Thüringen arbeitet Tod in Stasihaft auf

Die Linke und ein Todesfall

Ministerpräsident Ramelow will Klarheit über den Fall Matthias Domaschk. Dieser wurde 1981 von der Stasi festgenommen und starb in der Haft.

Renate Ellmenreich spricht auf einer Pressekonferenz

Die damalige Lebensgefährtin von Domaschk, Renate Ellmenreich, forderte in einem offenen Brief Aufklärung Foto: dpa

ERFURT taz | Fotos von Matthias Domaschk zeigen einen langhaarigen, lebensfrohen und ein wenig renitent ausschauenden jungen Mann. Am 11. April 1981 wurden der 23-Jährige und sein Freund Peter Rösch von der DDR-Staatssicherheit verhaftet, um sie an einer Fahrt nach Berlin zum 10. Parteitag der SED zu hindern.

Das Stasi-Untersuchungsgefängnis in Gera verließ Domaschk nicht lebend. Angeblich soll er sich am 12. April selbst erhängt haben. Eine vom Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Linke) eingesetzte Arbeitsgruppe zur Aufklärung der Todesumstände äußerte nun erhebliche Zweifel an dieser offiziellen Legende.

Einen Abschlussbericht konnte die sechsköpfige Arbeitsgruppe am Samstag zwar noch nicht vorlegen. Aber wenige Tage nach dem 60. Geburtstag von „Matz“ Domaschk und am Erinnerungstag an den Aufstand in der DDR vom 17. Juni 1953 war der Termin sogar dem Bundesbeauftragten für die Stasi­unterlagen Roland Jahn eine Reise nach Erfurt wert. Ministerpräsident Ramelow hat die Angelegenheit ohnehin zu seiner persönlichen gemacht. Denn die damalige Lebensgefährtin von Domaschk, die spätere Pfarrerin Renate Ellmenreich, hatte den neuen Ministerpräsidenten Ende 2014 in einem offenen Brief zur Mithilfe bei der Aufklärung aufgefordert.

Sie bezog sich dabei auf eine Erklärung zur SED-Vergangenheit, die Ramelow unmittelbar nach seiner Wahl am 5. Dezember abgegeben hatte. Der Fall Domaschk ist also zum Präzedenzfall für den Umgang der Linkspartei mit SED- und Stasiunrecht geworden.

Zahlreiche Widersprüche

Beim Pressegespräch im Thüringer Landtag war deshalb zu spüren, dass die Bedeutung des Falls über die Aufklärung der Todesumstände hinausreicht. Wenn überhaupt, wird sich die Todesursache nur dann noch ermitteln lassen, wenn beteiligte Stasioffiziere ihr Schweigen brechen. Die Untersuchungsgruppe kommt aber anhand zahlreicher Indizien zu dem vorläufigen Schluss, dass sich „Matz“ Domaschk höchstwahrscheinlich nicht selbst stranguliert haben kann.

Roland Jahn, Stasibeauftragter

Es geht um die Gesamtverant­wortung der SED

Fotos von der Obduktion, Zeugenvernehmungen, zahlreiche Widersprüche zwischen den Protokollen und Aussagen und eine Bewertung durch den Direktor des Rechtsmedizinischen Instituts der Charité Michael Tsokos stützen diese Annahme. Es liegt vielmehr der Verdacht nahe, der Häftling sei nachträglich an sein zerrissenes Oberhemd gehängt worden. Mutmaßungen über die wahre Todesursache wollte in Erfurt niemand äußern.

An der Wahrheit liegt der hinterbliebenen Renate Ellmenreich und ihrer gemeinsamen Tochter Julia am meisten. Nicht eine Mordanklage sei am wichtigsten, nachdem Staatsanwälte in den 1990er Jahren die Ermittlungen eingestellt hatten. Es gelte vielmehr, einen „inneren Abschluss“ zu finden. Der Bundesbeauftragte Roland Jahn warnte vor „schnellen Schlüssen“ und einem „endgültigen Urteil“. Ihm ging es ohnehin mehr um Systemfragen und um die „Gesamtverantwortung der SED, die heute Linkspartei heißt“.

Die Spitze kam an bei Ramelow, obschon sich Jahn und Ellmenreich zuvor bei ihm bedankt hatten. Der Ministerpräsident erinnerte an die Fusion von PDS und WASG zur Linken vor zehn Jahren und deren Gründungsintentionen. Aber Beschlüsse seien das eine, die Fähigkeit, über die DDR-Vergangenheit zu sprechen, etwas anderes. Es gelte, auch weiterhin „an dieser Wunde zu arbeiten“. Ramelow sprach vom Versuch, ein Klima zu schaffen, dass jene, „die schon lange nichts mehr mit meiner Partei zu tun haben“, zumindest im geschützten Raum reden. Roland Jahn blieb skeptisch. „Die Linke stellt sich dem nicht“, beharrte er mürrisch.

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