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Verschieden große FüßeSo wird kein Schuh draus

Die Füße unserer Autorin sind asymmetrisch, mehr als eine Schuhgröße liegt zwischen ihnen. Das nervt – und setzt auch mal kriminelle Energien frei.

Lackschuhe wären erst die zweite Wahl unserer Autorin Foto: Boris Schmalenberger/plainpicture

Seit zwei Monaten besitze ich ein Paar Sandalen. Sie sind schwarz, schlicht und ich mag sie, weil sie mir ein Gefühl von Freiheit und Beweglichkeit geben. Außerdem kann ich sie in Sekundenschnelle ausziehen. Allerdings sieht die rechte Sandale inzwischen aus, als hätte sie schon mindestens drei wilde Sommer erlebt. Bei jedem zehnten Schritt klappt die Vorderkante nach unten, schleift über den Asphalt und kommt anschließend mit einem lauten Klatscher wieder unter meinen Zehen an. Ich fühle mich wie ein Kind, das seine Füße nicht richtig hebt. Habe ich etwa verlernt, in Sandalen zu gehen?

Nein, erinnere ich mich: Mein rechter Fuß ist kleiner, deutlich kleiner. Über eine ganze Schuhgröße trennt ihn von meinem linken. Und weil man Schuhe üblicherweise nur als Paar bekommt, passt immer nur einer von beiden wirklich gut. Der andere muss sich fügen – oder klatscht begeistert vor sich hin. Bei geschlossenen Schuhen geht das Problem über ein nerviges Geräusch oder eine abgenutzte Sohle hinaus. Denn wenn ich mich für die Größe meines rechten Fußes entscheide, drückt es an den linken Zehen. Wähle ich einen größeren Schuh, rutscht mein rechter Fuß so lange hin und her, bis meine Ferse schmerzt.

Das Internet bietet mehrere Lösungen für mein Problem an. Einlegesohlen für den kleineren Fuß habe ich schon vor Jahren ausprobiert, leider ist der Unterschied meiner Füße dafür einfach zu groß. Manche Hersteller bieten tatsächlich auch Schuhe in unterschiedlichen Größen an, nur liegen die optisch irgendwo zwischen Gesundheitsschuh und Nachmittagskaffee bei Oma Lise. Für maßgefertigte Schuhe müsste ich erst einen Spendentopf eröffnen.

Neulich habe ich mich an einer etwas nervenaufreibenderen Lösung probiert. Im Schuhgeschäft (das ich nur ungern und deshalb selten betrete) fragte ich nach zwei Größen. Offiziell, wie ich freundlich betonte, um „einfach mal auszuprobieren, welche besser passt“. Inoffiziell, um ein kriminelles Tauschmanöver zu veranstalten. Als gerade niemand hinsah, legte ich zwei unterschiedliche Größen in die beiden Kartons zurück und hoffte, dass ich auf dem Weg zur Kasse nicht vergesse, in welchem Karton das für mich passende Paar liegt. Und dass kei­ne*r der Mit­ar­bei­te­r*in­nen auf die Idee kommt, vor dem Bezahlen einen letzten Kontrollblick auf die Etiketten zu werfen.

Womöglich braucht eine andere Person genau meine Kombination, nur umgekehrt. Größe 41 rechts und 39,5 links, anyone?

Die Aktion klappte tatsächlich, und einige Minuten später stand ich mit einem leisen Lächeln, aber vor allem einem wirklich schlechten Gewissen vor dem Laden. Werden die Schuhe weggeschmissen, sollte ein*e Mit­ar­bei­te­r*in davon Wind bekommen? Falls ja, zeige ich mich reuevoll und nehme in Zukunft wieder schmerzende Zehen in Kauf. Oder braucht eine andere Person womöglich genau meine Kombination, nur umgekehrt? Größe 41 rechts und 39,5 links, anyone? Vielleicht bin ich ja gar nicht so allein mit meinem Problem.

