TAZ-SERIE SCHILLERKIEZ: Die Kneipen

Bürgerliche Langeweile

Eckkneipen prägten einst den Schillerkiez in Berlin-Neukölln. Doch mit dessen Aufwertung weicht langsam auch der alte Geist.

Die große Zeit der Futschis - Weinbrand gemischt mit Cola - ist im Schilerkiez vorbei  Bild: schulz/taz

Neulich wieder, erzählt Willi, habe ein Stammgast in den Knast gemusst, wegen nicht bezahlter Strafgelder. Da haben sie zusammengelegt, die Vereinskasse geplündert. Der Kumpel kam nochmal davon. "Wenn einer in die Brenne kommt", sagt Willi, "helfen wir ihm da raus."

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Schon morgens hängen inmitten der Woche Nikotinschwaden in Willis Eckkneipe, dem "Darts e. V." - "Raucher-Vereinsheim" steht an der Tür. Ein Gast lässt sich einen Wodka einschenken. Drei große Dart-Automaten stehen im Raum, ein paar Tische, ein selbst gebauter Holztresen. Auf den Regalen reihen sich Pokale, Bierhumpen und meterweise VHS-Spielfilmkassetten.

Willi setzt sich mit einem Pott Kaffee und Zigarette an den Stammtisch. Den alten Kneipen im Schillerkiez gehe es nicht gut, sagt der bärtige Mann mit dem grauweißen Zopf, dem weit aufgeknöpften Karohemd. "Die Leute haben kein Geld mehr, kommen nur noch, um nicht zu Hause zu vereinsamen." Und die neuen Zuzügler, die Studenten und Familien, die kämen eben nicht in die Eckkneipen. Willi lacht sein rauchiges Lachen: "Die Gutbürgerlichen sind halt ein bisschen langweilig."

Zwischen Tempelhofer Feld und Hermannstraße liegt der Schillerkiez. Lange galt das Viertel am Rande des einstigen Flughafens als Arme-Leute-Gegend. Menschen aus vielen Ländern leben hier, die Arbeitslosenquote beträgt über 40 Prozent, der Kiez weist die höchste Bevölkerungsdichte von Neukölln auf.

Doch mit der Stilllegung des Flughafens 2008 ist aus dem Viertel ein Quartier mit Potenzial für Investoren geworden. Seit Mai 2010 ist die 386 Hektar große Freifläche ein Park; hier sollen laut Senat Gewerbebetriebe entstehen und neue Wohnquartiere für die obere Mittelschicht.

Droht dem Schillerkiez nun eine Welle von Mietsteigerungen, wie sieweite Teile von Prenzlauer Berg und Kreuzberg erlebt haben? Sind die Studierenden und Künstler, die ins Viertel strömen, Vorboten einer Entwicklung, die in Friedrichshain und Mitte fast beendet ist? Wird das einstige Arbeiterviertel gentrifiziert, oder bleibt es bei ein paar Townhouses am Parkrand?

Sicher ist nur: Der Schillerkiez wird sich verändern. Wer davon wie stark profitiert, wird man sehen. Die taz wird diese Veränderungen in den nächsten Jahren beobachten. Seit Mai 2010 läuft das Projekt.

Der 61-Jährige gehört zu den dienstältesten Wirten im Quartier. 1986 kam er hierher. Zuerst mit einem Sexshop, dann mit diversen Kneipen. Zuletzt über zehn Jahre lang mit dem "Promenadeneck", einer verrauchten Kneipe direkt am Kiezboulevard, der Schillerpromenade. Vor drei Jahren musste Willi dort dichtmachen und eine Ecke weiter ziehen. In halb so große Räume. Die Miete war zu hoch, der Schnapsverkauf eingebrochen.

