Wahlkampf in Berlin

Das Tamam-Taxi

Ehrenamtliche Taxifahrer bringen behinderte und ältere Wähler*innen ins türkische Konsulat in Berlin. Unser Autor ist mitgefahren.

Der Taxifahrer Kamil Karabacak hilft oppositionellen Wähler*innen, ihre Stimme abzugeben Foto: Ulaş Tosun

Blitzblank muss das Taxi sein, noch nicht einmal ein Staubkorn darf auf der Motorhaube und im Innenraum liegen. Auf den Wagen, ein japanisches Fabrikat, mit dem Kamil Karabacak seinen Lebensunterhalt verdient, achtet er sorgfältig. Genau wie auf sein Äußeres. Mit einem perfekt gebügelten, blauem Hemd setzt er sich ans Steuer. Der 40-Jährige mit dem freundlichem Wesen plagt sich heute durch den dichten Verkehr, Fahrten vor Einbruch der Dunkelheit ist er nicht gewohnt. Trotzdem vermeidet er es, am Steuer zu fluchen, wenn Gäste im Wagen sind.

Seitdem Karabacak vor 14 Jahren mit dem Taxifahren anfing, schiebt er Nachtschichten in Berlin – die Kundschaft sei in der Nacht herzlicher. Nachts, so erzählt er, mag er am meisten die Lichter der Stadt, die Teepausen im Wagen und die Zwischenstopps an seinem Lieblingsimbiss, wo er Suppe isst.

Dieser Tage arbeitet Karabacak nicht nur jede Nacht, sondern auch jeden Tag. Tagsüber allerdings nicht für Lohn und Brot, sondern ehrenamtlich im „Tamam-Taxi“. Denn er ist mit der Entwicklung in der Türkei nicht zufrieden. Am 24. Juni wird dort gewählt, auch in Deutschland leben fast 1,5 Millionen wahlberechtigte türkische Staatsbürger, die hier noch bis zum 19. Juni abstimmen dürfen. Ein einziger Gedanke treibt Karabacak um: „Die Stimmen der Opposition müssen in die Urnen. Wenn sie nicht hingehen können, fahren wir sie hin.“

Das Tamam-Taxi wurde initiiert von 25 Berliner Taxifahrer*innen, die der sozialdemokratisch-kemalistischen CHP nahe stehen. Sie organisieren Fahrten zum türkischen Konsulat an der Heerstraße in Berlin-Charlottenburg, um Menschen an die Wahlurnen zu bringen. Die Fahrgäste sind meist Menschen, die Schwierigkeiten haben, den Fahrtweg alleine auf sich zu nehmen, Senior*innen oder Menschen mit Behinderungen. So wie Abdullah und Hadiye Talsa, beide über 80, die Karabacak am Blücherplatz abholt.

Tamam heißt ‚Es reicht‘

Beim Autofahren ist Karabacak aufgekratzt und impulsiv. Er ärgert sich, wenn die Ampel nicht schnell genug umspringt. Doch mit den Talsas ist er geduldig. Er hilft ihnen beim Gehen, öffnet ihnen die Wagentür und setzt sie auf den Rücksitz. Sobald das Tamam-Taxi losfährt, fragt er: „Onkel, nicht dass es ein Irrtum ist, wir wissen, wen wir wählen, oder?“ Die Antwort des alten Mannes beruhigt ihn. „Wir wissen genau, wen wir nicht wählen.“ Auf Wahlanalysen lässt er sich nicht ein. Da scheint sich die gesamte Opposition einig zu sein.

Karabacak stammt aus einer regierungskritischen Familie. Inspiriert zum politischen Engagement habe ihn sein 72-jähriger Vater, sagt er. Ungeachtet seines Alters fahre sein Vater zu Wahlzeiten von Dorf zu Dorf und unterstütze die Tätigkeiten der Opposition. Er wolle sicherstellen, dass seine Kinder Bürger*innen eines modernen, demokratischen Landes sein können. Deshalb gründete Karabacak vor dem Verfassungsreferendum vom 16. April 2017 eine WhatsApp-Gruppe mit Kolleg*innen, die eine ähnliche politische Einstellung haben.

Sie kennen sich aus einer größeren Gruppe, in der sich rund 200 türkeistämmige Taxifahrer*innen über die Arbeit austauschen. Als AKP-Sympathisant*innen anfingen, in der Gruppe Wahlwerbung zu machen, kam Karabacak die Idee für einen eigenen Fahrdienst. Die Organisation der oppositionellen ehrenamtlichen Fahrer*innen wurde zunächst „Hayırlı Taxi“ genannt – „Hayır“ für das „Nein“ der Regierungskritiker*innen beim Volksentscheid im letzten Jahr, „Hayırlı“ zugleich in der Bedeutung von „nutzbringend, wohltätig“. Die Umbenennung von Hayırlı Taxi in Tamam-Taxi bezieht sich auf die AKP-Regierung und Erdoğan: „Tamam – es reicht, bis hierher und nicht weiter!“ Die Gruppe kommuniziert über die sozialen Medien und transportierte bisher 150 Personen ins Wahllokal.

Kamil Karabacak entsinnt sich, dass ein paar Leute, die er beim Referendum im April 2017 gefahren hatte, für Erdoğan und somit für ein „Ja“ zur Verfassungsänderung votierten. Aber was hätte er tun sollen? Er konnte ja nicht umkehren und ihre Stimme zurückfordern. Auf dem Weg zum Konsulat wählt Karabacak über das Autotelefon eine Nummer. Die 58-jährige gehbehinderte Makbule Doğan geht sofort ran. Ihre Stimme tönt durch das Taxi. „Ich komme runter.“ Ein paar Minuten später nimmt sie auf dem Beifahrersitz Platz. „Sie habe ich auch im letzten Jahr gefahren“, ist sich der Taxifahrer sicher.

Für seine Überzeugung im Dienst

Im Hof des Konsulats sind mehrere Fertigbaukabinen aufgestellt. Mitarbeiter*innen der verschiedenen Parteien nehmen die Wähler*innen in Empfang. Heute ist der erste Wahltag, deshalb herrscht kaum Betrieb im Hof. Auch Karabacak gibt seine Stimme ab. Ältere und jüngere Migrant*innen erklären sich die Ruhe am ersten Wahltag so: „Geht es um bürokratische Angelegenheiten, stehen die Deutschen am ersten Tag Schlange, und die Menschen aus der Türkei am letzten.“ Dennoch prophezeit der Fahrer des Tamam-Taxis: „Bei diesen Wahlen ist die Beteiligung hoch.“

Das Tamam-Taxi fährt über die Heerstraße, wo sich das türkische Konsulat befindet, wieder zurück. Ankara, die türkische Hauptstadt, liegt 2.643 Kilometer von Berlin entfernt. Karabacak möchte in der Türkei ein modernes, demokratisch gefestigtes Land sehen, in dem die grundlegenden Menschenrechte geachtet werden. Den Taxameter schaltet er nicht ein, jetzt ist er für seine Überzeugung im Dienst. Nach der Stimmabgabe werden die drei Fahrgäste wieder bis zur Haustür gefahren.

Als alle ausgestiegen sind, nimmt das Taxi keine neuen Fahrgäste an. Kamil Karabacak legt eine CD von Sezen Aksu ein. Er will sich etwas ausruhen, bevor er in die Nachtschicht geht. Auf seiner Miene liegt ein Lächeln. „Tamam, dieses Mal klappt es.“ Vor der roten Ampel seufzt er: „Zumindest haben wir getan, was wir können.“

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe

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