Wachstumsdebatte vor Umweltgipfel
Wie schnell darf das Rad sich drehen?
Der Ökologe Reinhard Loske will weg vom Wachstumsdogma. Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, ist für grünes Wachstum und Bioökonomie. Ein Streitgespräch.von Hannes Koch
Leserkommentare
23.06.2012 16:32 Uhr
von kto:
@ anna:
"Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat." (Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung, S. 1628)
"Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir. Und in allen Gegensätzen steht ‑ unerschütterlich, ohne Fahne, ohne Leierkasten, ohne Sentimentalität und ohne gezücktes Schwert ‑ die stille Liebe zu unserer Heimat." (Kurt Tucholsky: "Ja, wir lieben dieses Land", 1929)
Übrigens: auch die NPD ist für nachweislich pro Volksentscheide, gegen AKWs, gegen Gentechnik, gegen Globalisierung... Viel Spaß bei der "linken" politisch-moralischen Orientierung anhand eines rostig-braunen NPD-Kompasses!
20.06.2012 13:39 Uhr
von Zora:
solange wir ansatzweise am kapitalismus (egal welcher form) festhalten, also an der logik, dass es vollkommen normal und richtig ist land, ressourcen und produktionsmittel als eigentum zu besitzen und sie und die produkte zu kommodifiziern, als waren zu behandeln, wird es mit dem wachstumszwang nicht zu ende gehen - er ist strukturell angelegt. daher ist die rede vom "wachstumsdogma" eigentlich schon falsch. ein dogma ist die folge einer bewussten entscheidung von einer oder mehreren personen, eine bestimmte ansicht, verfahrensweise o.ä. nicht mehr zu hinterfragen und festzuschreiben. gerade dies ist beim wachstumszwang nicht der fall, er ist nichts was man bewusst entschieden hätte und von dem man sich durch eine einfache willensentscheidung verabschieden könnte, sondern entsteht von selbst aus den strukturellen grundlagen unserer gesellschafts- und wirtschaftsordung. es bedarf daher grundsätzlicher struktureller veränderungen, welche weit über die staatliche organisierte riesengesellschaft, nachhaltiges, grünes wachstum, green capitalism und eine lebensweise hinausgeht, welche auf einer industriellen, hochtechnologischen basis beruht und daher prinzipiell auf ressourcenausbeutung angewiesen ist. auch ein gebremstes wachstum wird nichts ändern, ändert es doch nichts an dem grundsätzlichen fakt, dass unsere jetzige lebensweise und eine alternative, welche auf grüner hightech (solarzellen, windräder etc.) beruht nicht aufrechterhaltbar ist - lediglich die zeitliche dimension verändert sich in diesem falle nicht aber die grundsätzliche richtung der entwicklung.
20.06.2012 12:20 Uhr
von anna:
Landschaftsästhetik und Heimat ... ich glaube das habe ich letztens auch auf ner Postwurfsendung der NPD in Thüringen gelesen, als um die Mobilmachung gegen eine neue Stromtrasse und einen Windpark ging.
20.06.2012 11:32 Uhr
von Frieda:
Ich halte normalerweise viel von Ralf Fücks, aber seine Thesen sind nicht wirklich durchdacht. Wie stellt er sich das vor- Strom aus der Sahara- wie soll der gespeichert und weltweit transportiert werden? Wie kann man vermeiden, dass dieser in der Hand weniger Einflussreicher landet, die den Strommarkt monopolisieren würden? Energie ist nicht unser einziges Problem. Wie sollen wir künftig 9 Mrd Menschen ernähren, ohne weitere Flächen auszubauen oder GMO einzusetzen? Und vor allem- wie können wir bestehende Nahrungsmittel gerecht verteilen? Zuletzt- "Koevolution mit der Natur". Wir sind kräftig dabei, unsere letzten Regenwälder gegen Sojaanbau und Viehzucht einzutauschen. Wohin soll die Natur sich bitte entwickeln, wenn wir vorher schon alles platt gemacht haben? Was wiederum auf unserem Wachstumsdogma beruht.
Natürlich hat Fücks recht insofern als eine Abkehr von Wachstum unrealistisch ist und wir den 'Ressourcenhunger' der Schwellenländer nicht werden aufhalten können, geschweige denn dürfen. Aber Fücks Vorschläge treffen den Kern der Sache nicht.
20.06.2012 11:15 Uhr
von MaterialismusAlter:
Nett... Innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise ist der Verzicht auf oder auch nur die Einschränkung von Wachstum völlig undenkbar.
Der Widerspruch zwischen ökonomischer und ökologischer Notwendigkeit lässt sich im Kapitalismus nicht aufösen. Das sieht man wunderschön daran, dass alle Verträge zum Schutz des Planeten, zu denen die Staaten sich durchringen, meilenweit hinter dem erforderlichen zurückbleiben. Gleichzeitig werden nicht einmal diese Verträge irgendwie eingehalten. Das liegt nicht an dem "Egoismus" der einzelnen Staaten oder Regierungen, sondern an den realen Sachzwängen die die marktwirtschaftliche Produktionsweise den Akteuren auferlegt.
Wenn wir den Kapitalismus nicht überwinden ist dieser Planet erledigt. Um Werte zu verwerten müssen permanent Ressourcen verbraucht werden, um dem tendenziellen Fall der Profitrate entgegenzuwirken, muss dieser Prozess sich stets beschleunigen. "Die ungeheure Wucht seiner alles verschlingenden Expansionsbewegung konnte das Kapitalverhältnis tatsächlich nur auf Grundlage der Energiedichte der fossilen Brennstoffe erlangen, in denen die Sonnenenergie von Millionen von Jahren konzentriert und gespeichert ist. Die Kapitaldynamik hat diesen Energiereichtum in einem erdgeschichtlichen Wimpernschlag unwiederbringlich verbrannt." (Tomasz Konicz, KONKRET 6/12)
Der Satz "Sozialismus oder Barbarei" war noch nie so wahr wie heute.
20.06.2012 11:12 Uhr
von Schweizer:
"Es gibt Werte und Gesichtspunkte wie Landschaftsästhetik, Heimat, kulturelle Räume, die die Menschen verteidigen. Man muss höllisch aufpassen, dass nicht noch der letzte Winkel seelenlos und brutal ausgenutzt wird."
Als ehemaliger Umweltsenator wollte Herr Loske in Bremen ein für die Allgemeinheit wertvolles Stück Weserufer bebauen und an anderer Stelle eine hundert Meter breite "Sichtachse" in den kleinen Werderseewald schlagen lassen, um dortigen Neubaubewohnern die Aussicht aufs Wasser zu ermöglichen. Diese "seelenlosen und brutalen" Vorhaben wurden durch großen Widerstand vieler Bewohner Bremens verhindert.
20.06.2012 11:06 Uhr
von Elvenpath:
Wir müssen weg von einer Wirtschaft, die auf Wachstum basiert. Wir leben in einer Welt mit begrenzten Ressourcen. Ein ständiges Wachstum ist daher auf die Dauer nicht möglich.
Zumal ein Wachstum, welches jährlich die gleiche Größe in Prozent aufweisen soll, ja exponentiell wäre. Das kann nicht lange gut gehen.