Versicherungen im Internet

Appgesichert, ausgesorgt?

Immer mehr Versicherungen werden digital angeboten. Verbraucherschützern und der Offline-Konkurrenz gefällt das nicht.

Ein Spielzeugdinosaurier mit aufgerissenem Maul steht vor einer männlichen Hand

Finger ab wegen Dinosaurierangriff? Viele Versicherungen im Netz seien überflüssig, sagen Verbraucherschützer.  Foto: kallejipp/photocase.de

Die Gründer des Portals „Moneymeets“ haben es geschafft, mit einer Kleinigkeit für Aufruhr in der Versicherungsbranche zu sorgen: Moneymeets zahlt seinen Kunden die Hälfte der Provisionen, die die Betreiber als Vermittler von den Versicherungen erhalten, zurück.

Damit bekommen Kunden nicht nur etwas Geld wieder, sondern auch ein Mehr an Transparenz. Denn normalerweise bleibt für Verbraucher, die eine Versicherung abschließen, unklar, wie viel der Vermittler mit dem Abschluss und den später gezahlten Bestandsprovisionen verdient.

Die Branche ist darüber gar nicht erfreut. So hat ein Versicherungsmakler bereits gegen das Geschäftsmodell der neuen Konkurrenten geklagt. Das Landgericht Köln gab im Oktober jedoch den Portalbetreibern recht. „Das Aufrechterhalten des Provisionsabgabeverbots wäre so, als würde der stationäre Einzelhandel ein gesetzliches Verbot von Preisvorteilen auf Online-Plattformen einfordern“, sagt Gründer und Geschäftsführer Dieter Fromm.

Der Fall ist symptomatisch für die Richtung, in die sich die Versicherungsbranche derzeit bewegt. Die etablierten Akteure glaubten zu lange, um die Digitalisierung herumzukommen. Ein Versicherungsabschluss, da gehöre doch Beratung dazu, ein Mensch in Anzug oder Kostüm und lange Gespräche über familiäre, gesundheitliche und wirtschaftliche Umstände. Oder?

Versicherungs-Start-ups stellen Vertreter und Makler als Vertriebskanäle infrage. Sie erlauben es Nutzern, kurzfristig und schnell Policen abzuschließen – ohne lange Gespräche mit einem Vertreter. Und versuchen darüber hinaus auch noch, siehe Transparenz in Sachen Provisionen, sich besonders kundenfreundlich zu positionieren.

Das ist vor allem deshalb nicht schwierig, weil die Versicherungsbranche insgesamt eher durch Intransparenz und Bürokratie auffällt – egal ob es um Provisionen geht, um Schadensregulierung oder um die Weitergabe von Daten. Das spiegelt der Ruf von Versicherungsverkäufern wider: Bei einer Umfrage des Marktforschungsinstituts GfK landeten sie, was das Verbrauchervertrauen angeht, gerade einmal auf dem vorletzten Platz – vor Politikern, hinter Werbefachleuten.

Die Schwelle für Nutzer ist niedrig

Die neue Konkurrenz heißt zum Beispiel „Getsafe“. Die App funktioniert wie ein digitaler Versicherungsvermittler. Sie vergleicht und vermittelt Policen für die Nutzer und verwaltet sie auch. Kunden, die ihre Versicherung über die App abschließen, verschaffen dem Unternehmen dahinter nicht nur die Provision für Vermittlung – sondern auch die für Bestand.

Andere Anbieter wie www.appsichern.de suchen die Nische. Das Unternehmen hat sich auf Kurzzeitversicherungen spezialisiert, in Situationen, in denen Kunden nicht erst zum Versicherungsbüro gehen können. Wem am Flughafen kurz vor dem Boarding einfällt, dass eine Auslandskrankenversicherung nicht schlecht wäre, wird hier fündig. Vorteil für das Unternehmen: Die Beträge sind niedrig – zwischen 1,60 Euro und 18 Euro pro Versicherung.

Entsprechend niedrig ist auch die Schwelle für Nutzer, hier mal eben einen Vertrag abzuschließen. Nachteil für die Verbraucher: Die niedrigen Hürden können dazu verleiten, auch zu überflüssigen Policen Ja zu sagen. Überflüssig zum Beispiel, weil das Risiko schon bei einem anderen Vertrag – wie Haftpflicht oder Hausrat – mitversichert ist oder weil die Summe, die im Schadensfall gezahlt wird, im Vergleich zu herkömmlichen Angeboten niedrig ist.

Lustig aufgemachte App-Angebote können den Blick für wichtige Versicherungen verstellen

So kritisieren Verbraucherschützer etwa eine Kita-Versicherung. Sie richtet sich an Eltern, deren Nachwuchs an einem Kita-Ausflug teilnehmen und die eine Unfallversicherung für Sohn oder Tochter abschließen sollen. „Hier wird mit den Ängsten der Eltern Geld gemacht“, kritisiert Axel Kleinlein, Vorstandsvorsitzender des Bund der Versicherten (BdV). „Diese Versicherung ist überflüssig, denn die Kinder sind über die gesetzliche Unfallversicherung abgesichert.“

Kleinlein hält grundsätzlich nichts vom Abschluss per App. Für Policen wie eine private Renten- oder Krankenversicherung eigneten sie sich schon deshalb nicht, weil der Abschluss dieser Verträge eine Lebensentscheidung sei und daher erst nach entsprechend eingehender Beratung erfolgen sollte. Aber auch und gerade bei nur kurz laufenden Verträgen rät Kleinlein davon ab. „Das ist meistens völlig überteuert“, sagt er.