Eine Schuhtauschbörse könnte Abhilfe schaffen. Denn wer im Laden nicht heimlich Größen tauscht, muss seine Schuhe zwangsläufig in doppelter Ausführung kaufen – und hat danach ein spiegelverkehrtes Paar übrig. Tatsächlich gibt es solch eine Plattform, sie heißt schuhtausch.de, sogar ein Forum zum Austausch unter Betroffenen entdecke ich auf der etwas versteckten Internetseite. Genial, denke ich. Denn mal ehrlich, welche Kleidungsstücke kommen für eine Tauschbörse besser infrage als Schuhe? Nur noch unterschiedlich große Hände würden von einer solchen Lösung profitieren. Bei verschieden langen Armen oder ungleichen Pobacken gestaltet sich das schon schwieriger.

„Hallo du, genau dich suche ich!“, schreibt Kerstin aus Franken in dem Forum. „Trägst du links 39 und rechts 41? Dann freue ich mich sehr auf dich.“ Mit Absätzen könne Kerstin nichts anfangen, aber sportliche Schuhe trage sie gerne. Oh Kerstin, wie gerne würde ich deine Schuhpartnerin sein. Dumm nur, dass wir genau dieselbe Asymmetrie haben.

Für einen Moment verliere ich mich in der Vorstellung, wie Kerstins Körper wohl sonst so aussieht. Ob sie so groß ist wie ich? Ob noch weitere ihrer Körperteile asymmetrisch sind? Als ich nämlich neulich nach dem Duschen nackt vor dem Spiegel stand, fiel mir auf, dass so ziemlich jedes meiner Körperteile auf der rechten Seite anders aussieht als auf der linken. Meine linke Brust ist allem Anschein nach schwerer als die rechte, sie hängt deutlich weiter unten. Auch mein linker Oberarm und Oberschenkel sind muskulöser als ihre Gegenstücke.

Im ersten Moment schämte ich mich für den Anblick. Symmetrie gilt schließlich seit jeher als Schönheitsideal, von dessen Vorstellungen ich mich leider bis heute beeinflussen lasse. Später stellte ich dann fest: Dass links bei mir alles ein bisschen größer und stärker ist, das passt doch eigentlich ganz gut ins Bild.

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3 Kommentare

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  • "Symmetrie ist der Tod jeden Designs."



    Ich weiß nicht mehr, in welchem Buch ich es gelesen habe, es ging um Japan.

  • Ein Super Artikel !



    Es könnte sein :



    Q87.2 Angeborene Fehlbildungssyndrome mit vorwiegender Beteiligung der Extremitäten



    Inkl.:



    Holt-Oram-Syndrom



    Klippel-Trénaunay- (Weber-) Syndrom



    Nagel-Patella-Syndrom



    Rubinstein-Taybi-Syndrom



    Sirenomelie



    TAR-Syndrom [Radiusaplasie-Thrombozytopenie-Syndrom]



    VATER-Syndrom



    Q87.3 Angeborene Fehlbildungssyndrome mit vermehrtem Gewebewachstum im frühen Kindesalter



    Inkl.:



    Sotos-Syndrom



    Weaver-Syndrom



    Wiedemann-Beckwith-Syndrom



    Q87.4 Marfan-Syndrom



    Q87.5 Sonstige angeborene Fehlbildungssyndrome mit sonstigen Skelettveränderungen



    Q87.8 Sonstige näher bezeichnete angeborene Fehlbildungssyndrome, anderenorts nicht klassifiziert



    Inkl.:



    Alport-Syndrom



    Laurence-Moon-Biedl-Bardet-Syndrom



    Zellweger-Syndrom

    Die Autorin hat etwas gemacht was Nicolas Andry 1741 den Eltern von Kindern mit dieser Problematik empfohlen hat : Vorbeugen und Behandeln mit einfachen Mitteln, über die jeder verfügt, der Kinder zu erziehen hat. Das ist die Definition der "Orthopédie".



    Untersuchung des ganzen Körpers + Verordnung Schuhzurichtung durch Orthopäden oder Kostenübernahme von zweitem Paar Schuhe (billiger) durch Krankenkasse genehmigen lassen wäre meine Empfehlung.

  • Die schlechte Nachricht: Symmetrie ist nicht nur ein menschliches Schönheitsideal, sondern eines der biologischen Grundprinzipien (von bilaterale Organismen) für die sexuelle Selektion.



    Die gute Nachricht: der Mensch kann es offensichtlich überwinden, aus einer stärkeren linken Seite Empowerment ableiten und vielleicht auch insgesamt interessanter werden.