„Reich bin ich dabei nicht geworden“

Der Hamburger Konkret-Literatur-Verlag ist mit Büchern über die Geschichte der RAF und über Opfer der NS-Zeit bekannt geworden. Inzwischen sei es schwierig, mit linken Sachbüchern viele Leser zu erreichen, sagt Verlegerin Dorothee Gremliza. Ein Blick zurück auf 40 Jahre Verlagsgeschichte

Möchte nicht auf ihre RAF-Bücher reduziert werden: Verlegerin Dorothee Gremliza Foto: Miguel Ferraz

Interview Friederike Gräff

taz: Frau Gremliza, wenn man ein Schulkind fragt, was es werden will, wird es selten sagen: Verlegerin. Wie war das bei Ihnen?

Dorothee Gremliza: Das kam völlig unerwartet. Ich war bis 1978 an der Uni Hamburg. Da fragte mich mein Bruder, ob ich mir vorstellen könnte, eine Buchreihe über Exil-AutorInnen herauszugeben, die ursprünglich der Berliner Elefanten-Press-Verlag geplant hatte.

Ihr Bruder ist Hermann L. Gremliza, seit 1974 Herausgeber der Zeitschrift Konkret.

Das war ja absolutes Neuland für mich, aber ich dachte, warum nicht. Learning by doing. Im September 1978 haben wir den Buchverlag gegründet, und ich bin dann mit den ersten drei Titeln aus unserer „Bibliothek der verbrannten Bücher“ zur Frankfurter Buchmesse gefahren, um das Projekt vorzustellen. Die Reihe wurde zwar sehr gelobt, bekam auch gute Besprechungen – aber der Verkauf lief nicht gut.

Hat Sie das Desinteresse zornig gemacht?

Ich fand es natürlich sehr enttäuschend, weil ich die vergessenen Bücher des Exils ja wichtig fand. Dass sie keine größere Leserschaft gefunden haben, lässt sich auch politisch erklären: 1978 hat sich niemand für Exil interessiert. Ein großer Verlag hätte vielleicht die Möglichkeit gehabt, die Bücher in der Öffentlichkeit bekannter zu machen, als wir das konnten.

Wie wichtig war Ökonomie für Sie?

Das Startkapital hatten meine Eltern großzügig zur Verfügung gestellt, aber auch nicht so, dass man mit den Verlusten aus der Exilreihe einfach ewig so weitermachen konnte. Wir haben dann entschieden, Bücher zu aktuellen politischen Debatten herauszubringen. Da hatten wir zum Teil sehr erfolgreiche Titel. Es war eine wechselvolle Geschichte und reich bin ich dabei nicht geworden.

Was waren die Erfolge?

Das Wallraff-Buch über Springers Bild-Zeitung hatte eine Auflage von 200.000, das war ein absolutes Highlight. Ich war nie ganz und gar darauf angewiesen, mit jedem Buch Gewinn zu erzielen – das hat mir die Freiheit gegeben, das zu machen, was ich machen wollte, und durchzuhalten. In habe in den 40 Jahren meiner Tätigkeit viele Verlegerkolleginnen und -kollegen erlebt, die aufgeben mussten. Die politische Landschaft und die Buchhandelslandschaft haben sich einfach sehr verändert.

Inwiefern?

Als ich anfing, 1978, gab es einen ganz breiten linken Buchhandel: Jede Gruppe von den Trotzkisten bis zum Sozialistischen Büro hatte in Hamburg einen Buchladen, es gab die Kollektivbuchläden, die Frauenbuchhandlungen – das ist ja alles weg. Und in den 90er-Jahren fing die Konzentration an mit den großen Buchhandelsketten und ihren Spiegel-Bestsellerlisten. Für uns war das schon schwer.

Ein Thema, das den Verlag immer wieder beschäftigt hat, ist die RAF. Erlebt das gerade eine Renaissance?

Das sind tatsächlich Longseller. Die ersten Bücher zur Geschichte der RAF hatte Oliver Tolmein gemacht, „Zehn Jahre deutscher Herbst und der Konservativismus der Linken“ und „Stammheim vergessen“. Danach kamen Erinnerungen von RAF-Mitgliedern: eine Gespräch mit Irmgard Möller, die Lebensgeschichte Margrit Schillers, die Briefe von Gudrun Ensslin aus dem Gefängnis.

Haben Sie sich als deren verlegerische Heimat angreifbar gemacht?

Das glaube ich nicht. Mir ging es darum, ihre Sicht der Geschichte dem offiziellen Bild von Aufbruch und Niedergang der RAF entgegenzusetzen, wie es von Staat, Justiz und Parteien gezeichnet wurde.

