Wettspiel zur Eurokrise

„Die Mehrheit setzt auf Austritt“

Bei Interwetten können Spielfans auf die Zukunft des Euro tippen. Zynisch? Im Gegenteil, sagt Birgit Bosch. Das Wettspiel zeigt die Einschätzungen der Bürger.

Athens Tagger haben schwarzen Humor: „Hotel geschlossen – für immer“.  Bild: dpa

taz: Frau Bosch, seit knapp zwei Wochen können Ihre Kunden über die Zukunft der Euro-Zone Wetten abschließen. Wie kamen Sie auf diese Idee?

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Birgit Bosch: Wir nehmen immer gerne Anregungen von Kunden an, ob es nun um sportliche oder gesellschaftliche Ereignisse geht. So war das auch in diesem Fall bei der Eurowette, Kunden haben uns angesprochen und gesagt: Greift doch diese Thematik mal auf und bietet Szenarien an. Schließlich sind wir und auch unsere Buchmacher politisch interessierte Menschen.

Zu Beginn des Spiels hatten Sie auch eine Wette im Angebot, die lautete: „Wo scheidet Griechenland zuerst aus – aus der Fußball-EM oder aus der Euro-Zone?“ Finden Sie es nicht zynisch, mit so etwas Geld zu verdienen?

Nein, zynisch ist es, wenn Regierungen in Hinterzimmern über Sparpakete und Rettungsschirme entscheiden. Sie spielen dabei mit Steuergeldern und der Zukunft ihrer Bürger – und das vollkommen intransparent. Im Gegensatz zu den politischen Entscheidungen lässt das Spiel dem Kunden die Wahl, wie viel Geld er auf welche Szenarien setzen will. Unsere Kunden sind mündige Menschen und nehmen freiwillig teil. Die grundlegende Idee des Spiels besteht darin, es auch dem normalen Bürger zu ermöglichen, seine Einschätzungen abzugeben.

Ihre Buchmacher passen ihre Gewinnquoten stetig an aktuelle Entwicklungen an. Wie schätzen Sie die Lage im Euroraum derzeit ein?

46, ist seit 2007 Chefin des operativen Geschäftsbereichs der Interwetten Gruppe. Die studierte Soziologin und Politikwissenschaftlerin organisiert die Lizenzierung der Wetten in europäischen Märkten, sowie die Einhaltung der Standards der European Gaming and Betting Association (EGBA).

Zunächst einmal möchte ich klar stellen, dass die Quoten unserer Buchmacher keine Aussagen über die Lage des Euroraumes zulassen und das auch gar nicht sollen. Natürlich richten wir unsere Einschätzungen auch nach Fakten aus, etwa nach Annahmen, dass manche Länder finanziell besser da stehen als andere. Doch bei aller Analyse wollen wir kein politisches Signal aussenden: „Euro-Spezial“ ist und bleibt ein Spiel.

Deshalb haben wir zu Beginn der Wette eine 50:50 Wahrscheinlichkeit für den langfristigen Verbleib Griechenlands in der Eurozone ausgegeben. Wie bei jeder Sportwette, passen wir unsere Gewinnquoten – also den Faktor, um den sich der Einsatz für einen Kunden im Gewinnfall erhöht – unter anderem dem Wettverhalten der Kunden an. Je mehr Kunden auf ein Ereignis setzen, desto geringer setzt der Buchmacher die Gewinnquote an. Die Einschätzungen der Kunden haben in dem Fall also konkrete Auswirkungen.

Nach was richten sich die Buchmacher sonst noch aus, spielen auch Finanzmarkt-Aspekte eine Rolle?

Das „Euro-Spezial“ von Interwetten ist seit zwei Wochen online; Die Fragen beziehen sich auf die Entwicklung der Eurozone generell und insbesondere auf Griechenlands Perspektiven.

Interwetten gibt es seit 1990, seit 1997 bietet die österreichische Wettgesellschaft ihre Wetten online an und war damit eine der ersten Wettplattformen im Netz.

