Vor dem Viertelfinale Schweden – England

Arbeit + Glück = Schweden

Würde im Fußball stets der Bessere gewinnen, wäre Schweden längst ausgeschieden. Ist aber nicht so. Im Viertelfinale wartet England.

Viele Spieler im Mittelkreis eines Spielfelds

Vor dem Spiel gegen England: Schweden kreist um sich selbst Foto: dpa

Es muss immer Gründe geben. Absurdität ist schwer zu ertragen. Hinterher will man wissen, was zur Hölle da eigentlich gerade im Fußball zu sehen war. Warum es kam, wie es kam, und nicht ganz anders. Also werden Theorien gezimmert. Und wenn die nicht passen, kommen neue nach. Das macht man so lang, bis einer gewonnen hat, und dann macht man eine Meistererzählung draus.

Es gab hunderte Erklärungen zum WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, und entsprechend gab es hunderte Vorschläge, was sich jetzt zu ändern habe. Eine Erklärung hat man selten gelesen: es war schlichtweg Pech. Deutschland hatte gegen Südkorea 28 Torschüsse, das hätte in einem statistisch normalen Spiel für drei Tore gereicht. Aber hat es diesmal eben nicht. Der Ball ist eben dumm geflogen.

Dafür sind nun die lustigen Schweden im Viertelfinale, die kokosnussklopfend durchs Turnier reiten. Ja, es ist natürlich harte Arbeit, eine Defensive derart stabil zu halten. Im Normalfall reicht das allerdings nicht. Bei Schweden hat es doch gereicht, und wie, fragt man sich, ganz unironisch.

Zwei der drei Spiele, die Schweden im Turnier gewonnen hat, gewinnt man so nur ganz selten. Von Südkorea hat die Mannschaft einen strunzdummen Elfmeter geschenkt bekommen, von der Schweiz ein endelegantes Eigentor. Das ist, zweimal, Glück; Riesenglück; Wahnsinnsglück. Und da sind die Entscheidungsspiele gegen Italien noch gar nicht mit eingerechnet, als Schweden in 180 Minuten exakt zweimal aufs Tor schoss. Und der entscheidende Schuss war, selbstverständlich: abgefälscht.

Entgegen gängiger Vorstellungen kann man sich Glück natürlich nicht verdienen, sonst wäre Dänemark jetzt ebenfalls im Viertelfinale. Aber ein gewisses Zutrauen in sich selbst hilft. Marcus Berg und Ola Toivonen nehmen sich Abschlüsse, als pflückten sie reife Äpfel vom Baum. Kommt ein Ball geflogen, versuchen sie es einfach mal, naja! Schaun mer mal, dann sehnmer schon. Und siehe da, irgendwas klappt, selbst wenn keiner weiß, wie. Fußball kann so einfach sein.

Aktuell geht man davon aus, dass 40 Prozent der Tore auf Profiniveau aus Zufall entstehen, unterschiedliche Untersuchungen kommen auf das Ergebnis, dass bis zu 45 Prozent der Spiele von vermeintlich schwächeren Teams gewonnen werden. Die Versuche, den Zufall zu bändigen, sind vielfältig: Turniermodus mit Vorrundengruppen, die Qualität des Balles, die Beschaffenheit des Rasens, die vielen taktischen Analysetools, die Torlinientechnologie, jetzt der Videoassistent, all das soll den Fußball gerechter machen.

Gerechter heißt: dass der Bessere gewinnt. Aber das ist ja ein redundanter Schluss. Wer der Bessere ist, weiß man ja gar nicht. Es kann Gerechtigkeit im Fußball gar nicht geben, sonst wäre er ja kreuzöde, da könnte man auch Billard kucken.

Aber weil er so ungerecht ist, verlangt er umso mehr nach Erklärungen. Gewinnt Schweden gegen England, braucht es noch eine: Wie kann in einer durch VAR und Torlinienassistent entchaotisierten, auf Gerechtigkeit gepolten WM diese Mannschaft in ein Halbfinale kommen? Die Erklärung wird absurd sein, das wird sie sicher umso schöner machen.

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64 Spiele, ein Weltmeister. 12 Stadien, ein Putin. Vier Wochen Fußball und mehr. Alles zur WM in Russland.

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