Taz-Serie Schillerkiez: das Hüttendorf

Freies Feld für Häuslebauer

Kinder errichten ein Hüttendorf auf dem Tempelhofer Feld. Vorbild sind wildwuchernde Siedlungen in Metropolen.

Dieses Kind hat seinen Spaß auf dem Tempelhofer Feld.  Bild: dpa

Etwas ratlos steht der kleine Junge, Hammer in der Hand, vor seinem fast fertig gezimmerten Vogelhäuschen. Irgendwas fehlt noch. „Wo sind die Scharniere?“, kommt Betreuer Johannes von Buchenwald zu Hilfe. Suchend verschwindet er im Werkzeuglager, das in der größten der etwa 20 Holzhütten untergebracht ist, die hier am östlichen Rand des Tempelhofer Feldes ein kreisförmiges Rund bilden. Es riecht nach frischem Holz, ab und zu ratscht eine Säge, viele kleine Hämmer klopfen arhythmisch Nägel in selbstgebaute Tische und Stühlchen: In der Hüttenstadt Gecekondu, einem Projekt der Jugendkunstschule Neukölln, ist ordentlich Betrieb an diesem Nachmittag. Das Wetter spielt noch mal mit, die tiefstehende Sonne wärmt etwa zehn Kinder, die hier mit Unterstützung ihrer Eltern und Johannes von Buchenwald am Inventar basteln.

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Als architektonisches Vorbild für die Hütten samt selbstgebautem Lattenzaun, die während des Sommers entstanden sind, dienten die türkischen Gecekondular (Plural von Gecekondu): provisorische Siedlungen die, ähnlich der brasilianischen Favelas, als städteplanerischer Wildwuchs rund um die großen Ballungszentren herum entstehen. „Gecekondu heißt so viel wie ’über Nacht gelandet‘“, erklärt Juliane Wedell.

Hauptsache schnell

Die freie Künstlerin ist neben von Buchenwald eine der sieben LeiterInnen des Projekts, das unter anderem von der Ikea Stiftung, dem Deutschen Kinderhilfswerk und dem Fonds Soziokultur unterstützt wird. „Die Hütten entstehen über Nacht aus gefundenen oder billig zusammengesammelten Materialien“, so Wedell. Hauptsache schnell, denn: Nach islamischem Gewohnheitsrecht dürfen nachts aufgestellte Häuser nicht abgerissen werden.

Die Verdrängung ärmerer Bevölkerungsschichten an die Ränder der immer teurer werdenden Innenstädte, Stadtentwicklung und wie man daran teilhaben kann – darum geht es dem Berliner Gecekondu. Man sei dafür ja auch an einem sehr passenden Ort, stellt Juliane Wedell fest. Das Hüttendorf gehört, neben den Gärten des Allmende-Kontors oder der „Zukunftsuniversität“ Metropolis, zu den sogenannten „Pionierprojekten“, die der Senat als Zwischennutzer auf dem Gelände des ehemaligen Flugplatzes zugelassen hat. „Es wird in den nächsten Jahren spannend sein zu sehen, wohin sich dieser Freiraum entwickelt“, sagt Wedell. „Gerade wenn man sieht, wie sich der Neuköllner Schillerkiez jetzt schon verändert hat.“

Da sei es auch im Hüttendorf zu einigen interessanten Begegnungen gekommen, erzählt die Betreuerin und lacht. „Wir hatten nachmittags hier diese jungen Kreativen-Väter, die keine Ahnung hatten von der Konstruktion eines Stuhls oder von Statik, eben bloß so einen Blick für das Ästhetische – und dann trotzdem alles besser wussten als unsere Schreiner im Team.“ Es sei eben das alte Dilemma, seufzt sie: „Einerseits entstehen hier gerade viele spannende Sachen. Andererseits wissen wir natürlich auch, dass genau das dazu beiträgt, dass hier Aufwertungsprozesse in Gang kommen.“

Das Interesse an dem Projekt sei enorm gewesen, sagt Wedell; wie viele Besucher genau da waren, weiß sie nicht: „Manchmal waren hier bis zu 50 Kinder – teilweise gab’s sogar Wartezeiten, weil wir gar nicht alle beschäftigen konnten.“ Vormittags kamen Kitagruppen und Schulen, nachmittags neugierige Familien von der gegenüberliegenden Grillwiese, die Kinder aus der Nachbarschaft, Großeltern mit ihren Enkeln, Hortgruppen.