Willi zählt laut, seine Stammgäste mit Arbeitsplatz. Eins, zwei. Pause. "Wars schon, glaub ich." Dann: "Ach doch!" Drei, vier. Die Stammgäste haben eine Art Hilfswerk gegründet. Zusammen machen die knapp 40 Mitglieder Großeinkäufe, man teilt sich die Autos von denen, die noch welche haben. Und am Monatsanfang legt jeder einen Obolus in den Spendenkasten an der Wand. "Jeder, so viel er hat", sagt Willi. Minimum 1,50 Euro. Wem zum Monatsende das Geld ausgeht, kriegt was aus der Kasse. Der Schillerkiez, sagt Willi, sei eben lange Zeit kein einfaches Pflaster gewesen. Das aber ändere sich ja gerade.

Studenten statt Stampen

Willis Dart-Kneipe, das "Allereck", das "Schillers", der "Bierbaum", das "Bechereck". Jahrzehntelang waren es die Eckstampen, die den Schillerkiez prägten. "Futschi" für 1 Euro hier, "Buffet ab 23 Uhr zum Bier umsonst" dort. Paffende Biertrinker an Holztresen, hinter Spitzengardinen, im Schummerlicht.

Doch das Bild stimmt nicht mehr. Zuerst kam das "Circus Lemke", 2009 schon. Ein gemütlich-gedrängtes Alternativcafé mit Kachelofen, Quiche und Obstler. Später dann die Studentenkneipe "Frollein Langner", das Café "Engels" mit selbst gemachtem Kuchen. Vor wenigen Tagen erst die "Pappelreihe", wo es zur Lektüre zum Frappé regalweise Zeitschriften gibt. Wer sehen will, wohin der Schillerkiez steuert, kann den Wandel an seinen Kneipen ablesen.

Im früheren "Promenadeneck", wo einst Willi hinter dem Tresen stand, bedient jetzt Robert Bettendorf. Ein 34-Jähriger mit schwarzem "Hells Kitchen"-Shirt, kurzem Struwwelhaar, zwei Ringen im linken Ohr. Im Januar hat Bettendorf hier sein "Heisenberg" eröffnet: Flohmarktsofas, Kerzen auf den Fensterbrettern, Großleinwände mit Modernmalerei an unverputzten Wänden, softer Dubstep aus den Boxen.

Früher war der gebürtige Rheinländer Küchenchef in den Delikatesslokalen "Fleischerei" und "Filetstück" an der Schönhauser Allee. Abends fuhr er zurück in den Schillerkiez. Seit fünf Jahren wohne er hier, sagt Bettendorf. Irgendwann habe er seine Freunde gefragt, ob sie auch merkten, "was hier gerade abgeht". Die Gerüste vor den Fassaden, die Umzugswagen. Dann habe er sein Erspartes genommen, um "selbst was zu machen".

15 Kubikmeter Schutt habe er allein am ersten Wochenende aus dem alten "Promenadeneck" geholt, erzählt Bettendorf. Sechs Monate habe er mit Bekannten am "Heisenberg" gewerkelt. "Als alles fertig war, hatte ich ein paar Wodka-Flaschen im Regal, aber keine Kohle mehr."

Heute hocken im "Heisenberg" Gäste um Tische aus Obstkisten, in einer Ecke wird Englisch gesprochen. Es gibt Augustiner-Bier, Biowein und Whiskey, zehn Jahre alt. Er wolle seinen Besuchern "keinen Scheiß, sondern Qualität" anbieten, sagt Bettendorf. "Ein Stück Kultur", nur ohne abgehobene Attitüde. "Leg die Füße auf den Tisch, lauf barfuß rum, egal."

Und trotzdem: Nur wenige Wochen nach Umbaubeginn prangte eine gesprayte Parole an der Fassade: "They say gentrify, we say occupy." Die Linken aus der Weisestraße legten auf ihren "Kiezspaziergängen gegen Aufwertung" einen Zwischenstopp vor dem "Heisenberg" ein. Im Kiez tauchten Plakate auf: "Dear students, artists & travellers", heißt es dort auf Englisch. Neukölln werde gerade zum "trendy new district" mit "fancy bars and hip restaurants opening on every corner". Verdrängung und steigende Mieten werde man sich aber nicht gefallen lassen.

