Seuchen und Aufklärung

Gottes gerechte Strafe

Seuchen haben neben der gesundheitlichen eine soziale Komponente: Sie breiten sich dort am stärksten aus, wo die Aufklärung nicht angekommen ist.

Ärztliche Schutzkleidung – wie sie vor der Aufklärung für angemessen gehalten wurde. Bild: imago/data73

Es befiel also „ohne irgendeinen Grund“ die Menschen „plötzlich aus heiler Haut zuerst eine starke Hitze im Kopf und Rötung der Augen“, bald waren „Schlund und Zunge blutig, der Atem sonderbar und übelriechend“, auf „Niesen und Heiserkeit“ folgten „Geschwüre und Ausschläge“ und auf „wässrigen Durchfall, innere Glut“ und „unstillbaren Durst“ ein Tod „vor Erschöpfung“.

Nicht nur „die Ärzte waren mit ihrer Behandlung machtlos gegen die unbekannte Krankheit“, sie „starben auch am ehesten selbst, da sie am meisten damit zu tun hatten“. Sterbende wälzten sich an den Brunnen, Verwesende werden bald aus den Häusern getragen und massenhaft verbrannt: „Da war keine Schranke mehr, nicht Götterfurcht, nicht Menschengesetz.“

Keine Gräuel des grauenvollen Peloponnesischen Krieges beschreibt sein Chronist Thukydides so eindringlich wie das Grauen einer seltsamen Krankheit, der er selbst knapp entkam und an der 430 vor Christus rund ein Viertel der Bevölkerung von Athen zugrunde ging. Hatten die spartanischen Gegner die Zisternen vergiftet? War es der Zorn der Götter? Verdorbener Weizen? Die Hitze und Enge in der überfüllten Stadt, wie Thukydides vermutet? Man wusste nicht und weiß noch immer nicht genau, was es mit der „Attischen Seuche“ auf sich hatte. Überhaupt ist die Unkenntnis über die Natur der Bedrohung bis heute ihr beunruhigendster Verbündeter.

Gesundheitlich wie sozial schlägt jede Seuche dort besonders verheerend zu, wo die Aufklärung noch nicht angekommen ist. Das gilt für den Dorfbewohner in Liberia – er mag nicht einsehen, warum er seine verstorbenen Verwandten nicht rituell waschen und aufbahren darf. Und es gilt für den Bild-Leser, der sich gern von angeblichen Ebola-Fällen mitten in Berlin begruseln lässt – er mag nicht so recht glauben, dass für ihn keine Gefahr besteht, zumal diese Gefahr ihn in seinen rassistischen Stereotypen bestätigt. Kein Wunder, wenn die Fledermäuse essen da unten!

Falsche Priester

Die Verheerungen betreffen nie nur das menschliche Immunsystem, die erstrecken sich immer auch auf das Meta-Immunsystem der menschlichen Gesellschaft. So konnte sich der „Schwarze Tod“ nur ungehindert verbreiten und Europa entvölkern, solange man lieber Brunnen vergiftende Juden dafür verantwortlich machte als Ratten, die infizierte Flöhe in jede Stube trugen. Denn siehe, „der Herr wird dir die Pestilenz anhängen, bis dass er dich vertilge“. (Mose, 28, 21).

Als 1832 die Cholera in Paris wütete, schrieb Heinrich Heine, wie falsche Priester geweihte Rosenkränze, Anhänger von Saint-Simon den Glauben an den Fortschritt und Bonapartisten den Anblick einer Säule des Kaisers als Heilmittel empfahlen. In den frühen Achtzigerjahren wurden manche Schwule zunächst das Gefühl nicht los, man wolle ihnen Errungenschaften wie eigene Clubs wieder abnehmen, während Homophobe das neue HI-Virus für eine gerechte Strafe Gottes halten wollten.

Krankheit als Buße

Wirksam war hier noch immer der Gedanke, dass das Elend der Wiederherstellung einer tradierten Ordnung dient und Träger der Krankheit für ihre Verstöße gegen diese Ordnung eine Art der Buße erleiden. Dabei hatte sich schon während der Aufklärung die Erkenntnis durchgesetzt, dass Hygiene vernünftig und die Vernunft hygienisch ist.

Als der englische Landarzt Edward Jenner mit intakten Pockenviren die erste Schutzimpfung entwickelte, zeigte sich sogar Immanuel Kant über die „Waghalsigkeit“ des Unterfangens besorgt, der Natur ein natürliches Mittel der Bevölkerungskontrolle aus der Hand zu nehmen. Später revidierte der Philosoph seine Meinung. Befehle die Regierung die Impfung, so sei sie „mithin erlaubt“.

Von einer ganz anderen Form des Umgangs mit dem Problem erzählt der Medizinhistoriker Stefan Winkle in seinem Standardwerk „Geißeln der Menschheit“. 1889, als eine tödliche Grippewelle tobte, bürgerte sich auf Einladungskarten der Zusatz ein: „Es wird gebeten, über Nora und Influenza nicht zu sprechen.“

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