„The Shards“ bei Disney+: Der Glanz vor dem Abgrund
Jugend, Luxus und Mord: Die Serienadaption von „The Shards“ hat Glamour – doch aus der subtilen Bedrohung des Romans wird oft greller Horror.
Es steckt noch in dieser Serie, das grandiose Buch von Bret Easton Ellis. Nach 13 Jahren Schreibpause zeichnete der Popstar des literarischen Nihilismus darin das Bild einer jugendlichen Clique, das sich zwar in seinen typischen luxuspessimistischen Schilderungen ergeht, dabei aber weitgehend ohne den markschneidenden Zynismus seiner früheren Werke auskommt.
„The Shards“ hält die feine Balance zwischen leise läuternder Sezierung und einer seltsamen Bewunderung für die schamlose Dekadenz der schillernden Hollywoodwelt, in der sich die Hauptfigur „Bret“ – der Roman ist als autofiktionales Spiel angelegt – bewegt.
In den frühen 1980ern befindet sich Bret an der Schwelle zu seinem letzten Jahr an einer exklusiven Privatschule. Das Werk erzählt vom unbedingten Willen seiner ausnahmslos reichen Freunde, es zu etwas Besonderem zu machen.
Es ist ein von der Melancholie des Überflusses durchzogener Abschied von einer bis dahin wohlbehüteten Jugend. Die verbringt Bret mit vormittäglichen Drinks in luxuriösen Restaurants, auf exklusiven Privatpartys seiner Partnerin Debbie und zwischen allerhand Kokain und den subtilen Machtspielen seiner Freundesgruppe. Über alledem liegt der Schatten des Serienmörders „The Trawler“, der Jagd auf die Oberschicht von Los Angeles macht und unaufhaltsam näher rückt.
Die Versuchung des Schocks
Noch im Erscheinungsjahr des Buches, 2023, wurde eine Serienadaption angekündigt. Schon damals war beinahe damit zu rechnen, dass dieses Vorhaben von herben Schwierigkeiten begleitet werden würde.
Nicht nur wegen der Allüren, die dem Autor nachgesagt werden, sondern auch, weil die besondere Stimmung und damit die Essenz des Buchs ins Visuelle umzusetzen, eine denkbar große Herausforderung ist. Und tatsächlich wechselte die Regieverantwortung vom anfänglich angedachten Luca Guadagnino bald zu Kristoffer Borgli, ehe von HBO verkündet wurde, dass das Projekt aufgrund kreativer Differenzen aufgegeben wurde.
Dann übernahm doch Ryan Murphy. Eine Nachricht, die nach einem Segen für die tatsächliche Umsetzung klang, immerhin zählt er zu den bestbeschäftigten Serienschöpfern der Stunde. Auch künstlerisch scheint vieles stimmig: Die gelungensten seiner Arbeiten atmen eine fast morbide Faszination für sowohl den Glamour als auch den unmittelbar dahinter lauernden Verfall. Doch es hat sich zuletzt abgezeichnet, dass Ryan Murphy zunehmend dazu tendiert, auf den billigen Schock zu setzen, statt die viel aufwendigere Gratwanderung zwischen Anziehung und Abscheu herauszuarbeiten.
Die Kunst des schmalen Grats
Der Serie ist nun gewissermaßen beides eingeschrieben. Herausragend gelingt es, eine Atmosphäre heraufzubeschwören, die zwischen der sorglosen Freiheit der Jugendlichen und der existenziellen Leere ihres Umfeldes changiert, das sie schon so meisterlich zu imitieren gelernt haben.
Ebenso weiß Ryan Murphy um die Tragik, die einer Figur wie Bret (Igby Rigney) innewohnt, der insgeheim Männer liebt, sich aber kaum etwas Schlimmeres als ein Outing vorstellen kann und daher ein Doppelleben führt. Im Neuankömmling der Schule, Robert (Homer Gere), kulminiert sein innerer Aufruhr: Bret fühlt sich von ihm angezogen, gleichzeitig stößt ihn ab, dass er das strahlende Paar ihrer Freundesgruppe entzweien und Susan (Kaia Gerber) selbst besitzen möchte.
Als schließlich zwei Schüler verschwinden, darunter Matt (Owen Painter), mit dem Bret ein Verhältnis hat und seine Vorzeigefreundin und Produzententochter Debbie (Hayes Warner) betrügt, beschuldigt er Robert, der „Trawler“ zu sein. Ausgerechnet dort aber, wo Ellis im Alltäglichen zu seinen schärfsten Beobachtungen fand, verdichtet Murphy die grafische Gewalt, rückt das Serienmördermotiv noch mehr in den Vordergrund und fügt weitere reißerische Aspekte hinzu. Womöglich, um eine Serie, die wohl mit sechs Folgen deutlich besser funktioniert hätte, auf zehn Episoden zu strecken.
Verpassen sollte man „The Shards“ dennoch nicht. Oft genug blitzt zwischen dem Hang zum Exzess noch die desillusionierte Präzision auf, die Ellis' Roman so außergewöhnlich macht und oft liegt Murphy auch genau richtig. Wo er übertreibt, wird es frustrierend – aber eben auch nie langweilig.
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