Über das Refugium Stipendium

Eine Auszeit für den Journalismus

Sie kommen aus Burundi, der Ukraine oder Afghanistan nach Berlin, um nach traumatischen Erlebnissen in der Heimat Luft zu holen.

Auszeit Stipendiat Solomon Kebede Taffese und Kuratoriumsmitglied Andreas Lorenz Bild: Barbara Dietl

von Andreas Lorenz

Die ersten Tage sind die Schwersten: Mülltrennung – was ist das denn? Sonntags sind die meisten Geschäfte in Berlin geschlossen – wie ungewöhnlich. Busse, U- und S-Bahnen – wie verwirrend.

Sechs AuszeitstipendiatInnen haben diese Alltagsprobleme im friedlichen Berlin bislang bewältigt. Die taz Panter Stiftung und Reporter ohne Grenzen haben die JournalistInnen gemeinsam eingeladen, um ihnen Gelegenheit zu geben, sich auszuruhen und Luft zu holen. Sie kamen aus Burundi und Uganda, aus Somalia und der Ukraine, aus der Türkei und Afghanistan – und hatten alle eines gemeinsam: Nach traumatischen Erlebnissen in der Heimat waren sie zunächst oft hoch angespannt und unfähig abzuschalten.

 

Das Auszeit-Stipendium ist ein gemeinsames Projekt von Reporter ohne Grenzen und der taz Panter Stiftung.

 

Sie können dieses Projekt mit einer Spende unterstützen:

 

• Hier direkt online spenden.

• oder hier die Kontoverbindung der Stiftung:

GLS-Bank Bochum

BIC GENODEM1GLS

IBAN DE 9743 0609 6711 0371 5900

 

Einer war so nervös, dass er seinen Koffer auf dem Gepäckband des Flughafens Tegel vergaß, eine wollte gleich einen TV-Bericht in ihre Heimat absetzen, eine andere Kollegin konnte nicht eine Minute von ihrem Handy mit den Nachrichten von zu Hause lassen.

Sie alle haben schwere Zeiten hinter sich

Mit der Zeit jedoch haben sie sich etwas beruhigt – und das ist der Sinn des Auszeitprogramms: Erholen, Nachdenken, Lesen, sich eine fremde Stadt anschauen, Museen besuchen oder einfach nur in den Himmel schauen.

Denn sie alle hatten schwere Zeiten hinter sich: Sie wurden beobachtet, bedroht, und nicht nur das. Sie wurden immer wieder inhaftiert, manche von ihnen sogar gequält und gefoltert. Einer saß über drei Jahre lang im Gefängnis.

Es ist eine fatale Entwicklung, die immer weiter um sich greift: Wenn die Berichte der JournalistInnen lokalen Machthabern, Drogenbaronen, Rebellengruppen, von denen wir zum Teil noch nie etwas gehört haben, nicht passen, dann kann das Leben von JournalistInnen und ihre Arbeit zu einem Ritt durch die Hölle werden.

Aber auch die alltägliche Arbeit in sozialen Brennpunkten laugt aus. Wer zum Beispiel in den Favellas von Rio de Janeiro mit Mord, Erpressung, Drogenhandel konfrontiert wird, wer, wie in Nepal, Korruption im Gesundheitswesen aufdeckt, wer im Irak und in Syrien den Kampf gegen den Islamischen Staat an der Frontlinie beobachtet, der hat irgendwann mal keine Kraft mehr.

Die StipendiatInnen bleiben drei Monate in Berlin, sie wohnen in einer Maisonette-Wohnung in Kreuzberg, sie erhalten ein Taschengeld, sie bekommen eine Umweltkarte und täglich ein Essen in der taz-Kantine. Wir finanzieren psychologische Betreuung, zuweilen Sprachkurse, und versuchen journalistische Fortbildung zu organisieren. 

Das Programm hat sich entwickelt

Die Gäste dürfen ihre Kinder mitbringen, ein ukrainisches Mädchen besuchte drei Monate die Nelson-Mandela-Schule.

Ermöglicht wird das Programm von Spenden. Die Brüsseler NGO Protect Defenders sowie die Evangelische Kirche geben Geld dazu.

Die taz Panter Stiftung und Reporter ohne Grenzen haben inzwischen aus Fehlern gelernt: Um die schweren ersten Wochen zu erleichtern, kümmert sich nun ein/e Betreuer/in um die Gäste. Und Journalisten aus Afrika laden wir nicht mehr in den dunklen Wintermonaten nach Berlin ein.

Wer unter den vielen BewerberInnen ausgewählt wird, entscheiden die taz Panter Stiftung und Reporter ohne Grenzen gemeinsam. Die NGO organisiert Visum, Versicherung und psychologische Betreuung, die taz Panter Stiftung kümmert sich um den Alltag der Gäste.

Im Auswärtigen Amt treffen einige von ihnen auch die Beauftragte für Menschenrechte, Bärbel Kofler. Sie will sich persönlich über das Schicksal von JournalistInnen informieren – die Auszeit-StipendiatInnen sind gute Quellen.

Dieser Beitrag stammt aus der Publikation 10 Jahre taz Panter Stiftung.