Bettendorf machen die Vorwürfe fuchsig. "Ich bin kein Investor, ich will hier kein Prenzlberg, um dicke Kohle zu verdienen." Bettendorfs Vision ist eine andere: kleine Festivals für den Kiez. Zusammen mit den anderen Kneipen, nicht gegeneinander. Oder, wie kürzlich, eine Spendenparty für den Kinderladen nebenan. Vor ein paar Wochen hat auch Bettendorf das Anti-Gentrifizierungs-Plakat ins Schaufenster gehängt.

Neues Publikum unbeliebt

Im Syndikat in der Weisestraße, einer mit Antifa-Postern verhängten Kollektivkneipe, ist man auf die neuen Kollegen trotzdem schlecht zu sprechen. Punkrock dröhnt durch die dunklen Räume, ein großes Pils für zwei Euro, hinten wird Billard und Kicker gespielt. Seit 26 Jahren gebe es das Syndikat im Schillerkiez, erzählt der nasengepiercte Barmann. "Zu Zeiten, als hier noch niemand wohnen, geschweige denn feiern wollte."

Heute sei das anders. Die vielen Zugezogenen, die neuen Kneipen - "enorm" sei das, sagt der Barmann. "Muss man aufpassen, dass das nicht so ein Simon-Dach-Scheiß wird." Immer mal wieder würden sich jetzt Leute ins Syndikat verirren. "Das lass ich die dann schon spüren."

Nebenan in der "Langen Nacht" ging man noch einen Schritt weiter. In der Wohnzimmerkneipe, früher unter dem Namen "Lohffs" auch schon seit zwanzig Jahren im Kiez, treffen sich Alt- und Neukiezler zum lokalgebrauten "Rollberg-Bier" am ellenlangen Tresen. Als der Betreiber der Kulturbar "Froschkönig", etwas weiter die Straße runter, zu Jahresanfang aufhören wollte, schnappte sich "Lange Nacht"-Barmann Frank den Laden. Weil er hier, anders als in der fußballlastigen Hauptkneipe, mehr Konzerte und Lesungen machen könne, sagt der 37-Jährige. "Aber auch, weil lieber wir als jemand anders in den Laden kommen sollte." Jemand von außen. Von den Aufwertern.

Im "Froschkönig" laufen nun wie eh und je weiter Stummfilmabende, begleitet auf einem 150 Jahre alten Flügel. Und seit Frank da ist, auch Folk- und Blueskonzerte. Im "Circus Lemke" holen sie ab und an den Plattenspieler raus. Und im "Heisenberg" legte zur Eröffnung ein "Bar 25 special guest" auf. Der Schillerkiez der Eckkneipen hat sich in kleine, gastronomische Mikrokosmen gespalten. In Orte, die seine neue Bewohnerschaft spiegeln. In eine neue Vielfalt. Nur: bisher fast ohne Berührung zwischen Bestehendem und Neuem.

Beim "Darts e. V." raucht Willi seine vierte Zigarette, fast ohne Unterbrechung. Früher habe er alle im Kiez gekannt, sei mit anderen Wirten von Kneipe zu Kneipe gezogen. "Heute modelt so jeder vor sich hin." Im "Heisenberg", seinem alten "Promenadeneck", sei er noch nicht gewesen, "keine Zeit".

Auch Stammgast Peter schüttelt den Kopf, zieht den Qualm seiner Zigarette durch die Zahnlücken. Fast so lange wie Willi habe er im "Promenadeneck" gestanden, "vor und hinter dem Tresen". Das Neue da drüben, das sei jetzt nicht mehr dasselbe. "Da gehste nicht einfach rein, das macht das Herz nicht mit."

 

Die taz beobachtet die Veränderungen im Schillerkiez in Berlin Neukölln seit Mai 2010.

17. 06. 2011

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