Somalische Flüchtlinge in Kenia

Angst vorm langen Arm der Shabaab

In Nairobi sind viele somalische Flüchtlinge gelandet. Doch der Konflikt in ihrer Heimat holt sie ein. Auch Kenia führt in Somalia Krieg gegen die Shabaab-Islamisten.

Shabaab-Milizen in der Nähe der somalischen Hauptstadt Mogadischu.  Bild: reuters

NAIROBI taz | Amran Mohamed und Katra Ahmed teilen denselben Schmerz. Beide somalischen Flüchtlingsfrauen in Kenia haben Angehörige an die radikalislamistische Miliz Al-Shabaab verloren.

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Abdulrahman, Amrans 14-jähriger Sohn, verschwand vorigen Monat - mitten in Nairobi. "Als er nicht heimkam und ich ihn suchen ging, erzählten seine Freunde, dass Shabaab-Mitglieder versuchen, sie zu rekrutieren. Das geschah in der Koranschule, wo mein Sohn mittags Unterricht bekam", erzählt sie.

Beide Frauen leben mit ihren Familien in Einzimmerwohnungen in Eastleigh, einem Viertel von Nairobi, wo überwiegend Somalier oder Kenianer somalischer Herkunft wohnen. Die Gegend wird auch "Klein-Somalia" genannt. Nachdem Amrans Sohn verschwand, erstattete sie Anzeige. Der Eigentümer der Koranschule wurde prompt verhaftet. "Einen Tag später war er schon wieder auf freiem Fuß. Mir wurde erzählt, dass er die Polizei geschmiert hat."

Die Serie von Terroranschlägen in Kenia, die möglicherweise von Somalias islamistischer Shabaab-Miliz verübt wurden, hat sich am Wochenende fortgesetzt. In der Nacht zum Sonntag starben zwei Menschen, darunter ein 7-Jähriger, als zwei Granaten in eine Pfingstkirchengemeinde in Garissa geworfen wurden. Es ist der zweite Anschlag in Garissa, der größten somalisch besiedelten Stadt Kenias.

Am Sonntag explodierte eine ferngesteuerte Bombe nahe Mandera an der kenianisch-somalischen Grenze und verfehlte knapp ein Militärfahrzeug. Am Freitag war eine Schweizer Touristin im Shaba-Nationalpark schwer verletzt und ihr Fahrer getötet worden. Kenias Armee war am 16. Oktober in Somalia einmarschiert, um die Shabaab zu bekämpfen; die Miliz hat Rache auf kenianischem Boden geschworen.

Amran Mohamed fürchtet, ihren Sohn nie mehr wiederzusehen. Ihr Ehemann wurde vor zwei Jahren in Somalias Hauptstadt Mogadischu von Shabaab-Milizen ermordet. Damals floh sie nach Kenia. Aber der Arm der Shabaab reicht auch bis dorthin.

Der Sohn ist Teil der Miliz

Im Oktober marschierte Kenias Armee in das Shabaab-Gebiet im Süden Somalias ein. Wichtigstes Ziel ist die Hafenstadt Kismayo, eine Hochburg der Shabaab und eine wichtige Einnahmequelle. Dort kommen nicht nur Importgüter für Somalia an, sondern es werden auch viele Waren über Kismayo nach Kenia hineingeschmuggelt, die bei der regulären Einfuhr verzollt werden müssten. Sie landen bei somalischen Händlern in Eastleigh. Dort kosten viele Dinge daher nur halb so viel wie anderswo.

"Ich finde es gut, dass Kenia versucht, Shabaab anzugreifen", sagt Amran Mohamed. "Aber gleichzeitig habe ich Angst, dass mein Sohn getötet wird, weil er jetzt Teil dieser Miliz ist." Sie unterdrückt ihre Tränen. Sie macht sich Vorwürfe, dass sie ihren Sohn nicht genug gewarnt hat.

Schuldgefühle hat auch Katra Ahmed. Ihr 18-jähriger Bruder Ali schloss sich vor vier Monaten den Shabaab an. "Er besuchte regelmäßig Diskussionsabende in der Moschee. Die sind oft wirklich interessant. Aber nachdem er spurlos verschwand, hörte ich von seinen Freunden, dass auch Extremisten dorthin kamen. Sie riefen die jungen Leute auf, sich am heiligen Krieg in Somalia zu beteiligen."

So ist Somalias Bürgerkrieg längst in Kenia angekommen. Und seit der kenianischen Militärintervention werden die Shabaab auch militärisch in Kenia tätig. Kurz nach Beginn des Einmarsches explodierten in Nairobi zwei Handgranaten. Ein Mann kam ums Leben, Dutzende wurden verwundet. Der Täter ist ein junger Kenianer, zum Islam konvertiert. Er war nach Somalia gegangen und von Shabaab trainiert worden.

Die Infrastruktur ist zerfallen

"Es ist ein offenes Geheimnis, dass Shabaab nicht nur Somalis rekrutiert, sondern Kenianer von anderen Volksgruppen", meint der somalische Radiojournalist Suhaib Said in Eastleigh. "In Kenia gibt es so viele arbeitslose junge Menschen. Die brauchen keine Ideologie, um sich zu vermieten. Geld reicht."

Auf Eastleighs Straßen laviert man zwischen Händlern, hupenden Autos und riesigen Pfützen. Die Infrastruktur ist zerfallen. Die Regierung macht nichts. Seit Shabaab mit Vergeltung auf den kenianischen Einmarsch in Somalia gedroht hat, gibt es immer wieder Razzien von Polizei und Armee. Wer somalisch aussieht, wird in Nairobi schief angeguckt, sagt der Journalist Said: "Die Menschen sind misstrauisch. Ich wohnte nicht in Eastleigh, aber jetzt bin ich hergezogen, weil ich mich nicht mehr wohlfühlte in meinem Viertel. Hier sehe ich aus wie jeder andere."

In Nairobi geht jetzt die Angst vor Bombenanschlägen um. Man hat Erfahrung damit. 1998 sprengte al-Qaida die US-Botschaft in Nairobi in die Luft, wobei weit über 200 Menschen um Leben kamen. 2002 gab es 13 Tote bei einem Anschlag auf ein Hotel in Mombasa, wo vor allem israelische Gäste verkehrten.

Jetzt stehen vor Ämtern Besucher Schlange, weil jeder gründlich durchsucht wird. Bei Einkaufszentren stehen Autos im Stau, weil Spürhunde jeden Wagen beschnuppern. Ein Brautpaar musste sich auf dem Weg zum Hochzeitsempfang einer Leibesvisitation unterziehen. Said bezweifelt, dass all dies etwas nützt: "Es weiß doch keiner, wie Shabaab aussieht."

 

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