„Warum Liebe endet“ von Eva Illouz

Sozial gerahmt

Zwischen Tinder, Sexratgeber und Coach auf der Suche nach steter sexueller Befriedigung: Was macht das mit unseren Gefühlen?

Herzförmige Neonlichtröhre mit englischer Aufschrift 24 Stunden Liebe

Die sexuelle Revolution brachte Freiheit, aber auch eine Entkopplung von Sex und Liebe Foto: Wyron A/Unsplash

Verwechselt ausgerechnet Soziologin Eva Illouz Sex mit Liebe? Das könnte meinen, wer ihr aktuelles Buch „Warum Liebe endet“ liest. Der größte Teil des Buchs widmet sich dem Thema Sex, genauer: Bindungen unter den Bedingungen „befreiter“ Sexualität im skopischen Kapitalismus.Es ist das dritte Buch in der Reihe von Illouz’ Schriften zur Liebe nach „Warum Liebe wehtut“ und „Gefühle in Zeiten des Kapitalismus“. Anhand von Interviews, Filmhandlungen und Einträgen in Online-Foren vergleicht die israelische Soziologin das Prozedere des Liebeswerbens im 19. Jahrhundert mit dem Anbandeln von Casual Dates im 21. Jahrhundert. Beides ist vergleichbar, weil es hier wie dort um die Anbahnung von Sex geht. Nur die sozialen und kulturellen Rahmungen sind andere.

Bis ins 20. Jahrhundert war Sexualität an das Eheleben gekoppelt und mit Fortpflanzung verknüpft. Was nicht heißt, dass Menschen nicht auch außerhalb der Ehe Sex hatten oder Kinder zeugten. Außerehelicher Sex von Frauen unterlag jedoch einem strengen Strafregime. Gerade weil weibliche Sexualität so streng reglementiert wurde, herrschte auf dem Markt für Sexuelles eine Verknappung des Angebots. Eine Heirat bot dem Mann die Möglichkeit, regelmäßig sexuell über eine Frau verfügen zu können. Im Gegenzug übernahm er Verpflichtungen für sie. Ökonomische Pflicht gegen Sex, voilà, man nennt es Patriarchat.

Mit der Pille, die Sex vom Risiko einer ungewollten Schwangerschaft weitestgehend entkoppelte, löste sich die enge Verbindung von Ehe, Sex und Kinderkriegen. Die sexuelle Befreiung schuf tatsächlich mehr Freiheiten für Frauen, ihre Sexualität zu leben. Aber durch die enorme Angebotserweiterung auf dem Markt fürs Sexuelle entkoppelten sich Sex und Liebe (bzw. Bindung) vollständig. Zugleich schuf sie neue Normen des Frauseins: Der Imperativ „Sei sexy!“ trat an die Stelle des Keuschheitsgebots.

Sex ist ein gewaltiger Markt

Unter den Vorzeichen des skopischen, also visuell orientierten Kapitalismus erfuhr die Frau eine Reduktion aufs Äußerliche. Nicht zufällig schildern Frauenzeitschriften die Angst von Frauen, sich vor einem Partner zu entblößen, weil sie gängigen Vorstellungen von Sexyness – diesem Konglomerat aus Attraktivität und Jugend – nicht entsprechen. Aber dafür bieten ihnen die Zeitschriften auch gleich allerhand Produkte, die das erlebte Manko ausgleichen sollen: High Heels, Kosmetik oder Dessous. Denn die Konkurrenz schläft nicht! Oder höchstens mit unserem Mann.

Ratgeber ermuntern zu sexuellen Ritualen, damit das Sexleben nicht einschläft

Die sexuelle Befreiung wurde begleitet vom Wandel des Konsumgütermarktes, der nun immer mehr auf das Individuum, seine heimlichen Begierden und die Erfüllung derselben setzt. Ein gelungenes Sexualleben braucht allerhand unterstützende Gadgets, heißt es. Sex ist ein gewaltiger Markt, das gilt für die Körper, die hier zirkulieren und zur Ware werden, wie für die Gegenstände, die sie sich einführen oder umschnallen. Auf Kuppler-Apps wie Tinder eröffnet sich den Suchenden die schiere Größe des potenziell unbegrenzten Dating-Marktes. Eine schönere, bessere, heißere Frau wartet potenziell hinter der nächsten Ecke. Wer da mal keine Komplexe bekommt!

