leben so einrichten, dass sie jederzeit einen Vollzeitjob antreten können.

Also wirkt die protestantische Ethik der Arbeitsgesellschaft noch bei jenen, die nicht mehr Teil dieser Gesellschaft sind?

Ja, in Form von Härte gegen sich selbst. Das Leben in der Postarbeitsgesellschaft wird betrieben wie Arbeit an sich selbst. Man kann das auch in den ungeheuer ordentlichen, gepflegten Kleingärten sehen. Das ist der Ort des ungebrochenen Arbeitsethos der Rentner, ein Ort der Produktion. Das Problem ist: Sie werden die Massen an Obst und Gemüse nicht los. Die Kinder verdrehen die Augen und sagen: Ach Papa, nicht wieder so viele Äpfel. Was soll ich damit in Hamburg?

Wie ist Wittenberge, wenn man die Stadt auf einen Begriff bringt?

Fragmentiert. Es gibt das stabile Drittel, das das Überleben managt. Die leben in den neuen Einfamilienhäusern am Stadtrand. Sie meiden das Zentrum, in dem das untere Drittel lebt, die Hartz-IV-Empfänger, Ein-Euro-Jobber, Niedriglohnbezieher, Leiharbeiter.

Also wie in manchen US-Städten: Das Zentrum verarmt, der Mittelstand wohnt an der Peripherie?

Ja, so ähnlich.

Gibt es Konflikte zwischen unterem und oberem Drittel?

Nein, man ignoriert sich gegenseitig. Es gibt zwischen diesen Gruppen kaum Berührungspunkte.

Gibt es einen Schlüsselkonflikt, der die Stadt prägt?

Nein. Es ist typisch für Ostdeutschland, dass Konflikte nicht politisiert und zugespitzt werden. Es ist kein Zufall, dass der Bürgermeister in Wittenberge beinahe einstimmig gewählt wurde. Es gibt eine merkwürdige Stimmungslage: Man erwartet, dass der Staat sich wie ein guter Fürst kümmert, aber gleichzeitig glaubt man nicht daran, dass er es kann. Es gibt auch keinen Generationskonflikt. Viele Jüngere verstehen das Trauma der Älteren, die 1990 aus der industriellen Welt vertrieben wurden, nicht mehr. Sie halten das für Jammern. Sie selbst sind pragmatisch, wollen etwas aus ihrem Leben machen, wenn nicht in Wittenberge, dann eben woanders. Gleichzeitig bieten die Eltern aber noch immer so etwas wie Sicherheit. So wird die Schwelle zum deutlichen Konflikt nie überschritten.

An der Studie über Wittenberge haben Soziologen, Ethnologen und Kulturwissenschaftler drei Jahre gearbeitet. Mit welchem Erkenntnisinteresse?

Wir wollten wissen, wie eine Stadt 20 Jahre nach der Wende funktioniert.

Und?

Es ist eine neuartige Gesellschaft entstanden. Das ist ja im Grunde das Verwunderliche: Nachdem ursprünglich der Osten so werden sollte wie der alte Westen, ist der Osten heute zwar als etwas Einheitliches verschwunden, dem Westen aber dabei überhaupt nicht ähnlicher geworden. Wie diese Gesellschaft zwischen Leuchttürmen und Hartz IV funktioniert, ist noch unbekannt. Deshalb muss man aufsammeln.

Für die Studie wurden keine Statistiken erhoben, keine Fragebögen ausgewertet, das Team hat in Wittenberge eine Weile gelebt. Warum?

Wir wollten durch intensive lange Beobachtung und Interviews die Stadt und die Einzelnen verstehen. Wir wollten den Leuten eine Stimme geben. Das erreicht man nicht mit Fragebögen. In der berühmten Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal" von 1933 haben die Forscher die Stadt vermessen: Wie viele Bücher werden ausgeliehen, wie schnell bewegen sich Menschen? Wir wollten nicht zählen, sondern in das Alltagsverständnis, in das Denken der Stadt eintauchen. Und beobachten.

Die Beobachteten haben auf die Beobachtung ziemlich heftig reagiert …

Viele haben sich in Wittenberge aufgeregt, weil in einem unserer Papiere das Wort "Verliererstadt" vorkam. Die Stadt weiß, dass sie in medialer Konkurrenz steht, deshalb wehrt sie sich. Die Eliten der Stadt wollen nicht, dass Wittenberge als Beispiel einer schrumpfenden Stadt gilt.

Andererseits empfindet sich die Stadt noch immer stark als Opfer der Wende.

Da ist etwas Doppeltes. Der französische Soziologe Didier Lapeyronnie hat das anhand der Pariser Banlieue so beschrieben: Wenn er den Jugendlichen in den Vorstädten sagt: Leute, das ist ja schrecklich hier, alles kaputt, die Jugendtreffs zerstört - dann antworten die Jugendlichen: Du hast keine Ahnung von uns. Wir kümmern uns doch darum, dass hier noch etwas funktioniert. Also sagt der Forscher, als er das nächste Mal in die Vorstädte geht: Leute, das ist ja toll, was ihr auf die Beine stellt, obwohl alles kaputt ist. Und die Jugendlichen sagen: Mann, du hast ja überhaupt keine Ahnung. Hier ist alles am Arsch, wir zerstören unsere Schulen, wir sind kriminell. Sie wollen sich nicht von außen definieren lassen, wehren sich gegen Fremdbeschreibungen. Das ist in Wittenberge auch so.

Eine Geste der Selbstbehauptung?

Ja, dieser Wechsel der Selbstbilder ist auch funktional. Wenn es darum geht, Fördermittel zu akquirieren, kramt die Stadt aus ihrem Gedächtnis ihre besondere Betroffenheit von der Deindustrialisierung 1990 hervor.

Die Marienthal-Studie hatte ein zentrales Ergebnis: Die Arbeitslosigkeit verlangsamt die Stadt, bis zur Lähmung. Gibt es ein zentrales Ergebnis der Wittenberg-Studie, wie der Schock von 1990 und die Schrumpfung die Stadt verändert hat?

Die Zersprengtheit. Es gibt ungewöhnlich viele Inseln, Fragmente in der Stadt, die eigene Logiken haben. Das ist keine müde Gesellschaft wie in Marienthal. Es ist eine Gesellschaft, die sich abgefunden hat, aber noch Zukunftspläne macht.

 

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