Syrer über das Exil in Deutschland

Stärker werden, jeden Tag

Der Autor ist vor mehr als einem Jahr nach Deutschland geflohen. Seine Vergangenheit und seine Verluste holen ihn immer wieder ein.

Tauben flattern, im Hintergrund Gebäude und Menschen

Straßenszene aus Damaskus Foto: dpa

„...Und? Gibt’s irgendwas Neues?“

„Nein. Nichts Neues seit unserem Telefongespräch vor zwei Tagen.“ Schon wieder dieselbe Antwort. Dieses Gespräch führe ich ständig. Wenn man fast täglich mit denselben Menschen redet, hat man sich oft nichts Neues zu erzählen.

Seit ich Mitte September 2014 von zu Hause weggegangen bin, habe ich mir vorgenommen, meine zurückgebliebenen Eltern alle paar Tage anzurufen. Manchmal auch täglich. In der Woche zum Beispiel, als mein Bruder seine gefährliche Flucht Richtung Holland begann. Oder als seine Frau und sein Sohn Syrien verließen, um ihm zu folgen. Der Abschied von ihrem Enkelsohn war hart für sie. Er war bis zum letzten Tag teil ihres Alltags gewesen.

Wenn man von meinem Geburtsdatum ausgeht, werde ich bald 35 Jahre alt sein. Aber seit drei Jahren habe ich mit dem Zählen meiner Lebensjahre wieder bei null angefangen. In Syrien sagt man: Wenn du jemals lebend aus einem syrischen Gefängnis des Geheimdienstes kommst, hast du ein zweites Leben bekommen. Und so ist es. Dabei dauerte meine Gefangenschaft nur zwei Monate, was verhältnismäßig wenig ist – im Vergleich zu dem, was andere Gefangene erlitten haben und bis zum heutigen Tag erleiden.

Deutschland war ein Traum. Eigentlich

Mein ganzes Leben lang habe ich davon geträumt, nach Deutschland zu gehen. Ich hatte versucht, mich für einen Master einzuschreiben, und stellte mir vor, vielleicht zu bleiben. Aber dazu kam es damals nicht.

Am 18. März 2011 fanden in der syrischen Stadt Deraa im Süden des Landes die ersten großen friedlichen Protestdemonstrationen gegen Präsident Baschar A-Assad statt. Hier wurden auch die ersten Demonstranten getötet; deswegen gilt Deraa als der Geburtsort des syrischen Revolution.

Für die taz ist der Jahrestag ein Anlass, einmal anders auf Syrien zu blicken. Syrerinnen und Syrer, die heute in Deutschland leben, streiten im taz-Dossier über die Zukunft ihres Landes, setzen sich literarisch mit dem Bürgerkrieg auseinander oder beschreiben tägliche Herausforderungen wie das Telefonieren mit ihren Familien und Freunden, ergänzt von Analysen. Die komplette Ausgabe finden Sie am 18. März gedruckt am Kiosk oder digital am eKiosk.

Als ich dann Anfang 2015 tatsächlich kam, habe ich mich darüber nicht so gefreut, wie man es bei der Verwirklichung eines großen Traumes tut. Der ganze Mist, den ich erlebt habe, all die Schwierigkeiten bei meiner Ausreise, der Haftbefehl, meine zurückgelassenen Eltern, meine engen Freunde, die ich vielleicht nie wieder sehen werde, und mein Land, dem jeden Tag mehr Vernichtung, Unterwerfung und Tod widerfährt…

All das war vernichtend.

Fünf Monate lang haben wir alles Mögliche – und Unmögliche – versucht, um das mir auferlegte Reiseverbot zu umgehen. Das Verbot ging einher mit dem Haftbefehl. Ich wurde durchsucht, geschlagen, gefoltert und zu falschen Geständnissen gezwungen. Assads Geheimdiensttruppen trieben wir in den Wahnsinn, als wir immer wieder „Freiheit“ schrien. Schließlich haben sie mich unter einer Bedingung gehen lassen: Ich sollte Syrien verlassen und niemals wiederkommen. Bei Nichteinhaltung dieser Bedingung würde ich zurück in ihre Gefängniskeller gehen und niemals wieder herauskommen.

Ich verfolge alle Details aus Syrien

Aber im Grunde habe ich Syrien nie wirklich verlassen. Ich habe nie aufgehört, die Nachrichten dort zu verfolgen. Jetzt tue ich das sogar noch mehr. Besonders dann, wenn in meiner Stadt etwas Schlimmes passiert. Ich verbringe Stunden und Tage damit, jedem kleinsten Detail nachzugehen. Ich schließe mich mit Menschen zusammen, die Syrien ebenfalls verlassen haben und versuche mit ihnen, dort irgendwie zu helfen.

Wenn ich auf die Uhr gucke, sehe ich immer zwei Zeiten: die Uhrzeit in Deutschland und die in Syrien. Anfangs war das wichtig, um meine Anrufe zu koordinieren. Aber dann habe ich gemerkt, dass ich ohnehin völlig von der syrischen Zeit eingenommen bin. Donnerstag und Freitag verbringe ich die Abende damit, Leute anzurufen, denn an diesen Tagen ist dort Wochenende. Um wie viel Uhr haben meine Freunde dort Mittagspause? Wann machen sie einen Nickerchen? Wann haben sie Strom? Wann haben sie Internetverbindung? Wenn jemand etwas auf Facebook postet, ist das zum Beispiel ein Zeichen für Internetverbindung.

Es geht mir gut hier. Ich komme erfolgreich voran. Aber über meine Errungenschaften kann ich mich erst dann wirklich freuen, wenn ich Glückwünsche von denen bekomme, die mich lieben und die für mich am meisten zählen. Die, die zu Hause geblieben sind!

Ich glaube nicht, dass ich über diese herzzerreißenden Emotionen hinwegkomme. Bei allem und jedem, was mit Syrien zu tun hat, kommen sie in mir auf. Aber ich liebe es hier; die Orte, die Natur, und all die netten Menschen, die ich getroffen habe. Bald werde ich meinen Master machen und arbeiten. Jeden Tag werde ich stärker. Ich gehe vorwärts und versuche dabei, von den unendlichen Entwicklungschancen zu profitieren. Dann werde ich wieder optimistisch und zuversichtlich und möchte diese Chance nutzen, um endlich ein richtiges Leben zu beginnen.

Übersetzt aus dem Englischen von Lea Fauth

 

Seit Anfang 2011 währt der Konflikt zwischen Assad und Oppositionellen in Syrien. Mit dem Auftauchen der IS-Milizen begann ein Krieg in der ganzen Region.

Der Elektroingenieur wurde im August 1981 geboren. Er kommt aus der syrischen Stadt Swaida. Im Januar 2015 kam Aktham Abulhusn nach Deutschland und verbrachte ein ganzes Jahr in Clausthal-Zellerfeld. Nach acht Monaten intensivem Deutschunterrichts wurde ihm der Zugang zu Universitäten ermöglicht. Zwei Monate lang war er an der Technischen Universität Clausthal im Master Energiesystemtechnik eingeschrieben. Seit Februar 2016 lebt er in Berlin und macht heute ein Praktikum bei der Schindler GmbH. Er wartet auf die Zulassung der Technischen Universität Berlin, um den Master in Elektrotechnik zu machen.

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