Die M23-Aufständischen bekämpfen sich gegenseitig, Milizen plündern die größte Rebellenstadt Rutshuru. Und die Bevölkerung? Sie irrt durch die Berge.von Simone Schlindwein
Mit Bettzeug und Viehzeug, Hauptsache weg: Einwohner von Bunagana fliehen über die nahe Grenze nach Uganda. Bild: Simone Schlindwein
BUNAGANA taz | Sobald die ersten Sonnenstrahlen hinter den Vulkanen hervorblinzeln, wird das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar. Tausende Kongolesen flüchten über den Schlagbaum aus der Grenzstadt Bunagana ins Nachbarland Uganda. Der 16-jährige Moise Kazani trägt kurze Hose und Unterhemd, er friert in der Kühle des Morgentaus. Er habe geschlafen, als die Kämpfe begannen: „Ich bin Hals über Kopf davongerannt, als ich Schüsse hörte.“
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Erst im Juli war Moise schon einmal nach Uganda geflüchtet. Damals hatten die Rebellen der M23 (Bewegung des 23. März) gerade Bunagana erobert. In den vergangenen acht Monaten hatte die M23 dort für ihr Territorium im Ostkongo eine Art Staat errichtet, mit Verwaltung und „Präsident“. Jetzt scheinen diese Strukturen zusammenzubrechen wie ein Kartenhaus.
Die M23-Büros in Bunagana sind verwaist. Die Zelte auf den Hügeln, wo bislang hunderte Kämpfer hockten, stehen leer. Die M23-Administratoren aus der 25 Kilometer entfernten Bezirkshauptstadt Rutshuru wohnen im Hotel in Bunagana, wie Vertriebene im eigenen Land.
Der Grund: Die M23 hat sich gespalten, und im Zuge dieser Spaltung verließen die M23-Truppen Rutshuru, die größte Stadt ihres Gebietes, und überließen die 100.000 Einwohner sich selbst. Sofort rückten verschiedene Milizen in die Stadt ein. „Wer diese Männer in Uniform sind, kann ich nicht sagen, sie gehen von Haus zu Haus und plündern uns aus“, erzählt Petrus Bahati, der sich aus Rutshuru in einen Vorort von Bunagana retten konnte. „Die M23 hat uns einfach im Stich gelassen.“
Frauen, Männer und Kinder marschieren die staubige Straße hoch, die sich aus Rutshuru durch die Berge nach Bunagana schlängelt. Schwitzend schleppen sie Bündel auf dem Kopf, alles, was sie schnell einpacken konnten. Emmanuel Habirimana trägt einen Sack Reis über den Schultern, seine Frau das Kochgeschirr, die fünf Kinder Wasserkanister und Bettdecken. Aus dem 14 Kilometer entfernten Dorf Runyoni sei er kreuz und quer durch die Gegend geirrt: „Wir wissen gar nicht, wo es sicher ist“, keucht er. „Überall gehen die M23 aufeinander los.“
Die Rebellen lieferten sich in der Nacht zu Freitag ein sechsstündiges Feuergefecht zwischen Bunagana und Rutshuru. M23-Militärchef Sultani Makenga, dessen Truppen Bunagana kontrollieren, setzte in der Nacht zuvor M23-Präsident Jean-Marie Runiga ab, der sich weiter südlich aufhalten soll. Er wirft ihm Zusammenarbeit mit dem vom Internationalen Strafgerichtshof gesuchten Bosco Ntaganda vor. „Wir werden Ntaganda suchen, verhaften und ihn an den Strafgerichtshof übergeben“, sagt Amani Kabasha, Sprecher des Makenga-Flügels. Makenga führe die Verhaftungsoperation.
Runigas Telefon beantwortet Oberstleutnant Seraphin Mirindi. Runiga habe jetzt M23-Militärchef Makenga suspendiert, da dieser Runiga unrechtmäßig entlassen habe, erklärt er. „Wir sind nicht mit Ntaganda, wir verteidigen uns nur“, sagt er der taz.
Dieser Streit ist der Bevölkerung herzlich egal. Bahati aus Rutshuru sagt es so: „Ich wünsche mir, dass es irgendwann mal eine Regierung gibt, die man als solche bezeichnen kann, egal wer sie stellt.“
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