Lustig aufgemachte App-Angebote könnten zudem den Blick für den wirklich wichtigen Versicherungsschutz verstellen, sagt Kleinlein. Was wirklich jeder und jede haben sollte, ist zum Beispiel eine private Haftpflichtversicherung. Denn wer anderen einen Schaden zufügt, muss dafür geradestehen. Das kann ohne Versicherung schnell richtig teuer werden.

Allianz bietet Bayern-München-Versicherung

Die neuen Angebote werden nicht nur von Verbraucherschützern kritisch beäugt – sondern auch von konventionellen Versicherungsunternehmen, die die neue Konkurrenz fürchten. Ihr Gegenmittel: Sie versuchen, ebenfalls auf das Geschäft mit den Apps für einen spielerischen Ansatz aufzuspringen. Die Allianz etwa bietet unter anderem eine Bayern-München-Versicherung „Rund um den Arena-Besuch“. Damit können sich Interessierte für zwei Euro gegen die Folgen eines Unfalls im Stadion versichern.

Doch Verbraucherschützer warnen davor, sich auf die Police zu verlassen. Nur bei sehr schweren Verletzungen zahle der Versicherer im Monat 250 Euro, kritisiert der BdV. Die beiden anderen Bestandteile seien eher Gimmicks: Der Versicherer übernimmt 50 Prozent des Ticketpreises, wenn der Kunde die ersten 30 Minuten des Spiels verpasst, weil er „unverschuldet“ zu spät kommt. Verliert der Fan seinen Haus- oder Autoschlüssel, bekommt er bis zu 500 Euro.

Versicherungsvertreter sind im Interesse der Firmen unterwegs, für die sie Policen verkaufen. Sie vermitteln nur Verträge von Gesellschaften, mit denen sie verbunden sind.

Versicherungsmakler dagegen sind unabhängig und im Auftrag ihre Kunden tätig. Sie müssen Marktüberblick haben und das beste Angebot einholen – sonst können Kunden sie verklagen. Aber: Auch Makler bekommen eine Provision vom Versicherer. Die Höhe hängt davon ab, wie teuer der abgeschlossene Vertrag ist.

Versicherungsberater vermitteln keine Verträge und bekommen keine Provision, sondern ein Honorar, das ihre Kunden zahlen. Dafür bekommen sie eine vom Anbieter unabhängige Beratung. Bei teuren Policen wie einer privaten Rentenversicherung kann sich das lohnen. Manche Berater empfehlen sogenannte Netto-Verträge, bei denen keine Provision fällig wird.

Aber Vorsicht: Nicht jeder Berater, der sich als solcher ausgibt, ist auch einer. Unter www.vermittlerregister.info kann man das überprüfen. (ank)

Eine solche Versicherung sei nicht als vollwertiger Unfallschutz konzipiert worden, sondern eine Ergänzung einer bestehenden Absicherung, entgegnet die Allianz. „Gerade bei großen Veranstaltungen mit vielen Besuchern kommen Verspätung und Schlüsselverlust häufig vor.“ Trotzdem: Die App hat den „Versicherungskäse“-Preis 2015 des BdV gewonnen – eine Auszeichnung für das schlechteste Versicherungsprodukt des Jahres.

Während einfache Verträge wie Kfz-Policen immer öfter online abgeschlossen werden, gehe die Bereitschaft zum Online-Abschluss mit der Komplexität der Versicherung zurück, sagt Oliver Gaedeke, Vorstand des Marktforschungsinstituts YouGov. „Die Versicherungskompetenz hat in den vergangenen 15 Jahren trotz Internet nicht zugenommen“, so der Versicherungsfachmann. Das erhöhe die Bereitschaft, doch zu einem Menschen zu gehen, der eine Empfehlung abgibt. Verbraucherschützer empfehlen Kunden, sich von einem unabhängigen Experten beraten zu lassen, der nicht am Abschluss verdient.

Start-up-Gründer Fromm sieht vor allem zwei Gründe, die Nutzer dazu bewegen, ihre Policen zu seinem Unternehmen zu transferieren: Einerseits hätten Kunden einen besseren Überblick über ihre Versicherungen, wenn alles in einer Hand sei. Auf der anderen Seite gäbe es eine finanzielle Ersparnis dadurch, das die Nutzer die Hälfte der Provisionen bekommen. Der Kritik, dass App-Vermittler keine Beratung bieten, widerspricht er: Kunden könnten bei ihnen die gleichen Beratungen in Anspruch nehmen wie bei Versicherungsmaklern üblich, etwa im Schadensfall oder wenn eine Police abgeschlossen, geändert oder gekündigt werden soll.

 

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