Serbische Regisseurin über Theater

„Dinge wieder ans Licht bringen“

Mit ihrem Stück „Danke Deutschland“ beginnt das Festival Internationaler Neuer Dramatik in Berlin. Ein Gespräch mit Regisseurin Sanja Mitrović.

Ein Mann liegt auf dem Boden

Denis Kuhnert im Stück „Danke Deutschland“ von Sanja Mitrović Foto: Schaubühne/Thomas Aurin

taz: Frau Mitrović, Ihr neuestes Stück heißt „Danke Deutschland“. Wofür Dankbarkeit?

Sanja Mitrović: In der Performance geht es um zwei vietnamesische Gemeinschaften in Deutschland. Die eine besteht aus Nordvietnames*innen, die unter dem Dach des Gastarbeiterprogramms der DDR als Vertragsarbeiter*innen hierhergekommen sind. Die andere Community sind sogenannte Boatpeople aus Südvietnam, die in den 1970er Jahren nach Westdeutschland geflohen sind. Ihre Erfahrungen mit Integration sind unterschiedlich. Was sie aber verbindet, ist ein Gefühl der Dankbarkeit. In Deutschland sahen sie eine Chance, ein neues Leben aufzubauen, ein anderes als das, dem sie entkommen waren.

Der Titel ist also nicht ironisch gemeint?

Es gibt natürlich auch eine doppelte Bedeutung, denn einige Vietnames*innen sind vielleicht nicht so dankbar. Viele von ihnen haben auch einen sehr schwierigen Integrationsprozess erlebt und sprechen nicht wirklich darüber: aus Angst, dass sie weggeschickt werden oder weil sie einfach glauben, dass ihre Position in Deutschland gefährdet wäre.

Das brennende Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen 1992 ist ein tief bewegendes Bild, das einem in Zusammenhang mit vietnamesischen Migrant*innen in Deutschland einfällt.

Das Stück spricht darüber und auch über dieses Schweigen in der vietnamesischen Gemeinschaft. Sie wollen nicht öffentlich über diese Dinge reden. Sie wollen sich nicht auf die Vergangenheit konzentrieren, sondern auf die Zukunft. Und für viele von ihnen war die Erfahrung einfach zu traumatisch. Diese Dankbarkeit wird dann in gewisser Weise fragwürdig.

Ist Integration also lediglich ein Prozess des Schweigens?

Nicht wirklich, denn ich glaube, dass Integration immer ein gegenseitiger Prozess ist. Beide Seiten lernen voneinander, im Gegensatz zur Assimilation, die nur eine Annahme und keine Hinterfragung bedeuten würde. Heute wird Integration in einem ultrakonservativen Diskurs allzu oft als eine Einbahnstraße betrachtet. Sie ist aber eher ein Kreisverkehr.

Wer erzählt davon auf der Bühne?

Die Besetzung besteht sowohl aus Ensemblemitgliedern der Schaubühne als auch aus vietnamesischen Mitgrant*innen aus Nord- und Südvietnam sowie Deutsch-Vietnames*innen der zweiten Generation, die über ihre Erfahrungen sprechen. Einige haben zwar bereits ein wenig Bühnenerfahrung, sind aber keine professionellen Schauspieler*innen.

Seit 19 Jahren gibt es FIND, das Festival für Internationale Neue Dramatik, an der Schaubühne in Berlin. Es startet am 4. April mit der Produktion „Danke Deutschland“, die von Schauspielern des Ensembles gemeinsam mit vier vietnamesischen Zeitzeugen entwickelt wurde. Das Stück ist damit symptomatisch für eine Festival-Ausgabe, in der viele Kollektive erzählen und unter dem Motto „Archäologie der Gegenwart“ Fundstücke aus Vergangenheit und Jetztzeit aufgreifen. Sie nehmen damit Themen auf, die wieder Relevanz gewonnen haben. So kommen aus Santiago de Chile Jugendliche auf die Bühne, die Gewalterfahrungen von Mädchen und jungen Frauen dem Verschweigen entreißen. Die legendäre Wooster Group beschäftigt sich mit dem Reenactment einer Diskussion über Emanzipation 1971, in der feministische Autorinnen, darunter Germaine Greer, mit dem Moderator Norman Mailer heftig aneinandergerieten.

In „Trap Street“ erzählt die junge englische Theatergruppe Kandinsky von einem Londoner Plattenbau, der vor der Sprengung steht, in „Amarillo“ des Teatro Linea de Sombra aus Mexiko-Stadt geht es um den Grenzwall zwischen Mexiko und den USA. Das Festival mit insgesamt 14 Produktionen geht bis zum 14. April.

Bewältigt die zweite Generation ihre Vergangenheit anders als die erste?

Für die zweite Generation ist es viel einfacher, gemeinschaftsübergreifende Beziehungen aufzubauen, weil sie nicht die Ost-West-Trennung erlebt haben. Die erste Generation von Nord- und Südvietnames*innen haben wenig Kontakt untereinander. Für die zweite Generation ist es weniger problematisch, diese Kluft zu überbrücken. Sie sind zudem eher bereit, über bestimmte Themen zu sprechen und bei rassistischen Angriffen gegen ihre Community an die Öffentlichkeit zu gehen.

