Serghij Zhadan im Interview

"Fußball ist das Einzige, was uns eint"

Der ukrainische Schriftsteller Serghij Zhadan über das 90-minütige Nationalgefühl seiner Landsleute und seine Hoffnung auf ein Ende des Regimes von Janukowitsch.

"Fußball ist nicht politisch, jedoch leicht für politische Ziele zu instrumentalisieren": Präsident Janukowitsch mit Uefa-Chef Platini.  Bild: dapd

taz: Herr Zhadan, was ist für Sie das Wichtigste an dieser EM?

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Serghij Zhadan: Dass tausende Ausländer, die hierher kommen, die Ukraine für sich entdecken. Wir führen doch immer noch ein Schattendasein Über die Ukraine wissen die meisten fast nichts. Und wenn doch, dann nur negative Dinge.

Was macht Si da so sicher?

Ich habe mit vielen ausländischen Fans und Journalisten in der Ukraine gesprochen. Einerseits sagen sie, wie sehr ihnen das Land gefällt und wie freundlich die Menschen sind. Anderseits kritisieren sie viel: Hotels, den Service, die Eisenbahn, Flugzeuge. Das alles sind Dinge, die nichts mit der Mentalität zu tun haben, sondern mit dem Funktionieren der Ukraine als Staat.

A propos die Ukraine als Staat: Es wurde und wird ja immer viel davon geredet, dass es in der Ukraine keine nationale Identität gibt.

37, ist ein ukrainischer Schriftsteller, Dichter und Übersetzer. In Charkow studierte er Germanistik und promovierte über ukrainischen Futurismus.

Seit 1991 ist Zhadan, der zahlreiche Lyrikbände veröffentlichte und mit dem Hubert-Burda-Preis 2006 ausgezeichnet wurde, eine der prägenden Figuren der jungen Charkower Literaturszene. Zudem organisiert er Literatur- und Musikfestivals. Mehrere seiner Werke, so der Roman "Depeche Mode", liegen auch auf Deutsch vor. Zuletzt gab er beim Suhrkamp Verlag den Band "Totalniy Futbol: Eine polnisch-ukrainische Fußballreise" heraus.

Wir suchen immer noch nach unserer Identität. Es gibt mehrere Identitäten. Die postsowjetische, die neue ukrainische Identität, ein Teil der Gesellschaft orientiert sich an neoliberalen Werten, andere wieder würden sich lieber heute als morgen mit Russland vereinigen und die Putin’sche Variante der Entwicklung wählen. Es gibt verschiedene Positionen, aber auch manches, was das Land verbindet. Sonst hätte die Ukraine schon längst aufgehört zu existieren.

Ist der Fußball so ein einigendes Band?

Das ist heutzutage der einzige Faktor, der alle verbindet. Ich habe das Spiel Ukraine gegen Schweden in Kiew im Station verfolgt. Dort waren Ukrainer aus allen Regionen des Landes. Sie sprechen verschiedene Sprachen (Ukrainisch und Russisch), gehen in verschiedene Kirchen und stimmen bei Wahlen für verschiedenen Kandidaten. Doch das Spiel ihrer Nationalmannschaft vereint sie alle. Sie singen die Nationalhymne, tragen alle die gelb-blauen Nationalfarben der Mannschaft und 90 Minuten lang fühlen sie sich als vereinigtes Ganzes.

Und danach?

Wenn die Fans das Stadion verlassen, verflüchtigen sich diese Einheit und diese Solidarität wieder. Das ist überhaupt eines der größten Probleme der heutigen ukrainischen Gesellschaft. Der Mangel an Solidarität. Es fehlt das Gefühl von Einheit, dass wir ein Land, eine Gesellschaft sind, wir uns gegenseitig unterstützen und unsere Interessen vertreten müssen.

Der Name der Oppositionsführerin Julia Timoschenko war ja vor der EM fast täglich in der deutschen Presse. Finden Sie, dass hier ein zu negatives Bild der Ukraine gezeichnet wurde?

