Tea-Party gewinnt Testwahl der Republikaner

Nein und Amen

Michele Bachmann gewinnt die erste Testabstimmung unter den republikanischen Herausforderern von Obama. Viele ihrer Anhänger wären hier ein Fall für den Sektenbeauftragten.

Yay! Teaparty-Politikerin Michele Bachmann freut sich. Bild: reuters

AMES (IOWA) taz | "Dies ist das größte Land auf Erden", tönt Duane Holt in die Runde, "es ist bloß in den falschen Händen." Aus dem Unterkiefer des 69-Jährigen ragen zwei einsame Zähne. Für einen Arztbesuch reicht es nicht. "Meine Rente ist seit zwei Jahren unverändert", erzählt er mit etwas leiserer Stimme und fügt hinzu: "Ich bin keiner von denen, die der Allgemeinheit zur Last fallen. Es geht auch ohne Zähne."

Ihm gegenüber am Campingtisch sitzt eine sorgfältig geschminkte Frau. Linda Love trägt ein orangefarbenes T-Shirt ihrer Favoritin, hat am Handgelenk das lila Bändchen jener, die bereits gewählt haben, und löffelt Essen aus einem Plastikschälchen. Wie alle am Tisch hat sie für Michele Bachmann als republikanische Präsidentschaftskandidatin gestimmt. Weil sie christlich ist. Weil sie etwas von Finanzen versteht. Weil sie unbeirrt an ihrer Meinung festhält. Und weil sie den Staat schrumpfen lassen will. "Man muss mit dem haushalten, was man hat", sagt Linda Love. Die 70-Jährige lebt in einem Trailer, einem Wohnwagen. Sie hat früher als Sekretärin gearbeitet und dabei "gut auf das Geld aufgepasst". Aber für ein richtiges Haus hat es trotzdem nicht gereicht.

Die beiden sehen sich nicht als Opfer. Vielmehr als Avantgarde des "echten Amerika". Sie wollen, dass der Staat seine Ausgaben kürzt, freilich ohne ihre Rente oder ihre Krankenversicherung ein weiteres Mal anzutasten.

Mögliche Präsidentschaftskandidaten der Republikaner u. a.:

Michele Bachmann: 55, Kongressabgeordnete aus Minnesota, steht der Tea Party nahe.

Ron Paul: 74, Kongressabgeordneter aus Texas; bewarb sich bereits 2008 Bewerber um die republikanische Kandidatur für die Präsidentschaftswahl.

Rick Santorum: 53, ehemaliger Senator von Pennsylvania.

Rick Perry: 61, Gouverneur von Texas, gab am Sonntag offiziell seine Kandidatur bekannt.

Mitt Romney: 63, Exgouverneur von Massachusetts, kandidierte schon 2008.

Tim Pawlenty, 50, Exgouverneur von Minnesota gab am Sonntag seinen Verzicht bekannt.

Ob Sarah Palin, 47, Exgouverneurin von Alaska, 2009 Vizepräsidentschaftskandidatin und Ikone der Tea-Party-Bewegung, kandidiert, ist noch unklar. (taz)

Wie Tausende andere sind sie an diesem Samstag in das Provinznest Ames nach Iowa gekommen. Der Bundesstaat im Mittleren Westen ist die Maiskammer der USA. Was dort angebaut wird, ist zu mehr als 90 Prozent genmanipuliert. Und zu 100 Prozent erfolgreich. Insbesondere in diesem Jahr, in dem die Maispreise erstmals höher liegen als die Weizenpreise.

Zugleich ist Iowa die Wiege der Präsidentschaftswahlkämpfe. Fast alle Präsidenten haben ihre Kampagnen dort begonnen, auch Barack Obama. Die Bewohner Iowas legen Wert auf kleine Treffen mit kommenden Präsidenten. Und sie erzählen noch ihren Enkeln, wem sie getraut haben und wem nicht.

