• 15.07.2010

TAZ-SERIE SCHILLERKIEZ: Die Friseure

Von Vokuhilas und Verdrängung

Boxerschnitt, perlmuttfarbene Fasson und mit Glätteisen geplättete Naturlocken: Das sind die Trendfrisuren des Quartiers. Ein Besuch in zwei Salons, der viel über den Kiez verrät.von KATHLEEN FIETZ

Akkurat aufgereiht warten ein Handvoll Rasiermesser und ebenso viele Kämme auf den nächsten Kunden. Wie viele kommen werden, weiß Ahmad Al-Hamaydi an diesem Morgen nicht, Termine macht der Friseur nicht. "Wer kommt, ist da und muss dann ein bisschen warten". Wie der Jugendliche, der schon ein paar Minuten später auf dem Sofa auf die Erneuerung seines verwachsenen Irokesen wartet, während der Friseur einem Kunden aus der Nachbarschaft die Manschette aus kratzigem Krepp fest um den Hals legt.

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Auf Arabisch wird der klassische Boxerschnitt vereinbart: oben mit der Schere auf einen Zentimeter Länge gestutzt, an den Seiten und hinten mit dem Rasierer kurz geschoren. Auch der schlanke Friseur trägt die Haare so kurz und dazu ein kleines Ziegenbärtchen im braun gebrannten Gesicht. Über dem Friseurtisch läuft der arabische Fernsehsender Al Jazeera, zwischen den beiden mit Plastikrosen umrandeten Spiegeln steht das Konterfei von Arafat. Vor zehn Jahren ist Ahmad Al-Hamaydi aus dem Libanon geflohen, er ließ einen eigenen Salon und den Großteil seiner Familie zurück. In Berlin hat er ein paar Tanten, seit neun Jahren lebt er im Kiez. Mehr aus seinem Privatleben will der 34-Jährige nicht öffentlich machen.

Den Salon Ahmad gibt es seit sechs Jahren in der Weisestraße. Als ihn Al-Hamaydi eröffnete, war der Schillerkiez ein Problemviertel mit hoher Arbeitslosenquote, es war weder an eine Schließung des Flugfeldes noch an die derzeitige Aufwertung der Gegend zu denken. Wer bekommt diese Veränderungen hautnaher mit als die Friseure des Kiezes? Auf ihren Stühlen sitzen die Bewohner, erzählen von ihren Sorgen und davon, wie sie im Viertel leben.

Zwischen Flughafen Tempelhof und Hermannstraße liegt der Schillerkiez. Bislang galt das Viertel am Rande des Flugfelds als Armeleutegegend. Menschen aus vielen Nationen leben hier, mehr als 40 Prozent sind arbeitslos, der Kiez hat die höchste Bevölkerungsdichte von Neukölln.

Doch spätestens seit der Stilllegung des Flughafens 2008 ist aus dem innerstädtischen Viertel ein Quartier mit Potenzial für Investoren geworden. Seit Anfang Mai ist die 386 Hektar große Freifläche ein Park; es sollen Gewerbebetriebe entstehen und neue Wohnquartiere für die obere Mittelschicht.

Droht dem Schillerkiez nun also eine Welle von Aufwertung und Mietsteigerungen, wie sie weite Teile von Prenzlauer Berg und Kreuzberg bereits erlebt haben? Sind die Studierenden und Künstler, die seit einiger Zeit ins Viertel strömen, Vorboten einer Entwicklung, die in Friedrichshain und Mitte schon an ihrem Ende angekommen ist? Wird das einstige Arbeiterviertel gentrifiziert - oder wird es bei ein paar Townhouses am Parkrand bleiben?

Sicher ist nur eins: Der Schillerkiez wird sich verändern. Wer davon wie stark profitiert, wird man sehen. Die taz wird diese Veränderungen in den nächsten Jahren beobachten.  Das Projekt läuft seit Mai 2010.

Der Kunde im Stuhl allerdings genießt schweigend. Seine Haare sind frisch geschnitten, Al-Hamaydi massiert langsam Rasierschaum auf Wangen und Kinn ein, mit einem Messer wird der Dreitagebart abrasiert. Der Jugendliche danach bekommt einen Irokesen, die seichte Variante mit kurzen, aber nicht ausrasierten Seiten. "Boxer, Irokese und Vokuhila, also vorne kurz und hinten länger, sind in", erklärt Al-Hamaydi. Die Zeiten der ausrasierten Muster seien vorbei, die älteren Männer wollen meist nur einen klassischen Kurzhaarschnitt.

