UN-Klimakonferenz

Das Märchen vom grünen Wachstum

Am Montag beginnt die UN-Klimakonferenz in Doha. Es wird wohl nichts dabei rauskommen. Selbst wenn: Es würde nichts bringen. Eine Ermahnung.

Vor der eigenen Haustür glaubhaft vorführen, was man anderen empfiehlt? Geht zur Not auch auf dem Brot. Mit lustigen Figuren.  Bild: kruemel2111/photocase.de

Nun ist es wieder so weit. Die Klimaschutz-Musterschüler, allen voran die deutsche Delegation, dürfen dem geneigten Publikum ab Montag auf der nächsten Weltklimakonferenz in Doha das kleine Einmaleins der Weltrettung nahebringen. Hoffentlich sind dann alle dermaßen beeindruckt von der deutschen „Energiewende“, dass es kein Halten mehr gibt. Alle wollen dem wunderbaren Beispiel nacheifern und Klimaschutzvereinbarungen können nur noch an knapper Tinte scheitern… Dumm nur, dass daraus erstens wohl wieder nichts wird und es zweitens sowieso nichts gebracht hätte.

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Was in Deutschland als Klimaschutz praktiziert wird, sind ausschließlich technologische Maßnahmen. Statt Energieverbräuche zu senken, werden die verbliebenen Landschaften – ganz gleich ob Nordsee, Schwarzwald oder Flussauen – mit Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energie vollgestellt. So soll eine der reichsten Konsumgesellschaften davor geschützt werden, als Preis für Atomausstieg und CO2-Minderung auch nur eine Kilowattstunde Energie sparen zu müssen.

Sozialpolitisch unterfüttert wird diese expansive Investitionsstrategie mit einem neuen Kampfbegriff: „Energiearmut“. Die sei unabwendbar, wenn der Energiepreis auch nur leicht zunähme, ganz zu schweigen von einem Preisniveau, das unseren Energiekosten annähernd entspräche und dazu motivieren könnte – man wagt es kaum zu denken – Energie zu sparen.

Klimaschutz und Wohlstandsschutz sind unvereinbar

Nun ist der „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“-Klimaschutz sehr kapitalintensiv. Deshalb könnten sich die meisten Länder dergleichen gar nicht leisten. Zudem ist der vermeintliche Ausweg eine Sackgasse. Die schon jetzt auf dem Rücken der Natur ausgetragene Energiewende dreht sich fast nur um Elektrizität, aber was ist mit den viel drängenderen Problemen des Verkehrs, der Wärmeversorgung und jener „grauen“ Energie, die in importierten Produkten und Vorprodukten steckt? Nicht nur daran zeigt sich: Klimaschutz und Wohlstandsschutz sind unvereinbar.

Der Autor: Niko Paech, 51, ist Volkswirtschaftler. An der Universität Oldenburg forscht er zu Umweltökonomie, Nachhaltigkeit und Wirtschaften ohne Wachstum.

 

Der Termin: Vom 26. November bis zum 7. Dezember wird bei der UN-Klimakonferenz in Doha in Katar über ein Klimaschutzabkommen verhandelt. Dieses Jahr läuft das Kioto-Protokoll von 1997 mit verbindlichen CO2-Vorgaben aus.

 

Der Fahrplan: Auf dem UN-Klimagipfel im südafrikanischen Durban war vor rund einem Jahr beschlossen worden, dass bis zum Jahr 2015 ein neuer Vertrag ausgehandelt wird, der ab 2020 gelten soll.

Interessanterweise hat die 2008 ausgelöste Finanzkrise nicht nur das Bruttoinlandsprodukt gesenkt, sondern zu einem bemerkenswerten Rückgang der CO2-Emissionen geführt. Wenn CO2-Reduktionen hingegen unter den Vorbehalt gestellt werden, das auf Wachstum gründende Konsum- und Mobilitätsmodell nicht anzutasten, bleiben ökologische Probleme nicht nur ungelöst. Sie werden bestenfalls verlagert oder gar verschärft.

Schließlich ist keine technische Klimaschutzmaßnahme zum ökologischen Nulltarif zu haben. Außerdem entsteht durch die notwendigen Investitionen zusätzliches Einkommen, das über zusätzliche Nachfrage die Energieverbräuche hinterrücks steigen lässt. Obendrein liefert das Märchen vom grünen Wachstum mittels Klimaschutz ein unschlagbares Alibi dafür, jedes noch so maßlose Konsum- und Mobilitätsverhalten beizubehalten. Wenn es also systematisch misslingt, das entgrenzte Industriemodell von Klimaschäden zu entkoppeln, bleibt nur, es schrittweise auf ein global übertragbares ökologisches Niveau zurückzubauen.

Es gibt keine CO2-neutralen Produkte

Mit anderen Worten: Es existieren keine per se CO2-neutralen Produkte und Technologien, sondern nur nachhaltige Lebensstile. Was hat ein Passivhaus mit Klimaschutz zu tun, wenn dessen Besitzer monatlich nach London fliegt und gerade deshalb in den Reputationseffekt dieses Gebäudetyps investiert hat? Ähnliches gilt für den SUV fahrenden Ökostromkunden.

Letztlich dient die Energiewende nur dazu, nichtnachhaltige Daseinsformen durch eine symbolträchtige Kulisse moralisch zu kompensieren. Klimaschutz bemisst sich nicht an Windturbinen und Photovoltaik-Anlagen, sondern an individuellen CO2-Bilanzen. Gemäß dem 2-Grad-Klimaschutzziel stünden jedem Erdbewohner pro Jahr 2,7 Tonnen an CO2 zu. Eine Flugreise von Frankfurt nach New York verursacht bereits 4,2 und nach Sydney 14,5 Tonnen.

Nördliches Wohlstandsmodell als Erwartungshorizont

Insoweit Klimaschutz kein Unterfangen des zusätzlichen Bewirkens, sondern des kreativen Unterlassen ist, stellt sich weniger eine politische als eine kommunikative Aufgabe. Das nördliche Wohlstandsmodell bildet den Erwartungshorizont, aus dem sich die Sehnsucht nach einem besseren Dasein speist. Allein daran, und nicht etwa an wohlfeilen Bekundungen, orientieren sich all jene, die von Klimaschutz überzeugt werden sollen.

Die durchschnittliche CO2-Bilanz liegt in Deutschland bei abstrusen 11 Tonnen pro Person. Genauso wenig wie ein Analphabet einem anderen Schreiben und Lesen beibringen kann, lassen sich Afrikaner, Asiaten und Lateinamerikaner von europäischen Klimaheuchlern die Weltrettung aufschwatzen.

Wer nicht vor der eigenen Haustür glaubhaft vorführt, was er anderen empfiehlt, kann die Aussicht auf Klimaschutzvereinbarungen, die diesen Namen verdienen, nur zerstören.

 

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25. 11. 2012

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