Tochter von Kreml-Kritiker über Russland

„Heimweh? Absolut nicht“

Schanna Nemzowas Vater Boris wurde vor einem Jahr ermordet. Ein Gespräch über Putins Staat, ihr Leben in Bonn und deutsche Strümpfe.

Schanna Nemzowa

„Mir ist klar, dass es, wenn ich so weitermache, für mich gefährlich ist, in Russland zu bleiben“, sagt Schanna Nemzowa.  Foto: Lena Böhm

Schanna Nemzowa empfängt ihre Gesprächspartnerinnen am frühen Abend in einem Konferenzraum des Senders Deutsche Welle in Bonn. Es gehe ihr nicht gut, sie habe gerade eine Spritze bekommen, sagt sie. Nachdem sie einen Kaffee getrunken hat, beginnt das Gespräch, das oft von Nemzowas Lachen unterbrochen wird. Zwei Stunden nach dem Interview schickt sie eine Mail: „Es war sehr angenehm, mich mit Ihnen zu unterhalten. Dieses Interview wird mir im Gedächtnis bleiben, es war ganz anders als viele andere Gespräche.“

taz.am wochenende: Frau Nemzowa, wie viele Interviews haben Sie in diesem Jahr schon gegeben?

Schanna Nemzowa: 20, und die nächsten 20, 30 kommen bald. Seit dem vergangenen Jahr waren es wohl über 100. Russische Medien wollen aber nur selten mit mir sprechen.

Gibt es Fragen, die Sie nicht mehr hören können?

Deutsche Medien haben mir solche Fragen nicht gestellt. Das ist das Vorrecht russischer Medien. Das, was ich zu sagen habe, kann man 1.000- oder 2.000-mal sagen. Es geht um die Ermittlungen zum Mord an meinem Vater. Es macht mir nichts aus, fast jeden Tag über diese Ermittlungen zu sprechen. Das ist meine Lebensaufgabe.

In Ihrem Buch, „Russland wachrütteln: Mein Vater Boris Nemzow und sein politisches Erbe“, schreiben Sie, dass Sie zufällig nach Deutschland kamen …

Die Tochter: Schanna Nemzowa, 31, ist Journalistin und Börsenexpertin. Bis Mai 2015 moderierte sie beim russischen Wirtschaftssender RBK in Moskau. Nach dem Mord an ihrem Vater Boris Nemzow emigrierte sie nach Deutschland. Seit August 2015 arbeitet Schanna Nemzowa in der russischen Redaktion der Deutsche Welle in Bonn. Gerade erschien ihr Buch „Russland wachrütteln“ im Ullstein Verlag.

Der Vater: Der russische Oppositionspolitiker Boris Nemzow wurde am 27. Februar 2015 in der Nähe des Kremls auf offener Straße erschossen. Er wurde 55 Jahre alt. Nemzow war ehemaliger Gouverneur des Gebiets Nischni Nowgorod und Vizeministerpräsident unter Präsident ­Boris Jelzin. Als Fraktionsvorsitzender der liberalen Partei Union der rechten Kräfte und Mitgründer der oppositionellen Bewegung Solidarnost galt er als der größte politische Gegner Wladimir Putins der letzten Jahre.

Das stimmt. Aber ich verrate Ihnen ein Geheimnis. Auch meine erste Auslandsreise hat mich nach Deutschland geführt. Das war, glaube ich, 1993. Mein Vater war damals Gouverneur in Nischni Nowgorod. Wir fuhren nach Düsseldorf, weil er dort nach Investoren Ausschau halten wollte. Die Delegation, die meinen Vater begleitete, wohnte in einem Hotel. Wir beide aber übernachteten bei den Falkes, dieser berühmten Familie, die Strümpfe herstellt. Mein Vater hatte den Hausherrn irgendwo kennengelernt. Ich bekam Strümpfe geschenkt. Sie hatten eine fantastische Qualität, mit unserer gar nicht zu vergleichen.

Sie leben seit einigen Monaten in Deutschland. Als was bezeichnen Sie sich?

Ich bin Journalistin, Reporterin in der russischen Redaktion der Deutschen Welle. Und ein Flüchtling, der gesetzmäßig die Grenze überquert hat. Aber auch ein Gast. Wie lange ich hier sein werde, weiß ich nicht, aber ich bleibe eine Russin, die in Deutschland lebt.

Haben Sie Heimweh?

Absolut nicht. Nicht nach einem Land, das sich unter der Herrschaft von Wladimir Putin in einen autoritären Polizeistaat verwandelt hat.

Schanna Nemzowa

Das war ein politisch motivierter Mord.