Ein Folgeeffekt des Casual Datings, das eher der Vermittlung von Sexpartnern als der Suche nach Liebe gilt, ist die Verunsicherung des Selbstwertgefühls. Zugleich streben Menschen gerade hier, beim Gelegenheitssex, nach Stärkung des womöglich lädierten Selbstwertgefühls. Ein Teufelskreis. Besonders für Frauen, die den Geschlechterrollen entsprechend eher nach emotionaler Bindung und festen Beziehungen suchen, meint Illouz.

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Und hier kommt der Vergleich mit dem 19. Jahrhundert ins Spiel: Unter den Vorzeichen bürgerlicher Kultur galt das Werben um Frauen als Sache des Mannes. Indem ein Mann seine Liebe gestand, also das Risiko der Zurückweisung in Kauf nahm, eröffnete er den Prozess der Annäherung. Bekräftigt wird er durch Geschenke an die Zukünftige. So wird der Aspekt des ökonomischen Tauschhandels bekräftigt.

Man verstünde Illouz falsch, wenn man annähme, dass sie sich eine Rückkehr zu diesen alten Liebesmustern wünscht. Sie verdeutlicht stattdessen, dass Beziehungen nicht in einem luftleeren Raum entstehen. Es bedarf sozialer Rahmungen, die es gestatten, Gefühle zu entfalten. Diese Rahmung fehlt heute weitestgehend, weswegen es so schwierig geworden ist, seine Gefühle zu erklären. Gefühle bilden den Kern der romantischen Liebe und sind doch im Alltag des Dating dem sexuellen Kontakt nachgeordnet. Auch deswegen verursacht er eine Vielzahl von Trennungen: weil man keine Lust mehr für den Partner empfindet oder etwa fremdgeht.

Die Beziehungsratgeber-Industrie sucht die Schuld für das Scheitern beim Subjekt, das sich und seinen Bedürfnissen zu viel oder zu wenig Befriedigung verschafft. Dass Beziehungen aber nur schwer aufrechtzuerhalten sind, wenn als Ideal eines erfüllten Lebens sexuelle Eroberungen und stete sexuelle Befriedigung gelten, ignorieren die Ratgeber. Oder ermuntern stattdessen zu sexuellen Ritualen, damit das Sexleben bloß nicht einschläft.

Psychologisches Rätsel

Man kann der Analyse von Il­louz in weiten Punkten zustimmen, auffällig bleibt aber, wie sehr sie die veränderten Beziehungsrahmungen aus der Perspektive der Frau betrachtet, die weitgehend mit der Sphäre des Emotionalen identifiziert wird. Dass es sich hier um Zuschreibungen handelt, die so konstruiert sind wie die Vorstellung, dass Männer eher nach Autonomie streben, ist Illouz sicher bewusst, sie thematisiert das aber kaum. Dadurch gerät die Analyse in eine Schieflage.

Dass Illouz die Ansprüche der Ratgeber-Psychologie, ein Allheilmittel für Beziehungsunfähigkeit in der Arbeit am Selbst zu entdecken, zurückweist und stattdessen soziale Aspekte für das Scheitern von Beziehungen haftbar macht, ist legitim. Darüber vergisst sie aber, dass die Psyche natürlich in den Prozess des Liebens eingebunden ist, und zwar nicht nur dort, wo Selbstwertgefühle gekränkt sind.

Das Verlieben selbst stellt zu allen Zeiten ein psychologisches Rätsel dar. Und natürlich verursachen die von Illouz beschriebenen veränderten Vorzeichen auch Folgen der psychischen Individualentwicklung. Sigmund Freud beispielsweise formulierte seine Neurosenlehre vor dem Hintergrund der bürgerlichen Kleinfamilie mit ihrem spezifischen Konfliktpotenzial. Die zeitgenössische Patchwork- und Scheidungsfamilie hat nun aber ebenso Folgen für Fragen der Beziehungsfähigkeit.

Eva Illouz: „Warum Liebe endet“. Suhrkamp, Berlin 2018, 447 Seiten, 25 Euro

Überhaupt nicht reflektiert werden auch die medialen Formen, die Illouz analysiert: Der Privatbrief des 19. Jahrhunderts ist kein Dokument, das ungeschönt Gefühle offenbart, und ist in seiner Formelhaftigkeit auch Performance. Und ob die Zeugnisse moderner Online-Chats (Illouz zitiert die Beschreibung eines spontanen Dreiers, der wie der Standardplot eines entsprechenden Pornos wirkt) authentische Gefühle beschreiben, bleibt ebenfalls fraglich.

In Liebesdingen wäre zudem die Klassenfrage zu stellen. ­Illouz’ Bemerkung, die sexuelle Verfasstheit der Beziehungsfragen überschreite alle Klassengrenzen, bedürfte einiger Belege.

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