Serie Wohnen ist Heimat

Nirgends wohnt man günstiger

Calbe an der Saale verlangt pro Quadratmeter zwischen 3,50 und 6,23 Euro. Das Städtchen mit 8.700 Einwohnern liegt in Sachsen-Anhalt.

Altstadt mit Fluss

Calbe an der Saale von der idyllischen Seite Foto: imago/Rex Schober

Der Vorfreude auf einen Umzug folgt oft der ernüchternde Blick in den Mietspiegel der Wunschstadt. Bei einem Umzug nach Calbe an der Saale, einem beschaulichen Städtchen mit knapp 8.700 Einwohnern in Sachsen-Anhalt, dürfte das anders sein. Verschiedenen Immobilienplattformen zufolge verlangt Calbe im bundesweiten Vergleich merkbar geringe Mieten. Pro Quadratmeter zahlen Mietende zwischen 3,50 und 6,23 Euro kalt, das heißt, ohne Zusatzkosten wie Strom und Gas.

Zum Vergleich: Im halb so großen Schwebheim in Unterfranken fangen die Kaltmietenpreise bei 6,40 Euro pro Quadratmeter an, im kleinen Rust in Baden-Württemberg bei 7,10 Euro.

Auf der Internetseite der städtischen Wohnungsbaugesellschaft von Calbe an der Saale werden, Stand Dezember 2018, acht Mietwohnungen angeboten. „2 Zimmer mit herrlichem Panoramablick“ mitten in der Stadt kosten 222,58 Euro kalt, 3 Zimmer mit Balkon und einer Wohnfläche von rund 62 Quadratmetern 318,58 Euro, eine Singlewohnung mit Dusche und Fahrstuhl 185,79 Euro. Im Schnitt verlangt die Calbenser Wohnungsbaugesellschaft für den Quadratmeter 4,70 Euro. Sogar in Städten wie dem brandenburgischen Eberswalde, im Jahr 2009 noch die günstigste Stadt der Republik, kostet der Quadratmeter heute zwischen 5 und 8 Euro.

Einer Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) aus dem Jahr 2017 zufolge hat der Salzlandkreis, zu dem Calbe an der Saale gehört, zwischen 2000 und 2015 mehr als 19 Prozent seiner Bevölkerung verloren. Im Durchschnitt war ein Bewohner des Landkreises im Jahr 2015 älter als 48 Jahre.

Sven Hause ist Bürgermeister von Calbe an der Saale. Er sagt: „Eine Durchschnittsmiete von 4,70 Euro ist für Calbe ordentlich. Hätten wir keinen Leerstand von mehr als 20 Prozent, könnten wir gut damit leben.“ Leerstand aber drückt Mieten.

Sven Hausen Bürgermeister

„Man muss gegensteuern, damit die Menschen nicht das Gefühl beschleicht, in einer ausblutenden Stadt zu leben.“

Die Bauweise, die in Calbe an der Saale während der DDR praktiziert wurde, ist heute in großen Teilen denkmalgeschützt – kann also nicht immer zurückgebaut werden. Auf 180 Sterbefälle kamen im Jahr 2017 63 Geburten. Und Hause erinnert: „Anfang der 1990er ist ein kompletter Jahrgang weggebrochen. Dabei schmerzen vor allem die jungen Frauen im gebärfähigen Alter, deren Kinder heute wieder Kinder kriegen würden.“

Die Kinder von heute 28-Jährigen. „Das ist ein Echoeffekt, das hallt bis heute nach“, sagt Hause. Dass junge Menschen zum Studium und zur Ausbildung wegziehen, das sei natürlich noch immer so – aber eben auch in der DDR nicht anders gewesen.

1.930 Arbeitnehmende pendeln von Calbe aus in andere Städte, 1.700 kommen zum Arbeiten in die Stadt hinein. 2.760 Arbeitsplätze gibt es insgesamt, die Arbeitslosenzahlen sinken seit 2014. Zwischen 2014 und 2024 fließen Hause zufolge 60 Millionen Euro in die Infrastruktur, zu lange sei vorher aber nichts passiert. Kindergärten, eine komplette Schulinfrastruktur, eine gute Anbindung an die Autobahnen, Naherholungsgebiete, all das habe Calbe mittlerweile zu bieten. „Man muss gegensteuern, damit die Menschen nicht das Gefühl beschleicht, in einer ausblutenden Stadt zu leben“, sagt der Bürgermeister.

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