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Hommage an den „Heiligen Stuhl“

Was haben Stühle, Türklingeln, Flugzeuge, Brücken, oder Telefone miteinander gemeinsam? Sie verbinden Menschen – genau wie Toiletten. Äh, sorry: Facebook.

Toiletten sind wie Facebook: Man kann sich darauf ausruhen und Musik teilen.  Bild: Screenshot Youtube

BERLIN taz | Am 14. September war es soweit: Facebook überschritt nach eigenen Angaben die Rekordmarke von einer Milliarde Mitgliedern. Ein epochales Ereignis, ein Meilenstein der Menschheitsgeschichte. Oder einfach ein gebührender Anlass für das umstrittene Online-Netzwerk, einen Imagefilm zu produzieren, der in puncto Pathos und Kitsch kaum zu toppen ist. Darin geht vor allem um eins: Stühle. 

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Stühle sind geil. Sie haben unseren Alltag grundlegend revolutioniert. Schon zu Beginn des Clips wird der Betrachter mit den fundamentalsten Einsichten in das Wesen des Stuhls weichgespült. Etwa, dass Stühle Menschen die Möglichkeit geben, sich hinzusetzen und sich auf ihnen auszuruhen. Melodisch begleitet wird diese nobelpreisverdächtige Erkenntnis von einer sanften Klavier- und Gitarrenmelodie, deren wahrheitsbeschwörender Klangeffekt den christlichen Chorälen in nichts nachsteht. Auch die Bildsprache ist einprägsam wie eine Ohrfeige. Im Intro sieht man einen schwebenden Holzstuhl in einem Nadelwald. Cut. Dann eine Abfolge von Menschen, die auf Stühlen sitzen, lesen, spielen oder tanzen.

Nach knapp 20 Sekunden kommt ein wahres Highlight: Ein kleines Mädchen setzt ihre Puppe auf einen Ministuhl. Aus dem Off verkündet eine sanfte Frauenstimme passend zur Einstellung: „Jeder kann sich auf einen Stuhl setzen“. Daraufhin erfährt der Zuschauer, was Menschen sonst noch alles zusammen auf Stühlen machen können: Witze erzählen oder einfach nur zuhören. Die Stunde der Wahrheit schlägt nach einem knappen Drittel des 90-Sekünders, als endlich der epistemologische Zusammenhang zwischen Stühlen, der Menschheit und Facebook aufgeschlüsselt wird: „Stühle sind für Menschen gemacht. Und darum sind Stühle wie Facebook“. Verblödung, marsch!

Aber nicht nur Stühle sind wie Facebook. Auch Türklingeln, Tanzflächen, Flugzeuge, Brücken, Telefone oder große Nationen erhalten dank Facebook eine völlig neue Bedeutung in der Geschichte der Evolution. Und warum? Weil sie Menschen verbinden – genau wie Facebook. Aber wo wären wir heute ohne den Dachstuhl, den Glockenstuhl, den Fahrstuhl, den Webstuhl oder den Stuhlgang?

 

Genau diese Frage muss sich der amerikanische Filmemacher Andrew Zenn auch gestellt haben, als ihm auffiel, dass Facebook mit einer ganz besonders sensiblen Stuhlart verwand ist – dem „Heiligen Stuhl“. Kraft dieser göttlichen Eingebung hat er eine filmische Parodie auf die völlig überzogene, unter bildästhetischen Aspekten aber nicht zu verachtende Facebook-Werbung bei Youtube veröffentlicht. Prädikat: Schenkelklopfer.

Nun stellt sich die Frage, warum Zenn diesen Film produziert hat. Seine Antwort ist verblüffend banal: „Als mit klar wurde, dass sich Facebook selbst mit Stühlen vergleicht, wusste ich, dass das eine Gelegenheit ist, die ich nicht verpassen darf“. Da könnte er recht haben. Seit dem 7. Oktober haben bereits mehr als 65.000 Menschen den Clip auf Youtube gesehen.

Man könnte den Film natürlich wie eine Kritik an Facebooks Datenschutzpolitik sowie am Umgang mancher Nutzer mit ihrer Privatsphäre interpretieren: Nicht selten wird einfach darauf gesch***en. Zenn selbst scheint aber keinerlei kritische Absichten zu verfolgen. taz.de ließ er ausrichten: „Jeder sollte Facebook verwenden, um nah an seinen Liebsten zu sein, und um im Bad etwas zu tun zu haben, wenn ... ihr wisst schon“.

 

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