Ja, es wurde viel geschrieben und dabei auch immer Politik und Fußball miteinander vermischt. Das ist nicht gut. Doch andererseits: Julia Timoschenko sitzt im Knast. Sie ist eine politische Gefangene. Und da ist sie nicht die Einzige. Doch es wäre wohl ehrlicher, eindeutiger und prinzipieller gewesen, wenn die westlichen Politiker nicht erst am Vorabend der EM begonnen hätten, über einen Boykott zu reden, sondern vor zwei Jahren, als Janukowitsch Präsident wurde. Sich jetzt darüber aufzuregen, das ist einfach unredlich.

Gerade die deutschen Politiker haben sich vor der EM vehement für einen Boykott des Wettbewerbs ausgesprochen. Bei den Vorrundenspielen waren sie nicht anwesend. Halten Sie das für überzogen?

Vonseiten der Politiker ist das vollkommen richtig. Ich bin für einen Boykott der ukrainischen Staatsmacht und des ukrainischen Präsidenten. Aber ich bin gegen eine Boykott der Ukraine.

Warum?

Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin bleibt, dann kann sie es sich wohl nicht erlauben, sich mit dem Präsidenten der Ukraine zu treffen. Denn das würde wie ein fauler Kompromiss aussehen. Darin kann ich ihr folgen. Etwas anderes ist es jedoch, wenn tausende deutsche Fans in die Ukraine kommen, dieses Land und seine Bewohner kennenlernen, dann gibt es keinen Grund, sie davon abzuhalten.

Wie politisch ist Fußball?

Fußball als solcher ist nicht politisch, jedoch ganz leicht für politische Ziele zu instrumentalisieren. So kann die Anwesenheit von Präsident Janukowitsch im Stadion ihm zusätzliche Unterstützung bringen. Manchmal passiert aber auch das Umgekehrte. Wenn er jetzt ins Stadion kommt, wird seine Anwesenheit dort nicht bekannt gegeben. Wäre das anders, würden alle anfangen zu pfeifen. Das zeugt von einem totalen Bankrott des Systems Janukowitsch.

Sie sind Schriftsteller. Hat sich seit dem Machtantritt von Janukowitsch vor zwei Jahen an Ihren Arbeitsbedingungen etwas geändert?

Es wird versucht, die Presse- und Meinungsfreiheit einzuschränken. Unabhängige Zeitungen und Fernsehsender werden geschlossen. Die Staatsmacht übt ständig Druck aus. Von einer totalen Zensur kann man jedoch noch nicht sprechen. Ich als Schriftsteller kann schreiben, was ich will. Ich kann die Staatsmacht kritisieren und alles sagen, was ich über sie denke.

Und Sie werden gehört?

Etwas anderes ist, dass es nicht so viele Kanäle gibt, um diese Informationen an die Leser zu bringen. Ich kann nur mit unabhängigen Internetseiten, Verlagen und Magazinen zusammenarbeiten, weil die Mehrheit der Medien in der Ukraine Oligarchen gehören. Die sind alle pro Janukowitsch.

Welche Perspektiven sehen Sie für die Ukraine?

Eine Perspektive haben wir nur bei einem Regierungswechsel. Je länger Janukowitsch und seine Leute an der Macht bleiben, desto weniger Chancen gibt es für reale Veränderungen. Doch ich hoffe, dass die Parlamentswahlen im Oktober den Anfang vom Ende dieses Regimes markieren.

Ist diese Hoffnung nicht etwas naiv?

Ganz und gar nicht. In der Gesellschaft herrscht große Unzufriedenheit. Von außen ist das so nicht gleich zu erkennen. Wenn irgendwelche Protestaktionen stattfinden, geht dort kaum jemand hin. Da könnte der Eindruck entstehen, die Situation sei stabil. Das versucht uns auch die Staatsmacht weiszumachen, die ständig von wirtschaftlichen Erfolgen redet. Doch das genaue Gegenteil ist der Fall.

Wer wird Europameister?

Das ist nicht wichtig. Die Hauptsache ist, dass es interessanten Fußball zu sehen gibt.

 

taz.de begleitet die Fußball-EM 2012 mit  den Schwerpunkt „Tribüne“, der die Perspektive von außen aufs Geschehen einnimmt. Alles weitere in „Aufm Platz“ und „Mixed Zone“.

19. 06. 2012

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