„Tomboy“-Regisseurin

„Die Kindheit ist heute kürzer“

Céline Sciamma über Geschlechtertrennung, das Casting von Kindern, das Drehen als Spiel und die Arbeit mit einer Fotokamera für ihren Spielfilm „Tomboy“.

Unbeschwerter Sommerspaß mit Knetpimmel in der Hose: Szene aus „Tomboy“.  Bild: Alamode

taz: Frau Sciamma, vor ein paar Jahren war ich in der Spielzeugabteilung eines Einkaufszentrums in der französischen Kleinstadt Annecy. Die eine Hälfte der Abteilung bestand aus graublau, die andere aus rosarot bestückten Regalen. Wie erklären Sie sich diese radikale Trennung?

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Céline Sciamma: Die Trennung verschärft sich sogar noch, und das liegt maßgeblich daran, dass die Kinder heute als Kunden betrachtet werden. Das führt zu Rückschritten in den Vorstellungen, die man sich von Geschlechterrollen macht. Und das wiederum hat Folgen für die Gesellschaft insgesamt, denn die Kinder sind ja künftige Erwachsene. Ich habe selber die Kostüme für meinen Film gekauft, und in den Geschäften war es einfach unmöglich, für Mädchen etwas zu finden, was blau oder wenigstens nicht gemustert war.

Und das war früher anders?

Als ich aufwuchs, in den achtziger Jahren, war es gang und gäbe, dass Mädchen kurze Haare hatten, ich hatte selbst kurze Haare. Das gibt es heute gar nicht mehr! Als wir beim Casting sagten, dass man sich für die Rolle die Haare abschneiden müsse, wurden die Mädchen ganz bleich vor Schreck.

Ist es nicht paradox, dass Frauen heute viel mehr Freiheiten und Möglichkeiten als in den siebziger und achtziger Jahren haben, die Differenz zwischen den Geschlechtern aber viel stärker als früher behauptet und betont wird?

Ja, auf alle Fälle. Und es kommt noch etwas hinzu: Eine neue Alterskategorie beginnt sich abzuzeichnen, die der Vorpubertät. Vor gar nicht so langer Zeit gab es die noch gar nicht. Die Kindheit hat sich zeitlich verkürzt. Früher war man mit zwölf noch ein Kind, heute ist es mit neun Jahren vorbei, das trägt zur Radikalisierung bei.

Die französische Regisseurin wurde 1978 in einem Vorort von Paris geboren. Sie absolvierte ein Drehbuchstudium an der Pariser Filmschule „La Femis“. Ihr Debütfilm „Water Lilies“ (2007) lief bei den Filmfestspielen in Cannes. „Tomboy“ ist ihr zweiter abendfüllender Spielfilm, er war 2011 im Panorama-Programm der Berlinale zu sehen und gewann den „Teddy Jury Award“.

War es schwer, Zoé Héran, die Darstellerin des androgynen Mädchens Laure, zu finden?

Noch ein Paradox, denn es war eigentlich sehr einfach! Wir hatten bei diesem Film wenig Zeit für das Casting, nur drei Wochen insgesamt, das heißt, ich hatte keine Gelegenheit für ein wildes Casting auf der Straße. Wir mussten das über Agenturen regeln, was mich nicht begeisterte, weil die Kinder, die von einer Agentur vertreten werden, meistens Erfahrung mit Werbung haben und kleinen Äffchen ähneln. Aber mir hatte jemand gesagt, dass es dieses Mädchen, das letzten Endes die Hauptrolle bekommen hat, gebe, dass sie recht androgyn aussehe. Sie hat am ersten Tag des Castings vorgesprochen, und ich habe sie genommen.

Es heißt oft, dass es schwierig sei, Filme zu drehen, in denen Tiere, Kinder oder Szenen vorkommen, in denen ausgiebig gegessen wird. In „Tomboy“ gibt es sehr viele Szenen mit vielen Kindern. Haben Sie das als schwierig wahrgenommen?

Ja, sehr. Bei Tieren hat man Dompteure, bei Kindern nicht. Man muss sich eine Methode ausdenken, wie man mit ihnen arbeitet. Und man steht bei Kindern insofern allein da, als man mit ihnen die Grundgedanken des Films, die Ästhetik nicht teilen kann. Den fertigen Film nehmen sie anders wahr als man selbst, man steht also allein mit der Verantwortung da. Und die Kinder müssen zwar einerseits als richtige Schauspieler auftreten, weil sie sich konzentrieren und verstehen müssen, worum es jeweils geht in ihrer Szene, aber auf der anderen Seite muss man ihnen das Ganze als Spiel schmackhaft machen, damit sie am Ball bleiben.

Was passiert sonst?

Sonst kann es sehr leicht zu einer hölzernen Darbietung kommen. Und dann gibt es noch eine Schwierigkeit: Ein kleines Mädchen, das sechs Jahre alt ist, arbeitet anders als ein Mädchen, das zehn Jahre alt ist. Wenn man beide in einer Szene hat, ist das ein Drahtseilakt. Das Schöne daran ist: Wenn es funktioniert, empfindet man als Regisseur ein großes Glücksgefühl.

Eine Filmfamilie muss ja als Familie überzeugen, obwohl die vier Darsteller sich vermutlich vor Beginn der Dreharbeiten nicht einmal gekannt haben. Wie stellen Sie das her?

Das war in der Tat ziemlich kompliziert. Was ich vermeiden wollte, war, auf äußerliche Ähnlichkeiten zu achten. Die Familienszenen waren die allerersten, die ich gedreht habe, das heißt, es waren vier Tage, die wir nur diesen gewidmet haben. Eine Art Film im Film. Vor allem wollte ich die Erwachsenenrollen mit Darstellern besetzen, die verstehen, dass hier in erster Linie die Kinder zählen. Die Erwachsenen durften auf keinen Fall versuchen, sich in den Vordergrund zu drängen. Dann war natürlich das innige Verhältnis zwischen den beiden Mädchen entscheidend, daran lag mir besonders viel. Ich habe die beiden Mädchen im Hinblick darauf ausgesucht, ob zwischen ihnen die Chemie stimmt. Interessant ist, dass beide Einzelkinder sind – über den Film konnten sie erleben, wie es ist, ein Geschwisterkind zu haben.

Sie arbeiten mit einer Fotokamera, einer Canon 7D. Warum? Welchen Effekt hat das für Ihren Film?

Ich wollte digital drehen, damit ich beweglich bin. Die Fotokamera ist leicht, ich kann damit den Kindern gegenüber auf Augenhöhe drehen, und es hat natürlich auch enorme Kostenvorteile. Aus ästhetischer Warte war mir viel daran gelegen, dass wir eine besondere Tiefenschärfe erreichen, die mit 35 mm vergleichbar ist. Und dann gefiel mir auch, dass diese Fotokamera ein Werkzeug der Gegenwart ist. Es kann durchaus sein, dass in sechs Monaten niemand mehr mit solchen Geräten arbeitet. Aber im Augenblick schon. Außerdem verbinden wir alle unsere Kindheitserinnerungen mit Fotos. Ich wollte keinen Film drehen, der irgendwie auf die Nostalgie der Kindheit setzt, aber ich wollte schon, dass diese Nostalgie in der Form ihre Spuren hinterlässt.

 

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