Die Volksfeststimmung während des Pogroms in Rostock- Lichtenhagen ist kaum noch vorstellbar. Umso wichtiger sind die Filme, die die Ereignisse dokumentieren.von Rasmus Cloes

Schwer vorstellbare Gewalt in Rostock-Lichtenhagen. Bild: screenshot: youtube
BERLIN taz | Die Berichte über das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen 1992 sind, egal ob man sie heute nach langer Zeit wieder oder zum ersten Mal liest, schockierend. Doch es ist kaum in Worte zu fassen, welche Stimmung damals dort herrschte.
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Es sind vor allem Bilder, die den Wahnsinn dokumentieren. Bilder, die vor zwanzig Jahren um die Welt gingen. Sie zeigen einen gewalttätigen Mob, fliehende Menschen, brennende Häuser und applaudierende Zuschauer. Sie erinnern an Nazi-Deutschland.
Die ersten Berichte über Rostock-Lichtenhagen sendete die Tagesschau. Darin ist die Sprache gewohnt nüchtern und nachrichtlich: „Auch in der vergangenen Nacht ist es in Rostock wieder zu schweren Ausschreitungen gekommen“, heißt es darin. Sie befragten Politiker und Polizisten. Mit den Opfern sprachen sie nicht. Vielmehr fragten sie, wer die Schuld an den Ausschreitungen trägt.
Danach sucht auch ein Jahr später der Dokumentarfilmer Gert Mohnheim. Sein mit dem Civis-Preis für Integration ausgezeichneter Film „Wer Gewalt sät – Von Brandstiftern und Biedermännern“ von 1993 zeigt verstörende Bilder: Innenminister Rudolf Seiters (CDU), der auf einer Pressekonferenz in Rostock sitzt und sagt, Lichtenhagen sei „ein Vorgang, der das deutsche Ansehen in der Welt schädigt“. Dann erklärt er den Hass mit „Asylmissbrauch“ während er drinnen spricht, bereiten sich draußen die Faschisten auf neue Angriffe vor.
Dass Mohnheim sich noch 1992 auf die Suche nach den Verantwortlichen macht und diese mit den Ereignissen konfrontiert, kann man gar nicht hoch genug würdigen. Denn staatlicherseits interessierte sich für die Strafeverfolgung lange niemand. Erst zehn Jahre später mussten drei Angeklagte vor Gericht erscheinen.
Die Protagonisten in Mohnheims Film sind dementsprechend vor allem Deutsche. Die angegriffenen Asylbewerberinnen und Asylbewerber kommen nicht zu Wort.
Auf diese geht „The Truth lies in Rostock - Die Wahrheit liegt (lügt) in Rostock“ ein. Den Film drehten 1992/93 Channel 4 und zwei Rostocker Mediengruppen. Sie legen weniger Wert auf die Schuldfrage, die zuvor die Berichterstattung dominierte. Vielmehr geben sie den Opfern eine Plattform. Diese erzählen, warum sie in Rostock lebten, wie es sich in den belagerten Häusern anfühlte und wohin es für sie nach den Pogromen weiterging.
Die Dokumentation „Rostock Lichtenhagen“, produziert von Spiegel TV 2007, reiht unkommentiert Szenen des Pogroms aneinander: Randalierende Nazis, gefilmt von Bewohnern der angegriffenen Häuser; Menschen, die „Gestapo“, „Deutschland den Deutschen“ oder „Ausländer raus“ brüllen und mit leerem Blick ihre Taten rechtfertigen: „ist doch klar das man Sympathie mit den Leuten hat, die hier mit Gewalt vorgehen“; eine ältere Frau, mit Wollpullover und Silberschmuck, die über die Asylbewerber sagt „die haben doch keine Kultur. Ich meine der Deutsche ist doch bekannt dafür, dass er reinlich ist.“
Der Deutsche und seine Hochkultur. Lichtenhagen ist ein Beispiel dafür. Es sind Szenen, die einen fassungslos zurück lassen. Szenen über einen rassistischen Konsens. Szenen, die keiner vergessen darf.
Eine der gelungensten deutschen TV-Dokumentationen, die das Jubiläum des Pogroms in diesem Jahr zum Anlass nahmen, die Hintergründe noch einmal zu beleuchten, ist die von Florian Huber für den NDR produzierte Film „Als Rostock-Lichtenhagen brannte“.
Ein weiteres Video will das Vergessen auf andere Weise verhindern. Nicht, indem es erinnert, sondern durch einen Appell. Unter dem Motto „Das Problem heißt Rassismus" ruft es auf, am Samstag in Rostock zu demonstrieren.
Kundgebung zum Gedenken an die Pogrome von Lichtenhagen, 25.08.2012 um 11 Uhr, Rathaus Rostock.
Der Schwerpunkt der Demonstrationen hat sich auf Sao Paulo verlegt, wo Zehntausende auf die Straße gingen. Erster Erfolg: Sieben Städte senken ihre Fahrpreise wieder.

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