TAZ-SERIE SCHILLERKIEZ: Touristenziel

Zelten auf Gebeinen

Auf einem ehemaligen Friedhof in Neukölln soll eine neue Tentstation entstehen, ein Zeltplatz für Touristen. Die Kirche ist begeistert, doch Hundebesitzer protestieren.

Warum nicht mal auf einem stillgelegten Friedhof zelten?  Bild: dpa

Das Diskussionsklima ist schon nach wenigen Minuten hin. In dem Kapellraum wird geschimpft, sich ins Wort gefallen, hämisch applaudiert, wütend aus dem Raum gestapft. "Wir gehen doch auch ein Risiko ein", ruft Tentstation-Mann Petr Barth irgendwann in den Raum. Man investiere ja in einen völlig neuen Standort. "Wir wissen doch gar nicht, wie das ankommt." - "Na Scheiße!", schallt es von der Gegenseite zurück, den versammelten Hundebesitzern. "Nee", schüttelt Barth den Kopf, "das ist ja euer Ding, mit euren Hunden."

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Rund 60 Stühle stehen an diesem Septemberabend in der kleinen evangelischen Kapelle an der Neuköllner Hermannstraße. Im Halbrund aufgestellt, keiner unbesetzt. Vor dem Altarraum ist eine große Leinwand gespannt. Darauf die Skizze des stillgelegten St. Thomas Friedhof, der gleich auf der anderen Straßenseite liegt. Darauf steht: "Zeltfläche", "Pufferzone", "Funktionsbereich/Bar". Die geplante Tentstation. Ein Zeltplatz auf dem alten Friedhof, mitten im Schillerkiez.

Tentstation-Chefin Sarah Oßwald tippt auf die Tafel. Eröffnung im Mai 2012, 400 Zeltgäste zur Hochsaison, fünf Monate im Jahr geöffnet. Eine Fläche von knapp zwei Fußballfeldern, der Rest bleibe als Park erhalten, wirbt die junge Frau. "Eine wahnsinnig schöne Atmosphäre, sehr ruhig, sehr urban, bestens angeschlossen."

Zwischen Tempelhofer Feld und Hermannstraße liegt der Schillerkiez. Lange galt das Viertel am Rande des einstigen Flughafens als Arme-Leute-Gegend. Menschen aus vielen Ländern leben hier, die Arbeitslosenquote beträgt über 40 Prozent, der Kiez weist die höchste Bevölkerungsdichte von Neukölln auf.

Mit der Stilllegung des Flughafens 2008 ist aus dem Viertel ein Quartier mit Potenzial für Investoren geworden. Seit Mai 2010 ist die 386 Hektar große Freifläche ein Park; hier sollen laut Senat Gewerbebetriebe entstehen und neue Wohnquartiere für die obere Mittelschicht.

Droht dem Schillerkiez nun eine Welle von Mietsteigerungen, wie sie weite Teile von Prenzlauer Berg und Kreuzberg erlebt haben? Sind die Studierenden und Künstler, die ins Viertel strömen, Vorboten einer Entwicklung, die in Friedrichshain und Mitte fast beendet ist? Wird das einstige Arbeiterviertel gentrifiziert?

Die taz wird diese Veränderungen in den nächsten Jahren beobachten. Seit Mai 2010 läuft das Projekt. Erschienene Texte finden Sie auf: www.taz.de/schillerkiez.

Pfarrer Jürgen Quandt, grauer Anzug, runde Brille, springt unterstützend bei. "Eine hervorragende Zwischennutzung, gute, sensible Leute", lobt Quandt, der als Geschäftsführer des evangelischen Friedhofsverbands Stadtmitte den St. Thomas Friedhof verwaltet. Und sollte der Senat die A 100 verlängern, würde das Gelände in fünf Jahren, nach Ende des Pachtvertrags mit der Tentstation, ohnehin ein Park für alle, als Ausgleichsfläche für andernorts zubetonierten Boden.

"Das ist die einzige schöne Ecke in der Gegend, wo wir mit unseren Hunden hinkönnen", erwidert eine Frau. Johlender Applaus. "Zelten auf einem Friedhof, das ist doch pietätlos, da liegen noch Knochen!", wirft ein Zuhörer ein. Eine Anwohnerin empört sich: "24 Uhr Nachtruhe? Viel zu spät, ich muss um 5 Uhr aufstehen zur Arbeit!" Eine Frau verweist auf Eichelhäher, Rotkehlchen und Bussarde auf dem Gelände. "Sehr bedroht", betont sie. "Die brauchen Ruhe."

Vor fünf Jahren, Sarah Oßwald studierte noch Geografie, eröffnete die heute 33-Jährige mit Freunden die Tentstation in der Nähe des Hauptbahnhofs, ein Campingplatz auf einem stillgelegten Freibadgelände. Eine Zwischennutzung, beliebt vor allem bei jungen Berlin-Besuchern, die nun einem Wellness-Großprojekt weichen soll. In dieser Woche bricht die Tentstation in Moabit ihre Zelte ab. Der Friedhof soll das zweite Kapitel der Erfolgsstory werden.