Wie nahe standen Sie selbst damals der RAF?

Die Grundidee von politischem Protest und einer Auseinandersetzung mit der Bundesrepublik teile ich: gegen den Vietnamkrieg, gegen Waffenexporte, gegen die vielen Nazis in den Ämtern und der Regierung. Nur die Behauptung der RAF, es habe damals eine revolutionäre Situation gegeben, halte ich für falsch. Zu diesem Zeitpunkt und bis heute. Aber ich habe selber in der Zeit – 1977, was habe ich da gemacht …? Da habe ich an meiner Doktorarbeit geschrieben und mich in der Uni engagiert.

Sie hatten auch andere Interessen.

Die RAF war ja nur eines der Themen des Verlagsprogramms, fünf von 300 Titeln befassten sich damit. Im Mittelpunkt standen immer aktuelle Sachbücher und Essays der politischen Linken, die Auseinandersetzung mit Staat und Gesellschaft, ein Diskussionsforum der Linken mit Autoren wie Peggy Parnass, Thomas Ebermann, Günter Amendt, Georg Fülberth, Ernest Mandel, Jutta Ditfurth, um nur einige zu nennen.

Wünschen Sie sich im Rückblick, dass der Verlag stärker gewachsen wäre?

Der Verlag ist nicht klein, weil ich klein schön finde. Den Sprung vom kleineren Verlag zum großen habe ich nicht geschafft. Das mag Gründe haben, die in einem selbst liegen, dass man dieses oder jenes falsch eingeschätzt hat. Aber mit linken politischen Sachbüchern eine große Öffentlichkeit zu erreichen, ist schwierig. Und das Debattenspektrum, das früher in Büchern gelaufen ist, findet jetzt auch über die neuen Medien statt.

Gibt es ein Buch, das Sie dringend noch verlegen wollen?

Natürlich müsste man Bücher machen, die Leute zu der Einsicht bringt, dass diese nationalistische, ausländerfeindliche rechte Politik falsch ist und in die Katastrophe führt. Aber die Leser, die man damit erreichen will, erreicht man kaum. Trotzdem sollte man es versuchen, wie es Umes …

… Umeswaran Arunagirinathan, einer Ihrer Autoren, der als Zwölfjähriger alleine aus Sri Lanka geflohen ist …

... mit seinem Buch „Der fremde Deutsche“ und seinen zahlreichen Lesungen tut. Er beschreibt seine Flucht aus dem Bürgerkrieg und seine Integration bei uns, die trotz aller widrigen Umstände gelungen ist, und er hofft, dass er mit seiner persönlichen Geschichte Fremdenfeindlichkeit und Rassismus abbauen kann.

Gab es ein Buch, das Sie im Rückblick lieber nicht verlegt hätten?

Unter ökonomischem Aspekt gab es etliche, die ich besser nicht gemacht hätte. Aber ein Buch, das ich ganz und gar nicht hätte machen sollen: nein. Was mir wichtig war: die Erinnerung an die Opfer der NS-Zeit. Wir haben einige Biografien von Verfolgten gemacht, angefangen mit einem kleinen Bändchen über die französische Widerstandskämpferin France Bloch-Sérazin, die in Hamburg hingerichtet wurde. Wir haben die Erinnerungen von Lucille Eichengreen, die mit dem ersten Transport hier vom Hannoverschen Bahnhof ins Getto Lodz gebracht worden ist. Letztes Jahr gab es dann endlich eine Gedenkstätte und der Senat hat sich ganz toll gefühlt – nach sieben Jahrzehnten. Wenn dann jemand sagt, es war ein Vogelschiss in der glorreichen deutschen Geschichte, dann versucht man immer wieder zu zeigen, wohin so etwas führt.

Dann ziehen Sie sich im falschen Moment zurück.

Ich höre ja nicht ganz auf.

Der Anlass, Sie zu treffen, ist ja auch ein Jubiläum: das vierzigste des Konkret-Literatur-Verlags. Begehen Sie das?

Ich finde es schon eine Leistung, so lange durchzuhalten. Da ich in diesem Jahr nur wenige neue Titel habe, begehe ich den Geburtstag nicht groß. Aber wir haben die 300. Buchpremiere gefeiert: mit dem Buch eines taz-Redakteurs, Marco Carinis „Blutsgeschwister“. Und weil sein Roman genau die vier Jahrzehnte umfasst, die es den Verlag gibt, passt es auch gut.