In der Ukraine gibt es für Jugendliche kaum öffentliche Infrastruktur. Doch die „Turnikman“ sind erfinderisch und nutzen alte Reckstangen für ihr Freizeitvergnügen.von Katerina Mishchenko

Aus der Not geturnt: Die „Turnikman“ in Lwiw. Bild: screenshot: vimeo
In den letzten Jahren ist es in der Ukraine zum Trend geworden, auf öffentlichen Plätzen zu turnen. Die ukrainischen Turnikman treffen sich unter anderem im westukrainischen Städchen Sambir, wie in diesem Video. Das Städtchen mit 35.000 Enwohnern liegt 75 km südwestlich von Lwiw, unweit der polnischen Grenze.
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Turnikman turnen an Stangen auf Spielplätzen. Selbstorganisiert und zufrieden mit bescheidenen Reckkonstruktionen trainieren sie mit Kollegen aus anderen Orten und treten bei TV-Shows mit ihren Turnperformances auf.
Turnikman haben auch eine eigene Philosophie: „workouting“. Da geht es um Leibesübungen, die auf Kraft und Ausdauer ausgerichtet sind. Wichtig ist ihnen dabei das Kreative: immer neue Übungen und Kombinationen werden ausprobiert. Das ukrainische „Workout“ ist von der gleichnamigen amerikanischen sozialen Bewegung entlehnt, die Jugendliche durch regelmäßige konstenfreie und offene Übungen und Schautrainings in Schulen motivieren wollen.
Den Workoutern geht es nicht nur um einen schönen Körper, sondern auch um die gesunde Ernährung, Selbstbestimmung und den Verzicht auf Alkohol und Zigaretten. Die Jungs - Mädchen gibt es unter den Straßenturnern kaum - sind gut vernetzt, auch mit ihren russischen Kollegen, und organisieren sogar nationale Meisterschaften.
In der Ukraine gibt es kaum öffentliche Infrastruktur für Jugendliche. Die Turnikman kommen jedoch mit den alten postsowjetischen Recken aus unbiegsamen Metallen ziemlich gut klar. In jedem ukrainischen Städchen gibt es diese alte Turnstangen, die zu einem Treffpunkt für vernachlässigte Jugendliche geworden sind. Sie erhalten keine Unterstützung und sind ständig mit Gewalt, Armut und Süchten konfrontieren. Diese dramatischen Verhältnisse bewegen sie dazu, ein neues Selbstbild zu entwickeln und die Gleichaltrigen zu beschäftigen.
Während der Staat immer noch über eine „gesunde Lebensweise” als einzige Strategie der Jugendpolitik redet, praktizieren die Jugendgruppen das längst. Und ihr Geist muss in ihrem trainierten Körper selbst für sich sorgen.
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Leserkommentare
01.07.2012 19:17 | auch nur wer..
wow. toll. spass am "Sport" ohne einengende Dogmen / Richtlinien.