Was gefällt Ihnen hier, was nicht?

Mir gefällt nicht, dass ich noch nicht so gut Deutsch spreche. Viele Leute, die hier schon länger leben, sagen mir, dass ich alle Stadien durchlaufe, die jeder Migrant durchlaufen muss. Zuerst gefällt einem alles, dann nichts, und dann stellt man schließlich fest, dass es eigentlich genauso ist wie in der Heimat. Ich befinde mich noch im ersten Stadium. Mir gefällt alles, doch es gibt natürlich Schwierigkeiten.

Welche?

Die Sprache und diese Ordnung, obwohl die für Russen nützlich ist. Je mehr davon, desto besser für uns. Und es gibt Dinge, die mich schockieren. Ich gehe nicht in eine gemischte deutsche Sauna.

In Russland ist der Organisator eines Gedenkmarsches für den vor einem Jahr ermordeten Oppositionspolitiker Boris Nemzow von Unbekannten zusammengeschlagen worden. Wjatscheslaw Kislizin sei vor der Fabrik, in der er arbeite, angegriffen worden, sagte der Oppositionelle Alexei Tabalow am Freitag. Kislizin sei eine Rippe gebrochen worden. Er habe einen Herzanfall erlitten und sei in ein Krankenhaus gebracht worden. (ap)

Warum nicht?

Ich trage in der Sauna immer einen Badeanzug, aber hier lassen sie mich damit nicht hinein. Sie gucken mich komisch an und denken sich wohl: Was ist das für ein merkwürdiger Mensch, wahrscheinlich eine Russin. Aber bei uns ist das so Brauch. Es fällt mir schwer, mich umzustellen. Das verstehen Sie wahrscheinlich nicht. Das ist genauso, wie wenn man jemandem in Saudi-Arabien erklären würde, dass es großartig ist, Wodka zu trinken.

Was ist für Sie besonders lustig in Deutschland?

Der Karneval. Das ist schon komisch, wenn Leute in Bären-, Krokodil oder Hundekostümen betrunken durch die Straßen laufen. Ich hatte übrigens auch ein Kostüm, das einer Spanierin. Ich war damit allerdings nicht beim Karneval, sondern auf einem Empfang. Karneval light.

So lustig der Karneval, so wenig lustig ist das Bild von Deutschland, das derzeit die russischen Medien zeichnen.

Bis vor Kurzem galt Deutschland noch als befreundetes Land und war kein Objekt von Angriffen der Puti n ’schen Medien. Im Mai 2015 habe ich in Deutschland über die Freiheit der Medien gesprochen und gefordert, den Propagandisten die Einreise nach Europa zu verweigern. Zu diesem Zeitpunkt fand das niemand eine gute Idee. Jetzt, wo Deutschland von dieser Propaganda betroffen ist, hat sich das geändert.

Wie erklären Sie es sich, dass Russland jetzt gerade gegen Deutschland so heftig Stimmung macht?

Vielleicht hängt diese Entscheidung damit zusammen, dass Deutschland eine entscheidende Rolle bei der Frage spielt, ob die Sanktionen verlängert werden sollen oder nicht. Vielleicht gibt es auch andere Gründe. Propaganda muss, um die Menschen unter Spannung zu halten, immer mit neuen krassen Geschichten kommen. Doch mal abgesehen davon glaube ich, dass der Einfluss russischer Medien in Deutschland überschätzt wird.

Und die Leute, die im Fall Lisa auf die Straße gingen …

Das waren 2.000 Leute, aber in Deutschland leben mehr als drei Millionen Menschen mit russischen Wurzeln. Das ist nicht die Mobilisierung, die die Bundesregierung fürchtet.

Lassen Sie uns einen Ausflug nach Russland machen...

Wo ich lange nicht mehr war.

Erzählen Sie etwas über Ihre Kindheit.

Das Kind, das ich war, und die Frau, die ich heute bin, das sind zwei ganz verschiedene Personen. Als Kind war ich sehr faul. Ich fuhr gerne Fahrrad, spielte mit Katzen und sammelte Beeren im Wald. Auf Hausaufgaben hatte ich keine Lust und machte sie auch nicht immer. Ich war keine gute Schülerin und las auch keine Bücher.

Was sagte Ihr Vater dazu?

Er hat mir nie etwas aufgezwungen, obwohl er öfter darauf angesprochen wurde. Guck dir mal deine Tochter an, ein Albtraum, sagten die Leute. Doch mein Vater meinte nur: Was macht das schon, alles ist gut. Dann kam ein Moment, als ich merkte, dass ich in der Klasse total abgehängt war. Alle lasen schon Jules Verne oder unterhielten sich über Shakespeare, und ich wusste überhaupt nicht, worum es ging.