Bis zum Frühjahr galt sie als rechte Extremistin

Den Anfang machen auch dieses Mal wieder die Republikaner. Ihre "Straw Poll" genannte Probeabstimmung in Ames ist die erste parteiinterne Wahl in der langen Kampagne bis zum Präsidentschaftswahlkampf. Es gibt Gratisessen, Gratis-T-Shirts. Und Gratiskonzerte. Den Kandidaten kostet der Tag ein Vermögen. Wer beim Straw Poll siegt, wird zwar im folgenden Winter nicht unbedingt offizieller Präsidentschaftskandidat der Republikaner, aber Schlagzeilen für ein paar Tage sind ihm gewiss.

Michele Bachmann ist eindeutige Siegerin des Tages. Sie bekommt 28,6 Prozent der Stimmen. Für eine Politikerin, die noch bis zu diesem Frühjahr als rechte Extremistin galt, die allenfalls bei Demonstrationen der Tea Party auftrat, ist das ein sensationeller Erfolg. Zugleich geht die Parteirechte insgesamt gestärkt aus dem Treffen hervor. Denn hinter Bachmann folgen noch drei weitere Kandidaten, die ebenfalls zum äußeren rechten Rand gehören: Ron Paul mit 27,7 Prozent, Tim Pawlenty, der bereits am Sonntag seine Kandidatur zurückzog, mit 13,6 Prozent und Rick Santorum mit 9,8 Prozent. Sie alle sind wie Bachmann ostentativ religiös, lehnen Abtreibungen ab und kämpfen gegen gleichgeschlechtliche Ehe.

Jene republikanischen Kandidaten, die in Washington als gemäßigt gelten, landen hingegen bei dem Straw Poll in Iowa erst auf den Plätzen sechs und sieben: Rick Perry mit 3,6 Pozent, Mitt Romney mit 3,4.

"Wir holen uns Amerika zurück", kommentiert Bachmann ihren Erfolg. Und alle verstehen, dass damit nicht nur Präsident Obama gemeint ist, sondern auch ihre eigene Partei. Beim Straw Poll in Ames fehlen jene Kandidaten der Republikaner, die angesichts des Rechtsrucks der Partei nun plötzlich moderat wirken - darunter Perry und Romney. Sie sind vorher nach Iowa gefahren. Und sie werden hinterher durch den Bundesstaat touren. Doch die Probeabstimmung in Ames überlassen sie ihren Parteirechten. Bachmann und die anderen nutzen die Gelegenheit, um ihre Ambitionen zu untermauern.

Die aggressiven Parolen früherer Demonstrationen der Tea Party sind in Ames nicht zu hören; es gibt auch keine Bilder von Obama, die diesen mit Hitlerbärtchen oder im Stalin-Outfit zeigen. Die Anhänger der Tea Party nennen sich jetzt "sozialkonservativ". Und Gott spielt eine zentrale Rolle.

Sie gibt sich bescheiden

Direkt gefolgt von mehreren Lobbygruppen, die das Ereignis nicht nur sponsern, sondern auch ihre Ideen eingeben. Ganz oben steht das amerikanische Petroleum Institute. Es verlangt eine schnelle Genehmigung von Off-Shore-Ölbohrungen und einer neuen Ölpipeline von Kanada quer durch die USA. Für die Arbeitsplätze und die Energiesicherheit. Die Leute von der "Nationalen Vereinigung für die Ehe", die mit einem "Wertebus" durch Iowa touren, halten Reden gegen Abtreibungen. Die Schusswaffenlobby NRA empfiehlt Bachmann und Ron Paul als "Pro Gun"-Kandidaten. Und die Gruppe "Numbers" ist für Bachmann, weil diese für "sichere Grenzen" und eine harte Verfolgung von "illegaler Immigration" eintrete.

Bachmann selbst gibt sich bescheiden. In zahlreichen kleinen Reden sagt sie immer dasselbe. Und fast nichts Politisches: "Ich heiße Michele Bachmann. Ich bin in Iowa geboren. Ich will Präsidentin werden."