Unter dem Ärmel von Al-Hamaydis rosa Shirt lugt ein auf den Oberarm tätowiertes A hervor. Schlicht für seinen Namen stehe das, nicht für den einer Frau. "Man bleibt ja nicht ewig mit der gleichen zusammen", sagt er und lacht. Über Frauen und ob man sie verstehen könne rede er oft mit seinen Kunden. Manchmal auch über den Konflikt im Nahen Osten, vor allem nach dem Angriff Israels auf die Gaza-Hilfsschiffe vor wenigen Monaten. "Ich will endlich Frieden", sagt er. Davon ist die Situation dort weit entfernt, deshalb denkt er nicht mal an eine Rückkehr. Aber davon erzähle er nur selten. Meistens redeten die Kunden - ganz oft über Geld, das sie nicht haben. Viele hätten Angst vor steigenden Mieten. "Fast alle leben von Hartz IV, sogar die 9 Euro für den Friseur sind vielen hier zu viel."

Ohne seine deutsche Kundschaft könne er den Laden dichtmachen, die kämen mehr als "seine Leute". Dazu zählt er die Schillerkiezler, die aus der Türkei oder arabischen Ländern stammen, sowie deren Kinder und Enkel. Auch Männer aus Polen und Russland kommen. Die seit einigen Jahren zuziehenden Studenten und Kreativen indes lassen sich ihre Haare bisher nicht in Ahmads Salon schneiden. Deshalb interessieren ihn die Veränderungen im Kiez nur wenig. Stammkunde Ingo Hoffmann, der vor 39 Jahren im Kiez geboren wurde, hingegen ist traurig, dass die kleinen Läden und Handwerker verschwunden sind. "Schlüsselmacher, Schuhmacher, auch eine Bücherstube hatten wir hier. Alles weg", erzählt er. Al-Hamaydi nickt und rasiert ihm die Haare ab. Für Selbständige sei es schwer im Kiez, sagt der Friseur und hofft auf bessere Zeiten. Denn schon wieder hätten neue Friseurläden in der nahen Hermannstraße eröffnet. Das drücke die Preise.

Der Salon Daniela ist keine Konkurrenz. Die Schnitte hier sind teurer; zwischen den fünf Frauen, die an diesem Nachmittag auf einen Haarschnitt warten, sitzt nur ein Mann. Anders als Herrenfriseur Al-Hamaydi profitiert Inhaberin Daniela Fink von der Eröffnung des Exflugfeldes. Ihr Geschäft liegt in der Herrfurthstraße, einer der Verbindungsstraßen zwischen U-Bahn-Station und den Eingängen zum neuen Park. "Ich habe viel mehr Laufkundschaft. Die wohnt zwar schon ewig in Neukölln, entdeckt uns aber erst jetzt hier", sagt die 37-Jährige. Ihr Look erinnert - wie die Frisurenmodells an den Wänden - an die 80er Jahre: pinker Lippenstift, der violette und blaue Lidschatten glitzert silbrig wie ihre lackierten Fußnägel. Der Geheimtipp für ihre rotblonde Strähnchenfrisur mit abstehenden Fransen: ein Glätteisen. "Das ist gerade voll der Renner, damit kriegt man jede Naturwelle platt", erklärt Fink. Trendsetter seien japanische Teeniestars gewesen. Ansonsten sei Pagenschnitt beliebt, wie immer. Jüngeren Kundinnen schneidet sie oft kurze Fassonschnitte, hinten kurz gestuft mit längeren Deckhaar, bei den Haarfärbungen sind Rottöne und Perlmutt angesagt.

 

Den Salon gibt es bereits seit 60 Jahren, kurz nach der Wende begann die Ostberlinerin ihre Lehre im Laden. Im Westen herrschte Friseurmangel, und die Azubis wurden verstärkt aus Ostberlin rekrutiert. So landete die damals 17-Jährige aus Schöneweide in Neukölln, direkt nach der Lehre übernahm sie den Laden. Ihre Kunden sind nicht selten noch die gleichen. "Den Tobias hier hab ich schon damals auf dem Kinderstuhl frisiert", erzählt sie, während sie dem jungen Mann eine Kopfmassage verpasst.

