In Stockholm stiehlt eine Putzfrau einen Zug und rast damit in ein Wohnhaus? Offenbar nicht: Die Putzfrau scheint selbst das Opfer gewesen zu sein.von Reinhard Wolff

Geisterfahrt in ein Haus: Das Zugunglück in Schweden passierte offenbar wegen Sicherheitsmängeln der Bahn. Bild: rtr
STOCKHOLM taz | Geschichte und Bilder gingen um die Welt. Und auch die taz verbreitete eine entsprechende dpa-Meldung: In Stockholm stiehlt eine Putzfrau einen Zug und rast damit in ein Wohnhaus. Doch mittlerweile sieht es so aus, als wäre die „Zugdiebin“ gar keine gewesen. Vielmehr scheint sie das – schwer verletzte – Opfer von Sicherheitsmängeln beim Bahnbetreiber Arriva, einer Tochter der Deutschen Bahn, zu sein.
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Ein Arriva-Sprecher war es, der am Morgen nach dem Unfall zusammen mit einer Sprecherin der Stockholmer Nahverkehrsgesellschaft SL die Geschichte von der Putzfrau, die den Zug aus dem Depot gestohlen habe, in die Welt setzte. Völlig unvorstellbar sei ein Versehen und damit ein anderer Hergang. Was nicht stimmte.
Es steckte ein Schlüssel im Schloss, und damit war der Weg für eine Geisterfahrt frei. Im Winter ist es im Bahndepot offenbar Routine, alle Bremsen zu lösen und in dieser gelösten Stellung zu fixieren, um ein Festfrieren und damit eine Verzögerung der morgendlichen Betriebsaufnahme zu vermeiden. Gleichzeitig waren für den Zug die Weichen zur ersten Morgentour schon gestellt. Die Betriebszentrale ist aus Kostengründen einige Nachtstunden nicht besetzt. Weshalb sie auch nicht den Fahrstrom abstellen und damit die Geisterfahrt stoppen konnte.
Es genügte, dass die erst seit Kurzem beschäftigte Putzfrau den Fahrersitz nach vorn klappte. Dessen Lehne schiebt mit dieser Bewegung nämlich den Fahrthebel auf „Betrieb“. Ein merkwürdiges Designdetail dieser jahrzehntealten U-Bahn-Züge, auf das mit dem Modell vertraute Zugführer sofort nach dem Unfall verwiesen. Sie verwiesen auch darauf, dass die Notbremsen in diesen Zügen in den Fahrgastbereichen deaktiviert seien und nur vom Fahrerstand aus bedient werden können. Eine mit der Technik nicht vertraute Person hatte damit kaum eine Chance, den einmal in Fahrt befindlichen Zug zu stoppen.
Wollten Arriva und SL von diesen unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen ablenken, als sie sogleich die „Zugdiebin“ erfanden? Oder waren die Medienverantwortlichen nur selbst nicht informiert? Am Freitag bedauerten beide ihre voreilige Festlegung. Arriva hat alle Veranlassung, sich „in Grund und Boden zu schämen“, kritisiert Johnny Nadérus von der Gewerkschaft Seko.
Fragen müssen sich auch Medien und Agenturen stellen lassen, die die Arriva/SL-Darstellung so unkritisch einfach übernahmen und eine womöglich unschuldige Angestellte aufgrund bloßer Verdächtigungen seitens der für die Sicherheit Verantwortlichen zur Kriminellen erklärten.
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Leserkommentare
21.01.2013 20:57 | aeon
Komische Sache: kein Totmannschalter? Keine Indusis? Was geht denn da in Schweden im Bahnverkehr ab?
20.01.2013 11:45 | Löwenzähnchen
Es ist etwas früh Schlüsse zu ziehen. Habe gelesen von einem Lokführer, dass es mehrere mögliche Szenarien für dieses Unglü ...
19.01.2013 13:45 | oranier
Dass die taz und andere Medien ein derartiges Sensationsmärchen einfach so ungeprüft und kritiklos verbreiten, dafür sollte ...