Der italienischen Mannschaft wird zugetraut, zur Heilung eines ganzen Landes beizutragen. Für die Spanier hingegen wäre ein Sieg im EM-Finale ein historisches Zuckerl. von Andreas Rüttenauer

Gianluigi fand vor dem Finale besonders große Worte. Bild: dapd
KIEW taz | Gianluigi Buffon schien es kaum auszuhalten auf seinem Stuhl. Es sah so aus, als würde er am liebsten rausgehen und anfangen zu spielen, anfangen Geschichte zu schreiben. Am Abend vor dem Finale wurde er noch einmal vor die Presse geschickt. Er hatte sich vorbereitet und präsentierte sich als italienischer Superpatriot.
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Klar, er will mit seiner Mannschaft Europameister werden. Aber die EM ist für ihn längst mehr als ein sportlicher Wettbewerb. Es geht um Balsam für die geschundene Nationalseele. Und so präsentierte sich Buffon als Nationalist im Trainingsanzug. „Ja, ich singe die Nationalhymne mit großer Leidenschaft. Zwei meiner Urgroßväter sind im ersten Weltkrieg gefallen und das ist das Mindeste, was ich tun kann, um an ihr Opfer zu erinnern.“ Große Worte.
Es ging dann aber auch noch um den Fußball. Und auf den ist nicht nur Nationaltrainer Cesare Prandelli stolz, sondern auch sein Kapitän. Auch wenn man vier Mal Weltmeister gewesen sei, komme irgendwann die Zeit, in der es gelte, Demut zu zeigen und einen neuen Fußball zu erschaffen. Den hat Prandelli in der Tat erfunden in den zwei Jahren, in denen er die Nationalmannschaft bis dato geführt hat. Er hat die Mannschaft dazu gebracht, das Spiel zu machen.
Aus den Italienern, die Buffon vor ihrem ersten Turnierspiel, jenem fantastischen 1:1 gegen Spanien, noch mit Griechenland oder Tschechien verglichen hat, ist wieder eine echte Fußballmacht geworden. Eine, die nicht nur den Titel gewinnen soll, sondern der auch zugetraut wird, zur Heilung eines ganzen Landes beizutragen. Staatspräsident Giorgio Napolitano jedenfalls hat die Mannschaft schon in den Präsidentenpalast eingeladen, ganz gleich wie das Finale ausgeht. „Ein großer und intelligenter Mann“, wie Buffon in seiner staatstragenden Pressekonferenz im Kiewer Olympiastadion sagte.
Sie wollen wieder mitspielen, die Italiener, den unglaublichen nunmehr vier Jahre anhaltenden Run der Spanier aufhalten, der bei der EM 2008 mit einem Sieg im Elfmeterschießen gegen Italien begonnen hatte. Einer, der die Spanier aufhalten soll, ist Mario Balotelli. Buffon, der 34-Jährige Weltmeister von 2006, ist voll des Lobes für den 21-jährigen Jungstürmer. Der habe in Cesare Prandelli zudem einen Trainer gefunden, der es geschafft habe, das Beste aus ihm herauszuholen.
Auch Spaniens Trainer Vicente del Bosque bezeichnet Balotelli als „gefährlich“. Viel wollte er indes nicht sagen über den wilden Italiener. Denn die Spanier wollen – wie üblich – nicht reagieren, sie wollen das Spiel in die Hand nehmen. Dass ihr Spiel inzwischen immer häufiger als langweilig bezeichnet wird, ist dem Trainer dabei egal. Er sieht es ohnehin anders. Auch seine Mannschaft habe sich in den vergangenen vier Jahren durchaus verändert. „Der Kern ist der Gleiche geblieben, aber man kann nicht sagen, dass wir nicht versucht hätten, etwas zu verändern“, sagte er.
Um das Spiel zu entscheiden, versprach er, mit drei Angreifern spielen zu wollen. Andres Iniesta, der Mann, der das WM-Finale 2010 in der Verlängerung entschieden hat, sieht er dabei ebenso als Stürmer wie Cesc Fabregas. Dazu könnte Bilbaos Stürmer Fernando Llorente in die Aufstellung rücken. „Drei Spieler werden ganz vorne agieren“, versprach del Bosque. Sie sind verantwortlich für das Angriffsspiel. Das ist ihre Aufgabe, so wie jeder Spieler in der Mannschaft seine eigene Mission hat.“
Der Trainer und seine Spieler präsentierten sich bei allem Stolz auf ihre Heimat vor dem Finale weitaus weniger als Repräsentanten einen Staates als die Italiener. Sie wollen als Sportgruppe Geschichte schreiben. Dass die Titelverteidigung ein historischer Erfolg wäre, kein Team in Europa hat je drei große Turniere hintereinander gewonnen, ist ihnen bewusst.
Iker Casillas, Spaniens Torhüter, sieht es dennoch gelassen. Er sieht sich als einen, der Erfahrung hat, im Vollbringen historischer Leistungen. „Geschichte geschrieben haben wir bereits mit dem Gewinn des ersten Titels.“ Alles, was danach gekommen ist, war demnach nicht mehr als ein Zuckerl obendrauf. Ein historisches Zuckerl.
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Das Team: Aus den Stadien und dem Quartier der deutschen Mannschaft berichten die taz-Sport-Redakteure Andreas Rüttenauer und Markus Völker. In Warschau beobachten Gabriele Lesser und Uli Räther das Geschehen, in Kiew Juri Durkot. In Berlin sind dabei: Svenja Bednarczyk, Frauke Böger, Michael Brake, Jan Feddersen, Enrico Ippolito, Johannes Kopp, Katerina Mishchenko, Barbara Oertel, Erik Peter, Jan Scheper und Deniz Yücel.
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