Fünf Friseurplätze hat der Laden, seit einem halben Jahr hat sie eine Angestellte, gemeinsam mit ihr hat sie den Laden renoviert. "Aber die tollen alten Sachen habe ich drin gelassen". Die Haartrockenhauben sind im 70er-Jahre-Braun, die Decke ist mit orangefarbenen Plastikringen verziert und alte olivefarbene, höhenverstellbare Ledersessel stehen auf dem neuen PVC-Boden. Alt und neu, wie ihre Kundschaft. Zu den Neuköllner Stammkunden und den inzwischen älteren Damen, die seit Jahrzehnten für ihre Dauerwelle oder das freitägliche Haarelegen aus allen Bezirken anreisen, mischen sich frisch Hergezogene. Etwa die nächste Kundin, die begrüßt wird wie eine alte Freundin - dabei wohnt sie gerade mal ein paar Monate im Kiez.

 

"Ich finde den Laden total toll, weil hier so unterschiedliche Leute herkommen und immer viel los ist", sagt sie. Daniela Bartels ist Referendarin, aber eigentlich träumt die 28-Jährige von einer Karriere als Sängerin. Sie tritt in der Schillerkiez-Bar "Froschkönig" auf. "Unser Ziel ist, dass sie von der Musik leben kann, wir müssen hier nur wieder Flyer auslegen", sagt die Friseurin mütterlich, während sie die kurzen Haare nachschneidet. Gleich beim ersten Besuch des Salons hat die Neukundin ihre lange Mähne eingebüßt. "Sie meinte, die seien zu langweilig für meine Persönlichkeit", erzählt Daniela Bartels lachend. Es muss ihr gefallen haben, zwei Freundinnen hat sie schon hergeschickt. Dafür werden an der alten Registrierkasse aus den 15 Euro für Schneiden ohne Fönen fünf, für jede Empfehlung gibt es fünf Euro Rabatt. Je nach Haarlänge kostet ein Schnitt mit Waschen, Fönen und Kopfmassage für Frauen um die 30 Euro, für Männer 20.

Hinter einer Trennwand frisiert Finks Kollegin gerade eine ganze Familie aus Tempelhof, Mutter und Tochter werden den Laden später mit fast identischer blonden Bobfrisur verlassen, der Vater bekommt einen Kurzhaarschnitt. Ein älterer Taxifahrer aus der Nachbarschaft will wegen der Wärme alles abrasiert haben. Er erzählt, dass er sich ein Haus in seiner alten Heimat Siebenbürgen in Rumänien gekauft habe und dorthin ziehe, wenn er in Rente geht. "Und meine Friseuse muss zur Party kommen." Er fragt nach ihrem fünfjährigen Sohn und ob sie im Urlaub endlich mal wieder einen Mann kennen gelernt habe. "Nee, einen neuen Mann suche ich gerade nicht", sagt die Friseurin und schneidet weiter. Dann berichtet der passionierte Marathonläufer, dass er den Tempelhofer Park ausprobiert habe. Aber Asphalt sei schlecht für die Gelenke, und auf dem Rasen dürfe man an vielen Stellen nicht laufen.

Buttermilch-Diäten, dass der Nachbar eine 20 Jahre jüngere Geliebte habe und eine anstehende Hochzeit - bei Scherengeklapper im Hintergrund wird alles besprochen, was die Gemüter der Kunden erregt. Es fallen nur Vornamen an diesem an diesem Tag, die Muttersprache aller Kunden ist Deutsch. "Die Eingewanderten haben ihre eigenen Friseure und müssen mehr auf's Geld gucken", erklärt Fink. Wer nach einem Termin fragt, muss eine Woche warten. Das war lange nicht so. "Als es hier mit der Randale so schlimm war, wollte ich mit meinem Salon hier weg." Das war vor sechs Jahren, ihre Scheiben wurden von Jugendlichen eingeschmissen. Sie überlegte, einen Salon in Adlershof zu eröffnen, da sie dort lebt. Aber die Mieten waren ihr zu hoch. Und so blieb der Salon Daniela in dem Neuköllner Eckhaus.

 

Jetzt rechnet sie fest mit einer Mieterhöhung. "Ich habe auch schon eine bekommen", erzählt die nächste Kundin auf Daniela Finks Stuhl. "Ich auch", wirft ihre wartende Nichte ein, die in Frisurenheften blättert. Sie wohnt mehr als zehn Jahre in Neukölln und freut sich über die Veränderungen im Norden des Bezirks: "Ich habe lange drauf gewartet, dass mehr junge Leute herziehen, und wir nicht immer nur Problemgegend sind." Daniela Fink nickt in ihre Richtung. Sorgen wegen der bevorstehenden Mieterhöhung macht die Friseurin sich nicht. Sie ist sich sicher, dass ihr der neue Park noch einige Neukunden bescheren wird.

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