Sexuelle Gewalt auf dem Oktoberfest

„Der Blick muss sich verändern“

Kristina Gottlöber von „Sichere Wiesn“ über alltäglichen Sexismus, die Dunkelziffer sexueller Übergriffe und Präventionsmaßnahmen.

Hand hält eine Maß Bier in den Nachthimmel

Triggert ohnehin vorhandenen Sexismus: Alkohol.  Foto: dpa

taz: Sie haben gerade mit den anderen Vereinen der Aktion „Sichere Wiesn für Frauen und Mädchen“ konferiert. Worum ging es?

Kristina Gottlöber: Unter anderem ging es um die vielzitierte Dunkelziffer von Vergewaltigungen auf dem Oktoberfest im Zusammenhang mit den sexuellen Übergriffen in Köln. Wir haben diskutiert und verschiedene europäische Studien zum Thema verglichen. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass bei Vergewaltigungen das Dunkelfeld zehn bis zwanzig mal so groß ist ist wie die tatsächlich angezeigten Straftaten.

Wie ist die Lage auf dem Oktoberfest?

Wir gehen von ähnlichen Werten aus, haben aber insbesondere Täter, die das Opfer nicht persönlich kennen. Hinzu kommen viele Frauen aus dem Ausland, die möglicherweise wegen geringer Aufenthaltszeit oder Sprachbarrieren keine Anzeige erstatten. In den Dunkelfeldstudien geht es hingegen nicht nur um sexuelle Gewalt im öffentlichen Raum, sondern auch um Taten im sozialen Nahraum, also Vergewaltigungen in Partnerschaften, der Familie oder der Ehe. Eine Untersuchung explizit auf dem Oktoberfest wäre sehr aufschlussreich.

Hat sich die Zahl der angezeigten Übergriffe verändert?

Die Zahl der Anzeigen schwankt von Jahr zu Jahr, insgesamt weniger geworden sind die Übergriffe nicht. 2015 gab es 20 Anzeigen aufgrund von Sexualdelikten, darunter eine versuchte Vergewaltigung.

Dann käme man mit den Schätzungen aus Studien auf ein Dunkelfeld von 200-400 sexuellen Übergriffen für das Jahr 2015. Werden Sie solche Dunkelziffern in Zukunft benennen?

Nein, wir haben keine wissenschaftliche Grundlage dafür, halten das somit für unprofessionell.

34, ist Dipl. Sozialpädagogin, arbeitet seit zwölf Jahren bei der Aktion "Sichere Wiesn für Mädchen und Frauen" und ist Bildungsreferentin bei IMMA e.V., der Initiative für Münchner Mädchen.

Offensiv eine Zahl zu nennen, hilft jedoch dabei, das Problem abzubilden. Aus diesem Grund gibt es ja Dunkelfeldforschung. Wäre es da nicht sinnvoll, dies auch zu tun?

Vielleicht. Mir als feministische Frau und Pädagogin reicht es jedoch aus, zu sagen, dass es eine großes Dunkelfeld gibt. Wir als Einrichtung müssen den Frauen vor Ort zur Seite stehen und auf das gesellschaftliche Problem allgemein aufmerksam machen. Jeder Übergriff ist einer zu viel.

Wie äußert sich sexualisierte Gewalt auf dem Oktoberfest?

Bestimmte Formen sexueller Gewalt gelten immer noch als Kavaliersdelikt. Einen Griff an den Po oder ein Bedrängen in einer Menschenmenge kann das Opfer zwar anzeigen, aber es wird nicht weiter verfolgt. Das Gesetz spricht von Nötigung und die muss in irgendeiner Form mit Bedrohung einhergehen oder eine Vergewaltigung sein. Alles was „darunter“ liegt, wird strafrechtlich nicht verfolgt.

Bildet sich Sexismus nicht einfach ein weiteres Mal beim Oktoberfest ab?

Sexuelle Gewalt findet überall statt. Jede Frau kann betroffen sein, aber auch Männer kann es treffen. Das Oktoberfest wie auch andere Großveranstaltungen, etwa Festivals, scheinen manche für eine moralfreie Zone zu halten. Dort treten gesamtgesellschaftliche Mechanismen wie etwa die Bagatellisierung von sexuellen Übergriffen und Schuldzuweisungen gegenüber Frauen viel deutlicher zutage. Gemäß der Leserichtung: Das Opfer habe sich falsch verhalten oder das falsche angehabt und sei selber schuld.

Sie meinen „Victim-blaming“?

Ja, sogenannte Vergewaltigungsmythen. Frauen werden über alle Altersgruppen hinweg sexuell belästigt und vergewaltigt. Ebenso wenig schützt Kleidung vor sexueller Gewalt. Wir sagen immer, dass man dem Gesetz nach auch völlig nackt und besoffen über das Oktoberfest laufen können muss ohne angefasst zu werden. Schuld ist immer der Täter.

Die Aktion „Sichere Wiesn“ erteilt doch auch Tipps für Frauen.

Wir befinden uns da in einem Spannungsfeld, das wir immer wieder diskutieren. Frauen sollten sich nicht schützen müssen. Wir wollen, dass sexuelle Gewalt verschwindet, nicht mehr toleriert und bagatellisiert wird. Gleichzeitig erleben wir jedes Jahr das Gegenteil und müssen darauf reagieren. Uns ist es wichtig, Frauen in ihrem Selbstschutz zu bestärken. Auch das hat feministische Tradition etwa in Frauenselbstbehauptungskursen.

Wie lauten ihre Ratschläge?

Zum Beispiel: Leg dich nicht auf dem Gelände zum Schlafen hin. Wir weisen daraufhin, dass es bestimmte Gefährdungsorte und -situationen gibt. Auf dem Heimweg finden immer wieder Übergriffe statt. Eine andere typische Gefährdungssituation ist das Verlassen des überfüllten Bierzelts.

Sagen Sie letztlich dann nicht auch nur, wie die Opfer sich schützen können? Müsste man nicht eigentlich die Täter schärfer reglementieren?

Immerhin gibt es seit drei Jahren inzwischen auch die Aktion „Wiesngentleman“, der sich speziell an Männer wendet. Nach dem Motto „Ohne Stress feiern und Spaß haben, verhalte dich wie ein Gentleman“. Eine gute Aktion, die sich dem widmet, was wir als explizierte Frauenorganisation nicht leisten können.

Wie ist ihre Bilanz aus zwölf Jahren Präventivarbeit gegen sexuelle Gewalt auf dem Oktoberfest?

Die Zahl unserer betreuten Klientinnen ist in zwölf Jahren kontinuierlich von 27 auf 200 angestiegen. Wir führen das auf den Umfang und die Bekanntheit unserer Aktion sowie unsere Öffentlichkeitsarbeit zurück. Inzwischen wissen viele Besucherinnen: „Wenn ich mich nicht sicher fühle, kann ich zum Security Point Sichere Wiesn“. Die Polizei arbeitet eng mit uns zusammen, ebenso bringen viele Privatpersonen, Gewerbetreibende von den Ständen und Bedienungen aus den Zelten Frauen zu uns, die Unterstützung brauchen.

Erhoffen Sie sich wegen der erhöhten Aufmerksamkeit zum Thema jetzt eine höhere Anzeigequote?

Ich hoffe, dass mehr Frauen die Täter anzeigen. In der Folge müssen aber auch Strafverfolgungsbehörden gut damit umgehen und den Frauen glauben. Mit reformierten Gesetzen alleine ist es nicht getan, der gesellschaftliche Blick muss sich verändern.

 

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