Schummeldissertationen in der Union

Gestern Kasper, heute Guttenberg

Schummeldissertationen sind in der Union nichts Neues – erst 2010 wurde der CDU-Kommunalpolitiker Andreas Kasper in einem ähnlichen Fall drakonisch bestraft.

Von der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen genutzter Stempel. Kaspar "promovierte" an der Uni Göttingen.   Bild: kladcat | CC-BY

BERLIN taz | Der junge, aufstrebende Unions-Politiker muss sich verteidigen, seit Wochen schon. Ein Wissenschaftler ist darauf aufmerksam geworden, dass der Mann abgekupfert hat. Die Universität untersucht, es beginnt ein Streit. "Nach bestem Wissen und Gewissen" habe er die Promotion angefertigt, verteidigt sich der Unions-Politiker.

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Doch es reicht nicht. Am Ende muss Andreas Kasper gehen. Er verliert seinen Doktortitel, er verliert seinen Job, er verliert seine Existenz. Absätzeweise hatte er aus Texten abgekupfert, ohne die Quellen korrekt zu zitieren.

Kasper spürt das Strafrecht: Im Januar 2010 verhängt die Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl mit 90 Tagessätzen à 100 Euro wegen des Verstoßes gegen das Urheberrecht. Kasper zahlt.

Der Fall trug sich zwischen 2008 und 2010 in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen zu, und er zeigt Parallelen zur Plagiatsaffäre von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU).

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Der Unterschied: Es geht nicht um Angela Merkels wichtigsten Mann im Bundeskabinett. Und von dem Fall bekam vor allem die lokale Presse mit. Andreas Kasper, am Höhepunkt der Affäre 35 Jahre alt, CDU-Mann, war demnach schnell aufgestiegen.

2004 schloss er an der Universität Göttingen seine Dissertation über Sozialsponsoring ab, 2006 wurde er Büroleiter der niedersächsischen CDU-Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann. Im Jahr 2008 schließlich stieg er zum Vorsteher des Landesverbands Lippe auf, der in Nordrhein-Westfalen als ehemaliges Fürstentum unter den Kreisen eine Sonderstellung genießt. Spiegel Online nannte Kasper damals einen Spitzenbeamten, der "sozusagen der moderne Fürst mit Sitz auf Schloss Brake bei Lemgo" sei.

Man habe "das Vertrauen in Kasper verloren"

Ganz ähnlich wie im Fall des Barons zu Guttenberg wurde der auf kommunaler Ebene geradezu kometenhafte Aufstieg Kaspers jäh durch die Plagiatsvorwürfe gestoppt. An dieser Stelle scheiden sich dann auch die Geschichten des Lokal- und des Bundespolitikers.

Denn Kasper verlor in der Folge sein Amt, indem er von allen Parteien im Landesverband Lippe (CDU, SPD, Grüne, FDP, Freie Wähler) abgewählt wurde. Man habe "das Vertrauen in Kasper verloren", hieß es. Niemand sagte damals, man brauche in Lippe einen Landesvorsteher und nicht einen wissenschaftlichen Assistenten, so wie es Kanzlerin Merkel bei zu Guttenberg gesagt hat. Und Telefonumfragen, ob er gehen oder bleiben soll, gab es auch nicht. Er musste gehen, es war keine Frage, er hatte gefälscht. So waren die Fakten.

Zwar behielt der Politiker Ansprüche auf Pensionszahlungen, die noch bis 2016 Bestand haben und ihn und seine Familie üppig versorgen. Doch Kasper musste beruflich neu anfangen. Er baut sich seither eine neue Existenz in der Wirtschaft auf.

Kasper will sich öffentlich nicht zu den Fällen äußern. Um ebenjene neue Existenz für sich und seine Familie nicht zu gefährden und ruhig leben zu können, wie er sagt. Denn plötzlich klingelt bei ihm wieder häufiger das Telefon, und die Öffentlichkeit interessiert sich wieder für ihn. Seine politische Karriere hat er hinter sich gelassen. Auch zum Fall zu Guttenberg will Kasper nichts sagen. Er hat seine Strafe bekommen, er will nicht nachtreten. Der Baron aus Franken ist weit weg vom Fürsten aus Lippe. Doch auch ohne etwas zu sagen, ist Kasper der Präzedenzfall für Karl-Theodor zu Guttenberg geworden. Der Fall, den sich die Union in den nächsten Tagen wohl noch einmal anschauen wird.

 

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