Und das störte Sie.

Ich begann, Bücher zu lesen, obwohl mir Jules Verne gar nicht gefiel. Ich beschäftigte mich mit Mathematik und anderen Fächern und ging sogar in einen Englischkreis. So wurde ich nach der Grundschule ein ganz anderer Mensch.

Womit hing diese Entwicklung zusammen?

Ich hatte verstanden, dass man Menschen ihre Freiheit lassen muss. So wie es meine Eltern gemacht haben. Ich habe immer alles selbst entschieden. Deshalb bin ich wohl ein sehr freiheitsliebender Mensch geworden.

Wie war die Beziehung zu Ihren Eltern?

Ich habe meinen Vater sehr geliebt, war sehr auf ihn fokussiert. Das habe ich nie versteckt. Letztendlich habe ich immer auf ihn gehört.

Als Ihr Vater in die Politik ging, wie hat sich das auf Sie ausgewirkt?

Es hat mich wütend gemacht. Denn am Anfang verstehst du nicht, was ein Gouverneur ist. Und dass du von den anderen abgesondert wirst. Das war mein erstes Gefühl. Wenn die Eltern bekannt sind, kann das ein Vorteil sein. Im Falle meines Vaters war das nicht so. Denn als ich anfing zu arbeiten, gehörte er schon der Opposition an. Habe ich mich von dem Komplex befreit, dass ich Nemzowa heiße? Ja, ich bin stolz auf diesen Nachnamen. Viele fragen mich jetzt, ob ich von diesem Namen profitiere. Aber mein Vater ist nicht mehr. Und seinen Nachnamen tragen noch viele außer mir. Ich brauche keine fantastische Karriere. Doch ich wünschte mir, die Zeit zurückdrehen zu können und dass es den 27. Februar 2015 nie gegeben hätte.

Warum wurde Ihr Vater umgebracht?

Das war ein politisch motivierter Mord.

Aus welchen Motiven?

Wir müssen zwischen den Motiven der Drahtzieher und denen der Organisatoren unterscheiden. Die Letzteren haben aus Eigennutz gehandelt, während sich die Hintermänner von politischen Beweggründen leiten ließen. Tatsache ist, dass es sich um eine politische Abrechnung handelte.

Aber er war doch keine echte Bedrohung für das Regime in Russland?

Da muss ich kategorisch widersprechen! In einem halb autoritären Regime stellt jeder unabhängig denkende Mensch eine Gefahr dar. Bewegung geht nicht von der passiven Mehrheit aus, sondern von der aktiven Minderheit. Ein Mensch, der fähig ist, diese Minderheit zu mobilisieren, ist eine Gefahr. In Russland gibt es so gut wie keine festen politischen Überzeugungen. Das erklärt die überirdischen Beliebtheitswerte Putins. Als er im August 1999 Premierminister wurde, schnellte die Zustimmung für ihn innerhalb weniger Monate von null auf 79 Prozent hoch.

Dennoch scheint es, als sei Ihr Vater erst durch den Mord zu einer wahren Bedrohung geworden.

Das stimmt. Ich kann mich an keinen anderen Fall erinnern, bei dem die improvisierte Gedenkstätte ein Jahr lang gegen Verwüstungen verteidigt wird und 100.000 Menschen zu einem Gedenkmarsch auf die Straße gehen. Das Regime hat damit nicht gerechnet. Der Kreml dachte wohl, dass jemand, der die ganze Zeit mit Dreck beworfen wird, wirklich dreckig wird.

Wie würden Sie den heutigen Zustand der Opposition in Russland benennen, da Ihr Vater, das Herz der Opposition, nicht mehr da ist?

Der frühere Ministerpräsident und Mitstreiter meines Vaters, Michail Kassjanow, tut mir leid. Er ist denselben Angriffen ausgesetzt wie mein Vater. Es ist sehr erniedrigend. Es geht um die bloße Existenz: Wird die Opposition überleben oder nicht? Es sind nur die Mutigsten übrig geblieben. Mein Vater sagte, die echten Oppositionellen müsse man ins Rote Buch eintragen. Das ist nicht gut, denn bei einem Machtwechsel wird man Menschen brauchen, die politische Erfahrung haben.

Haben Sie Angst um Ihr Leben?

Nein, ich bin bloß ein vernünftiger Mensch. Mir ist klar, dass es, wenn ich so weitermache, für mich gefährlich ist, in Russland zu bleiben. Außerdem will ich in einem freien Land leben.