Das anvisierte Camping-Gelände im Schillerkiez ist nur noch von außen als Friedhof zu erkennen. "Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben", kündet ein Schild an der roten Backsteinmauer. Hinter dem rostigen Tor öffnet sich eine Kastanienallee, bis ran ans Tempelhofer Feld. Links und rechts wuchern Brennnesseln, Bäume, Gestrüpp. Dazwischen staksen noch die Leitlichtmaste der früheren Einflugschneise des Flughafens. Bagger haben erste Sandberge aufgeschoben. Anwohner spazieren drum herum, lassen ihre Hunde durchs Dickicht wetzen. Am Rand liegt ein letzter, umgestoßener Grabstein.

Der Friedhof sei längst Grünfläche, betont Pfarrer Quandt. In den 80ern fand hier die letzte Bestattung statt, 2008 sei das letzte Grabnutzungsrecht abgelaufen. "Warum soll ein ehemaliger Friedhof nicht zum Ort des Lebens werden?" Quandt kennt sich aus mit Gewissensfragen: Jahrelang hat er Kirchenasyle organisiert. Theologisch, sagt der 67-Jährige, gebe es keine Einwände. Der protestantische Glaube kenne kein ewiges Ruherecht, dem Projekt stehe nichts im Weg.

Wäre da nicht ein ungewöhnlicher Aufstand, der sich im Schillerkiez formiert. Es ist nicht das übliche Wutbildungsbürgertum, das hier Unterschriften gegen die Tentstation sammelt und in der Kapelle protestiert. Es sind einfache Leute, vor allem Hundebesitzer, zusammengeschlossen in der Interessengemeinschaft (IG) Bunter Hund.

Den Friedhof, sagt IG-Sprecher Thomas Hinrichsen, den hätten sich schon vor Jahren die Kiezbewohner "angeeignet". Als Park, als Hundeauslaufgebiet. "Praktisch ist das längst öffentlich." Hinrichsen ist ein großer Mann, flause Locken über der hohen Stirn, Journalist und Quartiersrat. Einen Hund hat er nicht, aber viele Freunde in der IG Bunter Hund. Etwa 40 Leute gehörten dazu, erzählt er.

Jeden Tag seien die auf dem Friedhof. "Schön spazieren. Eine idyllische Naturlandschaft, einzigartig." Das Tempelhofer Feld nebenan sei kein Vergleich: keine Bäume, kein Schatten, kein Schutz vor dem Wind. "Wir wollen, dass das Gelände öffentlich und kostenlos bleibt, nicht erst in fünf Jahren, wenn die Tentstation wieder abzieht", sagt Hinrichsen. "Uns ärgert, dass wir nicht vorher einbezogen wurden, obwohl die Kirche wusste, dass das Gelände genutzt wird." Man kämpfe auch für die Anwohner, die Lärm und Partys befürchteten, versichert Hinrichsen. An einem einzigen Tag habe man 250 Unterschriften gesammelt.

Doch die Protestfront ist längst nicht geschlossen, das zeigt sich in der Kapelle. "So, wies jetzt ist, gehts auch nicht", beschwert sich ein Anwohner. Der Mann erzählt von nächtlichem Hundegebell, Trinkgelagen, Junkies und Gegröle. "Hunde haben auf das Grab meines Verwandten geschissen. Alles ist besser als der heutige Zustand." Auch hier applaudieren Zuhörer. Einer davon ist Pfarrer Quandt.

Der alte Friedhof sei keineswegs öffentlich, sondern gehöre der Kirche, betont Quandt. Mehrere zehntausend Euro seien in den vergangenen Jahren in den Unterhalt des Geländes gesteckt worden. Nicht eingerechnet die immer wieder zerstörten Zäune und zu beseitigende Müllberge. Die Tentstation ermögliche nach Jahren des Ärgers endlich "geordnete Verhältnisse". Zwei Bedingungen hat Quandt den Betreibern gestellt: Es müsse an den Friedhof erinnert werden, und das Ruhebedürfnis der Anwohner dürfe nicht gestört werden. Die Tentstation-Leute waren einverstanden.

Man habe Widerstand erwartet, sagt Sarah Oßwald. "Aber wir wollen mit allen reden." Drei Tage nach der hitzigen Diskussion in der Kapelle hat sich Oßwald noch mal mit Mitgliedern der IG Bunter Hund zusammengesetzt. Man habe lange geredet. Diesmal ruhig, konstruktiv.

Und, so betont Oßwald nun: So sicher sei der Umzug ja noch gar nicht. Die Gespräche mit der Kirche liefen noch, wichtige Fragen seien ungeklärt. Parallel schaue man sich weiter nach Alternativgrundstücken um. Vielleicht sei sogar doch eine weitere Saison in Moabit möglich. Schon 2009 sollte die Tentstation das Freibad verlassen. Am Ende durfte man noch zwei Jahre bleiben.

Auch Thomas Hinrichsen schlägt versöhnliche Töne an. Man habe nichts gegen die Tentstation-Leute, die seien sympathisch. Nur gegen einen Campingplatz mitten im Schillerkiez. Man müsse deshalb weiter Protest organisieren, sagt Hinrichsen. "Aber alles friedlich, wir werden da nichts besetzen." Das sei kürzlich auch in einer Gewaltverzichtserklärung festgelegt worden. Nun, betont Hinrichsen, sollten im Gegenzug aber auch Kirche und Tentstation versichern, dass niemand mit Gewalt vom Gelände vertrieben werde.

 

Die taz beobachtet die Veränderungen im Schillerkiez in Berlin Neukölln seit Mai 2010.

28. 09. 2011

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