Snowden und die NSA-Affäre

Aufregen, jetzt!

Millionen Telefongespräche abgehört, tausende Nutzerkonten abgegriffen – Überwachung überall. Und wir nehmen's einfach hin?

Mehr davon! Protest gegen die Datenspionage in Berlin. Bild: dpa

Der 4. Juli stand diese Woche merkwürdig in der Zeit. Einigen Amerikanern fiel es schwer, ihren Unabhängigkeitstag zu zelebrieren. Tausende demonstrierten in New York, San Francisco, Los Angeles, Boston und Washington gegen die Spionage-Angriffe des Geheimdienstes NSA. Die Bewegung „Restore the Fourth“ hatte zu Protestaktionen aufgerufen, sie bezieht sich auf den vierten Artikel der US-Verfassung, der vor willkürlichen Durchsuchungen schützen soll.

Es ist die erste Regung, die sich auf den Straßen eines Landes zeigt, das die Medien seit Edwards Snowdens Enthüllung wieder vermehrt „Überwachungsstaat“ nennen.

Sie stellen auch die Frage, wo eigentlich die Entrüstung der Menschen bleibt. „Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich mache und sage, aufgezeichnet wird,“ hatte Snowden gegenüber dem Guardian gesagt. Ein Mann, der heimlich seine Freundin, ein Jahreseinkommen von rund 200.000 Dollar und ein Leben auf Hawaii aufgibt, seit zwölf Tagen auf dem Flughafen in Moskau wohnt und zum Spielball zwischen den USA und Russland geworden ist.

Was machen die mit meinen Daten? Die Titelgeschichte "Wir wissen, was du morgen tun wirst" lesen Sie in der taz.am wochenende vom 6./7. Juli 2013. Darin außerdem: Im Dschungel Ecuadors wehrt sich ein Dorf gegen die Begierden der Erdölindustrie. Und der Streit der Woche zur Frage: Darf man öffentlich knutschen? Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

Als am Donnerstag Datenaktivisten in Berlin zur Demo am Brandenburger Tor aufriefen, kam kaum jemand.

Wo beschwert man sich denn hier?

600 Millionen Telefongespräche geraten täglich in die Netze des britischen Geheimdienstes GCHQ, die NSA soll mithilfe ihres Spähprogrammes PRISM allein bei Facebook in einem halben Jahr 10.000 Anfragen zu Daten von Usern gestellt, sich Zugang zu 19.000 Nutzerkonten verschafft haben. Den Verdacht, dass sich die Dienste der „Five Eyes“ USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland bei der Beschaffung von Informationen außerdem unterstützen, gibt es schon lange.

Was das eine Land nicht zapft, zapft vielleicht das andere.

Und wir regen uns nicht mal richtig auf?

Sicher reden viele darüber. Schließlich finden wir das unmöglich. Ist doch die intimste Privatsphäre, die da angegriffen wird. Gleichzeitig verstehen wir gar nicht, wie genau. Was womöglich die Aufregung daran hindert, auszubrechen. Man weiß ja gar nicht: Wo beschwert man sich denn hier? Bei Google, Apple, Facebook? Bei NSA, BND, GCHQ? Bei Barack Obama, Angela Merkel, David Cameron? Bei der EU?

So interessant bin ich auch nicht, heißt es dann oft. Wir reagieren mit einem Galgenhumor, der erahnen lässt, dass uns die Intransparenz dieses Skandals, von dem wir im Prinzip nur wissen, dass er gewaltige Ausmaße hat, unheimlicher ist, als wir zugeben. Leute, die mehr über ihn wissen als das, wünschen sich deshalb mindestens so etwas wie: den Aufstand.

Digitale Untertanen und ihre begründete Paranoia

Hamburgs Datenschutzbeauftragter Johannes Caspar sagt in der taz.am wochenende: „Wir müssen aufhören, digitale Untertanen zu sein. Sonst droht am Ende der Verlust der Freiheit für alle.“

Der Gründer der Organisation Europe versus Facebook Max Schrems, sagt, man sollte „in einer Demokratie in keiner begründeten Paranoia leben müssen.“

The Atlantic-Autor Derek Khanna schreibt, eine Regierung hätte „den natürlichen Hang dazu, ihre Macht zu missbrauchen.“

Er fragt: Warum sollte die Regierung bei der Abwehr von Terrorangriffen schon halt machen? Warum nicht auch nach Raubkopierern fahnden? Warum nicht die Geschwindigkeit jedes Autos überwachen? Fahren ja viel zu schnell – was auch Leben kosten kann.

Er antwortet: Weil es den vierten Artikel der Verfassung gibt. Die Freiheit des Menschen.

sonntaz-Reporter Johannes Gernert hat sich, unvoreingenommen erst, auf die Suche nach seinen Daten gemacht. Er ist bei der Firma Acxiom gelandet, einem der größten Datensammler der Welt. Spätestens als er seine eigene Akte einsah, wurde ihm mulmig. „Wir brauchen einen neuen Deal“, schreibt er in der Titelgeschichte „Wir wissen, was du morgen tun wirst" der taz.am wochenende. „Echt, jetzt!“

Müssen wir uns besser vor Datenklau schützen? Müssen wir mehr Transparenz von Regierungen und Online-Konzernen fordern? Dass Geheimdienste in diesem Ausmaß überwachen, überrascht Sie gar nicht? Wir freuen uns über Ihre Meinung. Diskutieren Sie mit – hier auf taz.de

 

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