Neben den Hüttenbaunachmittagen gab es auch regelmäßige Workshops: Die Recyclingwerkstatt Berlin bastelte mit den Kindern Fantasiegefährte aus ausrangierten Fahrrädern und Kinderwagen, mit der interkulturellen Jugendorganisation Amaro Drom war man im Juli mit Sinti- und Roma-Kindern samt Fotokameras in Neukölln unterwegs: „Die Fotos aus ihrem Kiez haben die Kinder dann zu utopischen Stadtentwürfen weitergestaltet und sie in den Hütten ausgestellt“, erklärt Wedell.

Einige Holzhäuser hat man zwischendurch wieder abreißen müssen – sonst wäre das Dorf schlicht zu groß geworden. Das Material bekam das Gecekondu-Team – Künstler, Sozialpädagogen, eine Tischlerin, ein Zimmermann, eine Projektmanagerin – als Spende von verschiedenen Abrissfirmen. „Viel kam auch von der Bread-&-Butter-Modemesse, und wir hatten einen Holzsammelschein beim Forstamt beantragt“, sagt Wedell.

Zwei, drei Tage hintereinander müsse man schon kommen, um so eine Hütte fertigzubekommen, erklärt die Kreuzberger Künstlerin, die bis zum Projektstart im März auch noch keine Ahnung hatte, wie man ein Holzhaus aufstellt. Mittlerweile weiß sie: „Erst mal baut man auf dem Boden das Grundgerüst und die Wände zusammen, erst dann richtet man alles auf.“

Einige Hüttenbauer sind dabei augenscheinlich ambitionierter zu Werke gegangen als andere: Da stehen Häuschen komplett mit gezimmerter Veranda, kleiner Holzbank vor der Tür und Bildern drinnen an den Wänden. Es gibt anspruchsvolle Projekte auf niedrigen Stelzen samt kleiner Treppe, die hinaufführt. Daneben finden sich Konstruktionen aus dünnen Zweigen, die eher an ein Indianerzelt erinnern, oder hastig zusammengezimmerte Bretterbuden, bei denen auch jetzt im Herbst noch das Dach fehlt. „Manche Familien nehmen das hier schon richtig ernst“, sagt Wedell und deutet auf eine Hütte mit Blumenkästen vor der Tür, die schon fast an ein Schrebergartenhäuschen erinnert. „Das hat ein bosnisches Ehepaar mit seinen Enkelkindern gebaut – die wollen im Frühjahr hier mit ihrem Garten loslegen.“

Ganz klar ist es allerdings noch nicht, wie es nächstes Jahr mit Gecekondu weitergeht. „Wir sind gerade dabei, uns nach Geldgebern umzuschauen“, sagt Wedell, die auch auf Unterstützung von den städtischen Jugend- und Kulturämtern hofft. Dann will man die Themen Gentrifizierung und Stadtpartizipation noch mal mehr in den Vordergrund rücken, etwa auch mit Diskussions- und Filmabenden für Erwachsene.

 

Elena, Wedells fünfjährige Tochter, zerrt ungeduldig am Arm ihrer Mutter: An ihrem kleinen Haus fehlt noch eine Dachhälfte, es gibt noch ein bisschen was zu tun. Die beiden haben zwar mehr Zeit als bloß eine Nacht. Aber vor dem Winter, sagt die Kleine bestimmt, solle das Häuschen schon fertig werden.

 

Die taz beobachtet die Veränderungen im Schillerkiez in Berlin Neukölln seit Mai 2010.

19. 10. 2012

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