Als Bilanz ihres politischen Tuns verweist sie auf ihre "Neins". Seit ihrem Einzug in das Repräsentantenhaus im Jahr 2007 ist sie auf Ablehnung spezialisiert. Auch dann, wenn der Rest ihrer Partei anders stimmt. Zuletzt hat sie Anfang August die Erhöhung der Schuldendecke abgelehnt. Während die Ratingagenturen die USA abgestraft haben, beharrt sie weiterhin darauf, dass es richtig war, mit Zahlungsunfähigkeit zu drohen.

In Bachmanns Zelt lösen sich Pfadfinder in Uniform und Kirchenmusiker ab. Es ist ein Wahlkampf mit Musik und Gebet. Eine Jugendband singt von Jesus im Herzen und von Liebe zu Gott. Bachmann-Anhänger stehen mit entrücktem Blick und gen Himmel gestreckten Armen davor, singen mit und wiegen sich im Rhythmus.

In manchen anderen Ländern würden sich Sektenbeauftragte für das Geschehen interessieren. Aber in Iowa, wo sich zahlreiche fundamentalistische Gruppen tummeln, sagt ein Bachmann-Fan: "Das echte Christentum ist tolerant." Und Duane Holt nuschelt zwischen seinen beiden letzten Zähnen: "Dies ist eben eine christliche Nation."

"Bachmann ist verrückt"

Kritische Diskussionen kommen so nicht auf. Außerhalb der Straw Poll sind Bachmanns Auftritte spannender. Auf der Landwirtschaftsmesse von Iowa springt ein junger Mann auf einen Strohballen, während Bachmann ihre Standardrede hält. "Schäm dich!", ruft Gabe Aderhold von dem Strohballen herunter. Er ist 17, trägt eine Zahnklammer und lässt die umstehenden Fans wissen: "Für die Bachmanns sind Leute wie ich Barbaren." Mit diesem Wort hat Bachmanns Mann Marcus, ein Familientherapeut, Schwule bezeichnet. In seiner Klinik haben Behandlungen stattgefunden, um junge Männer von ihrer Homosexualität zu "befreien".

Am Eingang zu Bachmanns Zelt kontrollieren Freiwillige jeden, der hereinwill. Draußen schlendert ein junger Mann mit Adlertätowierung auf dem linken Arm herum. "Bachmann ist verrückt", sagt Jason Arment, Religion und Privatleben hätten in der Politik nichts verloren.

Der 26-Jährige steht kurz vor dem Ende seiner Dienstzeit bei den Marines und hat im Irakkrieg gekämpft - "ein verlorenes Jahr", wie er sagt. Bei den letzten Wahlen hat er für Obama gestimmt. Er kritisiert, dass Obama weiter Krieg führt, und unterstützt darum nun den rechten Libertären Ron Paul, der den Abzug aller US-Truppen propagiert.

Doch auf dem T-Shirt des jungen Mannes steht nicht der Name des Kandidaten, sondern: "Freiheit für Julian Assange!" Jason Arment nennt den WikiLeaks-Gründer einen "Helden". Auf der Straw Poll halten viele Obama für einen Sozialisten; noch mehr bezweifeln, dass es einen Klimawandel gibt. Aber für Assange interessiert sich sonst niemand.

Ein Thema, das noch bei der letzten Straw Poll vor vier Jahren zu den wichtigsten gehörte, ist nahezu verschwunden: der Terrorismus. Umso mehr geht es um wirtschaftliche Themen. Auch bei Linda Love, die zwar Wert auf christliche Moral legt, vom nächsten Präsidenten aber neue Jobs erwartet.

Milchbauer Jerry Harvey mischt sich ein. Er hat 70 Kühe, Kinder in kostenpflichtigen Ausbildungen und sitzt auf einem Schuldenberg von 320.000 Dollar. Am liebsten würde er alles verkaufen. Aber wenn er es täte, würde das Geld nicht einmal reichen, um die Schulden zu tilgen. Verantwortlich für seine Misere macht er: "Die Steuern." Mit anderen Worten: den Staat.

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