Stunk um „SZ.de“-Chefin Julia Bönisch

Stunk im Turm

Weil sie einen Text im Branchenblatt „Journalist“ verfasst hat, gerät die Digitalchefin der „Süddeutschen Zeitung“, Julia Bönisch, unter Druck.

Julia Bönisch, Chefin von sueddeutsche.de, im Oktober 2018 auf den Münchner Medientagen

Dass Bönisch die Frauenfrage jetzt zum Thema macht, empfinden Kolleginnen als opportunistisch Foto: picture alliance/Matthias Balk/dpa

BERLIN taz | Es dürfte lange her sein, dass ein einzelner Text in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung für so viel Furore gesorgt hat, wie der, den die Digital-Chefin Julia Bönisch gerade veröffentlicht hat. Erschienen ist er im Journalist, dem Medienmagazin des Deutschen Journalistenverbands.

Bönisch schreibt darin, was ihrer Ansicht nach einE ChefredakteurIn heute leisten muss: weniger Schönschreiberei, mehr Management, weniger in Texten denken und mehr in „Workflows, Prozessen und ihrer Optimierung“. Sie schreibt vom Gegenwind den sie, als „Frau, Onlinerin, noch keine 40“, spüre. „Damit stehe ich für fast alles, was unbequem und lästig ist: für Veränderung, für Digitalisierung, für einen Generationenwechsel, der auch Frauen an die Spitze bringt.“ Die digitalen Herausforderungen kämen nur langsam in den Redaktionen an, viele Kollegen verharrten zu sehr im Gestern. „Geht es aber um uns selbst, zeigen wir noch stärkere Beharrungskräfte als die katholische Kirche“, so Bönisch – womit sie zwar die ganze Branche meint, aber eben auch das eigene Haus, in dem sie seit elf Jahren arbeitet.

Freunde gemacht hat sich Bönisch damit keine, im Gegenteil. Es distanzieren sich Kollegen und sogar der Betriebsrat. Mit dem Text hat Bönisch offenbar eine Reihe von Tabus gebrochen.

Es sind vor allem drei Punkte, die einen Großteil der Redaktion gegen Bönisch aufgebracht haben: die Frauenfrage, die internen Konflikte, die sie nach außen trägt, und ihre Behauptung, es sei nötig geworden, die strikte Trennung von Redaktion und Verlag aufzuheben. In vielen Medien ist das – Digitalisierung hin oder her – ein absolutes No-Go. In der SZ ist jene Trennung seit den 70er Jahren im Redaktionsstatut verankert, vereinbart wurde sie einst von Redaktion und Verlag.

Betriebsrat sieht Statut verletzt

Am Donnerstag musste sich Bönisch vor rund 150 KollegInnen rechtfertigen. Redakteure, die dabei waren, beschreiben die Versammlung eher als „Grillfest“ denn als Aussprache, weil Bönisch so hart angegangen worden sei. Bönisch selbst wollte sich gegenüber der taz nicht äußern. In der Versammlung habe sie sich, erzählen Teilnehmer, für einige Formulierungen entschuldigt. Es sei nicht ihr Anliegen gewesen, Kollegen zu verletzten. In ihren Äußerungen zur engeren Zusammenarbeit von Verlag und Redaktion habe es Missverständnisse gegeben. Eine Richtigstellung wolle sie allerdings nicht drucken.

Der Betriebsrat sieht in Bönischs Äußerungen zur Trennung von Verlag und Redaktion sogar das Redaktionsstatut verletzt. „Das ist nicht das Berufsbild, dass wir als Betriebsrat vertreten“, sagt Franz Kotteder, einer der Vorsitzenden des SZ-Betriebsrats. Und: „Es ist schon merkwürdig, dass Julia Bönisch in ihrem Text offenbar unter moderner Führung versteht, einen großen Teil der Belegschaft gegen sich aufzubringen.“ Bönisch erkläre mit ihrem Text ihre Kollegen für unfähig, die neue Form des Journalismus zu verstehen.

Intern bekommt Bönisch Unterstützung einiger Onlinekollegen, die sich auch auf der Versammlung am Donnerstag für ihre Chefin aussprachen. Auch außerhalb des Hauses kam der Text besser an. Bei Twitter pflichteten vor allem Kollegen aus anderen Onlineredaktionen Bönisch bei.

Der Text erscheint in einer Zeit, in der bei der SZ viel in Bewegung ist. Wie viele Medien führt die Redaktion gerade die Print- und Online-Produktion zusammen. Vor gut vier Wochen hat ein neuer Newsroom die Arbeit aufgenommen, für ihn wurden im 22. Stock des SZ-Turms in München Wände eingerissen und Nachrichtenchefs eingestellt, die sowohl das Blatt als auch die Webseite planen sollen.

Plötzlich interessiert an Frauenfragen

Die Fusion ist nicht nur publizistisch, sondern auch arbeitsrechtlich schwierig: Print und Online-Redaktion der SZ sind, wie in vielen Medien, zwei verschiedene Gesellschaften. Die Printler haben bessere Arbeitsbedingungen als die Onliner, sind tarifgebunden, müssen vertraglich weniger arbeiten und werden im Schnitt besser bezahlt. Wenn beide künftig nebeneinander an den selben Produkten arbeiten, wirft das Gerechtigkeitsfragen auf.

Zudem beschäftigt sich die Redaktion seit Monaten mit der Geschlechtergerechtigkeit im eigenen Haus. Anfang des Jahres hatten weibliche Redakteurinnen eine Konferenz gekaperten um ihren Frust über die von vielen als frauenfeindlich empfundene Stimmung Luft zu machen: dass Frauen in der SZ seltener aufsteigen, weniger Geld verdienen, weniger gefördert werden. Daraus entstand ein Frauenstammtisch, ein Frauen-Gremium wurde gewählt. Die Chefredaktion ist einigen Forderungen entgegengekommen. So soll das Arbeiten von zuhause erleichtert werden, eine feste Frauenquote hingegen lehnt die Chefredaktion ab.

Für Fragen von Frauenförderung habe Bönisch bisher wenig übrig gehabt, heißt es jetzt von einigen SZ-Redakteurinnen. Namentlich möchte sich keine zitieren lassen. Dass Bönisch die Frauenfrage nun in ihrem Text zum Thema macht, empfinden Kolleginnen als opportunistisch. Außerdem sei die SZ bei der Print-Online-Fusion und der Frauenförderung weiter, als Bönisch behauptet. Ihr Text schade allen Veränderungsprozessen, die in letzter Zeit angestoßen wurden – und die auch zum Teil in ihrer eigenen Verantwortung lägen.

Julia Bönisch ist seit 2017 Chefredakteurin von sueddeutsche.de. Im Mai 2018 wurde sie als „Mitglied“ in die Gesamtchefredaktion berufen, der außerdem Kurt Kister und Wolfgang Krach angehören. Wolfgang Krach wollte sich auf taz-Anfrage nicht zu den redaktionsinternen Vorgängen äußern. Mehrere SZ-RedakteurInnen berichten aber, Wolfgang Krach und Kurt Kister hätten vorab nichts von dem Text gewusst. Der Artikel kann also nicht als Standpunkt der gesamten Chefredaktion gelesen werden, zumal Krach und Kister die Trennung von Verlag und Redaktion bisher immer verteidigt haben, auch öffentlich. Dann stellt sich allerdings die Frage, wie geschlossen die Chefredaktion zusammensteht, wenn die Zukunftsfragen der Zeitung verhandelt werden.

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