Sie sind im ehemaligen Jugoslawien aufgewachsen, einer gespaltenen Region mit ihrem eigenen Konflikt. Was hat Sie dazu bewegt, ein Stück über Vietnam und Deutschland auf die Bühne zu bringen?

Zum einen hat mich meine eigene Einwanderung nach Westeuropa dazu gebracht, zum anderen aber auch das sehr seltsame Gefühl, das ich hatte, als meine Heimat zusammengebrochen ist. Plötzlich wurde ich von einer Jugoslawin zu einer Serbin – etwas, womit ich mich nicht identifizieren konnte. Ich erlebte den Zerfall meines Landes. Aber mit Vietnam war das Gegenteil der Fall: Sie vereinigten sich, konnten aber keine neue Identität finden. Dieses Problem der Anpassung an neue soziale und politische Systeme ist etwas, was mich sehr interessiert. Ob Jugoslawien, Vietnam oder Deutschland, wir werden alle von politischen Systemen manipuliert, die uns für ihre eigenen ideologischen Zwecke benutzen wollen.

Ihre dokumentarischen Stücke wirken oft sehnsüchtig. Was vermissen Sie?

Es geht darum, Dinge wieder ans Licht zu bringen, die vergessen oder marginalisiert wurden. Ich habe ein Bedürfnis, über eine Vergangenheit zu sprechen, die in vielen offiziellen Geschichtsbüchern einfach nicht vorkommt. In „Comrades, I’m Not Ashamed of My Communist Past zeige ich Szenen aus ungefähr 50 jugoslawischen Filmen. Das dient auch dazu, uns daran zu erinnern, dass wir ein sehr reichhaltiges Kino hatten, was oft vergessen wird. Meistens geht es nur um Krieg, wenn wir über Jugoslawien reden.

In diesem Stück trauern Sie auch um den Verlust von Werten wie Solidarität und soziale Gerechtigkeit. Ist das nur Tito-Nostalgie?

Nein, aber natürlich spreche ich von dieser Zeit als Kind. Das sind Erinnerungen an meine Jugend. Und man denkt als Kind anders über die Dinge nach. Ich bin keine Jugonostalgikerin, denke aber, dass einige der Werte, die wir sehr schätzten, verloren gegangen sind. Genauso wie mit der DDR.

Geschichte wird von den Gewinnern geschrieben.

Auf jeden Fall. Es ist eine gewöhnliche Strategie revisionistischer Narrative, ganze Errungenschaften und gelebte Erfahrungen wegzufegen, die nicht zu ihrer neuen Ideologie passen. Zum Beispiel Solidarität, Arbeitnehmerrechte und das Streben nach sozialer Gleichheit.

Sind aber Konzepte wie soziale Gerechtigkeit und Solidarität überhaupt mit Autokratie vereinbar?

Im Realsozialismus gab es wenigstens keine Konkurrenz in diesem Sinne. Privateigentum stand nicht im Mittelpunkt, sodass kein individueller Wettbewerb erforderlich war. Jetzt konkurrieren wir immer mehr, um unser eigenes Privatvermögen zu erwerben und zu erhöhen. Und wenn man von der DDR als Stasistaat spricht, kann man sich auch fragen, in was für einem System wir heute leben. Wenn wir aufwachen, unsere Laptops öffnen, auf Facebook gehen, Foodora bestellen und in ein Uber hüpfen: Welche Art von Kontrolle ist das? Wir alle wissen, was hier passiert, und akzeptieren es gerne, ohne es infrage zu stellen.

Sie sind derzeit Artist in Residence im Centre Dramatique National Orléans in Frankreich. Dort haben Sie „My Revolution is Better Than Yours“ entwickelt, ein Stück über die 1968er-Bewegung. Was bedeutet 1968 für Sie?

Der internationale Aspekt von 1968 ist für mich einer der interessantesten. Jeder hat sein eigenes nationales 1968, aber oft vergessen wir, dass es sich um eine globale Bewegung gehandelt hat. In Jugoslawien kämpften wir für individuelle Freiheit, in Frankreich strebten sie vielleicht eher danach, dahin zu kommen, wo wir als Gesellschaft waren (lacht). Belgrads 1968 fand aber im Juni statt im Mai statt. Wir haben also viel von den Studierenden in Frankreich kopiert. Nicht nur in Bezug auf die Organisation, sondern auch auf die revolutionäre Mode. Trotz der Unterschiede sehe ich aber durch meine Recherche viele Muster, die sich global wiederholten. Fünfzig Jahre später glaube ich allerdings, dass unsere Kinder uns vorwerfen werden, nicht genug getan zu haben. Sie werden viel mehr aufstehen als wir. Das sieht man schon darin, dass sie massenhaft gegen den Klimawandel auf die Straße gehen.

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