Ihre Stiftung, die den Namen Ihres Vaters trägt, ist gerade registriert worden. Welches sind Ihre Projekte?

Eines der zentralen Anliegen der Stiftung wird das Boris-Nemzow-Forum sein, das immer am 9. Oktober, dem Geburtstag meines Vaters, in Berlin stattfinden wird. Es wird so lange dort tagen, bis es möglich sein wird, nach Russland umzuziehen. Das Forum soll außerdem den Deutschen ein unverfälschtes Russlandbild liefern, und zwar ein anderes, als es etwa der Petersburger Dialog vermittelt. Und es soll ein Nemzow-Orden für Mut etabliert werden, der am Tag der Unabhängigkeit Russlands verliehen wird.

Was heißt es in Russland, tapfer zu sein?

Es reicht schon, seine eigene Meinung zu sagen. Ein Beispiel: Eine Woche vor seinem Tod wollte mein Vater in Jaroslawl, wo er in der Gebietsverwaltung war, seine Thesen für die Bewältigung der Krise vorstellen. Zuerst wurde ihm die Genehmigung verwehrt. Als klar wurde, dass auch ich zur Veranstaltung anreise und darüber womöglich in meiner TV-Sendung berichte, fand sich sofort ein Raum. Mein Vater sagte: „Du bist sehr mutig, dass du gekommen bist.“ Tapfere Taten sind bei uns simpler Natur. Man muss kein Herakles sein, um ein Held zu werden, du musst einfach Mensch bleiben.

Woher kommt der Titel Ihres Buches?

Das ist ein Zitat meines Vaters. Einmal in Rostow bestieg er einen Kirchturm und läutete die Glocken mit den Worten: „Ich möchte Russland wachrütteln.“

Wird das Buch in Russland erscheinen?

Auszüge werden in der oppositionellen Zeitung Nowaja Gaseta nachgedruckt.

Was ist die Botschaft des Buches?

Das ist das erste Buch über meinen Vater. Der Zufall wollte es, dass es ein deutsches Buch ist. Ich wollte den Lesern keine Leitfigur der Opposition nahebringen, sondern den Lebensweg eines besonderen Menschen.

Wie ist der Stand der Ermittlungen? Was können Sie persönlich tun?

Jede noch so kleine Anstrengung auf der internationalen Ebene bringt Bewegung in die Sache. Jede Anfrage, jede Kundgebung, jede Unterschriftensammlung hilft. So wird der Druck auf die Ermittler aufrechterhalten.

Wie lange werden Sie auf das Urteil warten müssen?

Ich rechne mit fünf bis zehn Jahren.

Sie zitieren Ihren Vater mit den Worten: „Meine Tochter hat meine Gene.“ Haben Sie seine politischen Ambitionen geerbt?

Seine Gene schon, politische Ambitionen keine!

Haben Sie Träume?

Ich habe keine Träume, sondern konkrete Aufgaben. Dass die Stiftung erfolgreich ist, Nutzen bringt und den Namen meines Vaters verewigt. Dass die Ermittlungen ans Ziel kommen. Dass ich in Deutschland, in Europa als Journalistin bestehe, was unglaublich schwer ist. Wenn ich über private Träume spreche, so möchte ich drei Kinder haben.

Warum ausgerechnet drei?

Eine schöne Zahl, nicht?

Werden Sie mit ihnen so liberal wie Ihr Vater umgehen?

Freiheit ist schön, aber so liberal wie mein Vater werde ich wohl nicht sein. Ich will ja, dass sie etwas lernen und nicht nur mit einer Katze herumhängen.

Was werden Sie am 27. Februar tun?

An diesem Tag findet in London eine Präsentation der Boris-Nemzow-Stiftung statt. Überhaupt möchte ich sagen, dass ich sehr froh über all das bin, was am 27. Februar stattfinden wird. Meine Mutter wird zu Nemzow-Lesungen und zu einem Gedenkmarsch in Nischni Nowgorod sein. In vielen anderen Städten – in Sankt Petersburg, Nowosibirsk und in Europa – finden Gedenkaktionen statt. Dieses Gedenken an meinen Vater lässt ihn für mich lebendig bleiben und wärmt mich ein bisschen.

Wird es in Moskau für Ihren Vater eine Gedenktafel geben?

Um Gottes willen, undenkbar! Wenn es so weit ist, wird Russland ein anderes Land geworden sein.

Was sollte darauf stehen?

„An dieser Stelle wurde am 27. Februar 2015 Boris Nemzow umgebracht“.

 

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