Streit um Sportkleidung für Musliminnen

Obenrum frei

Der Sportartikelhersteller Decathlon nimmt nach Protest einen Hidschab aus dem Sortiment. Das ist mal wieder eine Empörung an der falschen Stelle.

Ein Screenshot der Website von Decathlon mit dem Jogginghijab

Decathlon bietet den Jogginghidschab inzwischen nicht mehr an Screenshot: Decathlon Hijab

Wie Frauen sich kleiden, ist ein wiederkehrendes Politikum. Wie muslimische Frauen sich kleiden, darüber erregen sich die Gemüter besonders gern. So auch diese Woche in Frankreich, wo der Sportartikelhersteller Decathlon einen speziellen Jogginghidschab auf den Markt bringen wollte – was für Boykottaufrufe und Drohungen sorgte. Daraufhin nahm das Unternehmen den Hidschab schließlich aus dem Sortiment.

Decathlon hatte zunächst mitgeteilt, dass die Kopfbedeckung nur in Marokko erhältlich sein sollte. Wenig später hieß es, dass der Hidschab bald auch in Frankreich verkauft werde. Diese Ankündigung löste eine Protestwelle aus, wobei sich auch französische Politiker*innen zu Wort meldeten.

Von „einer Marke, die mit unseren Werten bricht“, schrieb Aurore Bergé von der Regierungspartei La République en Marche auf Twitter. Gesundheitsministerin Agnès Buzyn erklärte, sie hätte es vorgezogen, „wenn eine französische Marke nicht für den Schleier geworben hätte“, denn das Kopftuch vermittle „ein Bild von einer Frau, das sie nicht teile“. Wie so oft soll es also um Werte gehen, diesmal um den Wert der Freiheit. Und um Bilder, wie so oft um das Bild der Frau.

Bergé und Buzyn pflichten mit ihren Aussagen „besorgten Bürger*innen“ bei und profilieren sich als Verteidigerinnen „französischer Werte“. Ihre tatsächliche Aussage ist jedoch das Gegenteil von Freiheit und Gleichheit: Dass Frauen in einem französischen Sportartikelgeschäft einen Hidschab zum Joggen kaufen können – das geht nicht. Dahinter steht Islamfeindlichkeit und ein vermeintlicher Feminismus, der das Bild der freien Frau stets als das Bild einer Frau zeichnet, die ihr Haar ganz unbekümmert im Wind tanzen lässt.

Nicht erfunden

Wenn eine Frau (beim Sport) aus religiöser Überzeugung einen Hidschab trägt, gilt sie als nicht frei – selbst wenn sie sich frei fühlt. Das liegt aber nicht am Hidschab, sondern daran, dass sie aufgrund ihrer Kleiderwahl und ihres Glaubens be- und verurteilt wird. Das ist Europas bittere Wahrheit im Jahr 2019. Das Kopftuch und in der Konsequenz seine Trägerinnen werden immer wieder zum Politikum, ob sie wollen oder nicht.

Mit Kopftuch am Sport teilnehmen zu dürfen mussten Frauen sich erkämpfen

Sportler*innen mit Hidschab werden zunächst zu ihrem Hidschab befragt, zu ihrem Welt- und Frauenbild, zu ihrer reli­giö­sen Einstellung. Als müssten all diese Fragen erst beiseitegeräumt werden, bevor die vermeintlich aufgeklärte Wertegesellschaft sich dem zuwenden kann, worum es eigentlich geht: der Politik. Oder Bildung. Oder eben Sport. Die Liste ist lang.

Mit Kopftuch an sportlichen Wettkämpfen teilnehmen zu können ist eine Freiheit, die sich muslimische Frauen und ihre Un­ter­stützer*innen erkämpfen mussten. Erst 2012 hob die Fifa das Kopftuchverbot bei Fußballspielen auf. Bis 2013 war das Tragen eines Kopftuchs bei Boxwettkämpfen in Deutschland nicht erlaubt. Die Berliner Boxerin Zeina Nassar setzte sich damals zusammen mit ihrer Trainerin immer wieder dafür ein, diese Vorschrift zu ändern – mit Erfolg.

An der Produktpalette und den Imagekampagnen von Decathlon und Nike ließe sich so viel anderes kritisieren. Zum Beispiel, dass diese großen Firmen zwar Sichtbarkeit für den Sporthidschab herstellen, aber unerwähnt lassen, dass sie das Produkt und die kopftuch­tragende Sportlerin natürlich nicht erfunden haben. Die Marken mögen ein Zeichen für Diversität im Sport setzen. Gute Arbeitsbedingungen und faire Löhne für die Frauen, die ihre Produkte nähen, gewährleisten sie dabei jedoch nicht. Es gibt also genug Probleme, mit denen wir uns beschäftigen könnten, wenn es um freiheitliche Werte geht.

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