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Sexualisierte Gewalt„Man darf nicht zulassen, dass sie zu sich kommt“

Acht Männer organisieren in Telegram-Chats Vergewaltigungen. Danach prahlen sie mit ihren Taten. Vier von ihnen wird der Prozess gemacht.

Anne Fromm
Sophie Fichtner

Aus München und Berlin und Wiesbaden

Anne Fromm und Sophie Fichtner

F ünf Stunden nach Verhandlungsbeginn im Landgericht München verliert Richter Markus Koppenleitner die Geduld. Ob ihm langweilig geworden sei mit seinem ersten Opfer, fragt der Richter den Angeklagten barsch. Zhongyi J. antwortet auf Chinesisch, eine Dolmetscherin übersetzt: Nein, ihm sei nie langweilig gewesen mit ihr.

Es ist Anfang März, seit zehn Tagen verhandelt der Richter bereits gegen Zhongyi J. Aber er will dem Angeklagten nicht glauben. Der Richter lässt die Akten holen, dann liest er vor: „Europäischer vollwertiger Autofahrer auf der Suche nach einem Auto“ – der Richter stockt. Dann wird er laut: „Das schreiben sie am 22. 7., am 26. 7., am 27. 7., am 28. 7., auch am 31. 7. Immer dieselbe Nachricht.“ Der Angeklagte schweigt.

Was Zhongyi J. mit diesen Nachrichten sucht, ist kein Auto, davon ist die Staatsanwaltschaft in München überzeugt. Er sucht eine Frau, die er betäuben und vergewaltigen kann. So, wie er es monatelang mit seiner Nachbarin getan hat. Ohne dass sie davon etwas wusste.

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Über Monate hinweg schickt er solche Nachrichten in vier verschiedene Chatgruppen. Sie sind in einer Geheimsprache verfasst: „Europa ist voll von Benzin“ und „Auf der Suche nach einem Auto“. Er sucht damit wohl ein neues Opfer. Bis er verhaftet wird.

Zhongyi J. war Mitglied in Chatgruppen, in denen Männer sich darüber austauschen, wie sie Frauen betäuben und vergewaltigen. Welche Medikamente sie den Frauen verabreichen, in welcher Dosierung. Was sie mit den Frauen anstellen, wenn sie bewusstlos sind, welche Gegenstände und Hilfsmittel sie für ihre Vergewaltigungen nutzen. Sie filmen und fotografieren ihre Opfer und sich selbst und teilen die Fotos und Videos in den Chatgruppen. Allein auf dem Handy von Zhongyi J. hat die Polizei nach seiner Festnahme im Dezember 2024 mehrere solcher Gruppen gefunden. In einer befinden sich über 4.500 Mitglieder.

Ihre Opfer waren fast nur chinesische Frauen

Seit Anfang Februar steht Zhongyi J. in München vor Gericht. Der 29-jährige Student, rundes Gesicht, große Brille, ist wegen versuchten Mordes und schwerer Vergewaltigung angeklagt. Er soll seine ehemalige Nachbarin, mit der er ein Verhältnis hatte, mindestens sieben Mal betäubt und vergewaltigt haben. Die Betäubungen soll er zum Teil so hoch dosiert haben, dass sie hätte sterben können. Von seinen Taten soll er Fotos und Videos gemacht haben, ohne dass sie es bemerkte. Zhongyi J. hat die Taten an seiner Nachbarin vor Gericht gestanden.

Die betäubten Frauen nennen sie in den Chatgruppen ‚tote Schweine‘

Mit dem Prozess um die Französin Gisèle Pelicot ist diese Art von Verbrechen an Frauen zuletzt international in die Schlagzeilen gekommen. Pélicot ist über mindestens zehn Jahre von ihrem Mann betäubt und anderen Männern im Internet zur Vergewaltigung angeboten worden. Fünfzig dieser Männer wurden im Dezember 2024 zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, Pélicots Ex-Mann bekam 20 Jahre.

Was Gisèle Pelicot erlebt hat, ist keine Besonderheit. Chatgruppen, in denen sich Männer darüber austauschen, dass sie Frauen betäuben und vergewaltigen, gibt es in vielen Sprachen. Sie tragen Titel wie „Schlampensharing“, „Schlafvergewaltigung“ oder „Peace Hotel“. Es sind geschlossene Gruppen, beitreten kann man nur, wenn man eingeladen wird. In den vergangenen Jahren sind mehrere Vergewaltiger-Netzwerke aufgeflogen – mit Tätern in Deutschland und anderen Ländern.

Der Fall, um den es in diesem Text gehen soll, ist besonders, weil er von einem kleinen, vertrauten Kreis handelt: Acht Männer, bis auf einen sind alle Chinesen. Sie leben in Deutschland, einer in den Niederlanden. Ausgetauscht haben sie sich in einer geschlossenen Chatgruppe. Ihre Opfer waren fast ausschließlich chinesische Frauen. Sie leben in Frankfurt am Main, Mannheim, Nürnberg, Berlin, München, Göttingen und in den Niederlanden. Bis heute sind nicht alle Opfer identifiziert.

In ihrer Chatgruppe nutzten die Männer eine Art Geheimsprache: „Fahrschule für Experten in Deutschland“ nannten sie die Gruppe. Frauen bezeichneten sie als „Autos“, attraktive Frauen waren für sie „Luxuswagen“, Frauen, mit denen die Täter Liebesbeziehungen hatten, ihre „Privatautos“. Die Medikamente, die sie den Frauen verabreichten, nannten sie „Öl“ oder „Sprit“. „Volltanken“ bedeutet, eine Frau betäuben, „Tankstellen“ waren die Orte, an denen die Männer die Mittel kauften. Sich selbst nannten die Männer „Fahrer“, die sedierten Frauen waren bei ihnen „tote Schweine“. Im Chat gaben sich die Männer gegenseitig Tipps. Sie kündigten an, sie würden heute noch „ein Auto fahren“ und vergewaltigten dann eine Frau.

Als der Fall von Gisèle Pelicot durch die Presse ging, schrieb ein Mann in dieser Chatgruppe: „haha bei so einer aktion wäre ich gern mal dabei“. Der Mann heißt Dapeng Z. Der 43-Jährige hat jahrelang Frauen sediert und vergewaltigt. Er ist der Administrator der Achtergruppe, in der auch der Student Zhongyi J. Mitglied ist.

Die Urteilsschriften sind ein Abriss des Grauens

Dapeng Z. kommt die Polizei als Erstem auf die Spur. Am 14. November 2024 wird er bei seiner Arbeit in Südhessen festgenommen, nachdem mehrere seiner Opfer Anzeige erstattet hatten. Mit seiner Festnahme fliegen auch seine Chatgruppen auf. Drei Wochen nach Dapeng Z. wird auch Zhongyi J. in seiner Wohnung festgenommen. Als die Polizei die Wohnung aufbricht, liegt sein Opfer, die Nachbarin, schlafend neben ihm. Wenige Stunden zuvor hatte Zhongyi J. sie noch betäubt und vergewaltigt. In den folgenden Wochen und Monaten werden weitere Mitglieder der Gruppe identifiziert und festgenommen, einer soll Suizid begangen haben.

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