Interwetten generiert seine jährlichen Umsätze von 300 bis 350 Millionen Euro hauptsächlich mit Sportwetten, das Unternehmen ist als Sponsor von Sportvereinen wie etwa dem FC Sevilla aktiv.

Wir verfolgen die Nachrichtenlage, die politischen Entwicklungen und Gipfeltreffen in Griechenland und ganz Europa, Up- und Downgrades durch Ratingagenturen, Börsenkurse. Doch wenn etwas Entscheidendes geschieht, spüren wir das vor allem am veränderten Tippverhalten unserer Kunden. Mit dem Euro-Spezial sprechen wir überdurchschnittlich viele politisch interessierte Wettspieler an. Obwohl die Gesellschaftswette nicht unser Kerngeschäft ausmacht, ist die Nachfrage gut. Und diese Menschen verfolgen natürlich auch die politischen Entwicklungen und tippen entsprechend.

Und wie lange geben die Kunden Griechenland noch in der Eurozone?

Wir haben dazu zwei mögliche Wetten geschaltet, die Kunden können jeweils tippen, ob Griechenland am 1. September dieses Jahres und am 1. Januar 2013 noch in der Eurozone sein wird. Während die meisten Leute Griechenland bis September noch als Mitglied sehen, sind sie für Januar schon pessimistisch. Langfristig glaubt die Mehrheit also tatsächlich an einen Austritt des Landes – wobei das natürlich keine Rückschlüsse auf die öffentliche Meinung in Europa zulässt.

Im Netz ist das Prinzip des Crowd-Sourcing, dem gemeinsamen Sammeln von Informationen, ein beliebtes Mittel, um zu neuen Erkenntnissen zu kommen – funktioniert ihr Online-Wettspiel ähnlich?

Bei den Wettereignissen, die angeboten werden, kann das Ergebnis nie vorausgesagt werden. Natürlich kann die Masse Recht behalten, genauso gut kann sie aber irren. Das kommt nicht selten vor, so glaubten etwa kürzlich vor dem EM-Vorrundenspiel Dänemark/Niederlande alle, dass die Niederlande auf jeden Fall gewinnen, am Ende siegte aber der Außenseiter. Dennoch sind das Tipp-Verhalten und die Hintergründe unserer Kunden sehr interessant – beim Euro-Spezial überraschte uns etwa, dass knapp die Hälfte der Spieler aus Griechenland stammen.

Die Leute spekulieren also über die Zukunft ihres eigenen Landes?

Ich würde es nicht als Spekulation bezeichnen. Es ist eher ein Akt der Meinungsäußerung von genau denjenigen, die direkt betroffen sind. Dabei ist die Wette natürlich eine Form, die zeigt, dass man noch nicht den Humor verloren hat. Außerdem ist Wetten in Griechenland sozusagen ein Volkssport, die Mittelmeeranrainer spielen für ihr Leben gern. Insofern könnte man sogar so weit gehen zu sagen, dass die Griechen sich in der Krise noch ein Stück Alltag bewahren, dass auch Entertainement weiterhin gefragt ist.

Wenn die Wettfrage lautete: „Welcher Politiker wird die Eurozone retten – Angela Merkel, Francois Hollande oder Maria Fekter?“, auf wen würden Sie tippen?

Es wird auf gar keinen Fall ein Alleingang werden. Solange einzelne Staaten diese Krise als Partisanenkrieg missinterpretieren, kommen wir nirgendwo hin. Angela Merkel kann nicht allein, Francois Hollande genauso wenig. Es muss endlich ein Gleichgewicht zwischen sozialer Sicherheit und Einsparbemühungen geben, das alle Staaten mittragen können.

Ich sehe die Krise mit großer Besorgnis. Im Zusammenhang mit unserem Geschäft reise ich viel und habe die Eurozone dabei immer als einen Raum empfunden, der vieles einfacher macht, Möglichkeiten und Chancen bietet. Das werden wir nicht erhalten können, ohne dass alle ihren Beitrag leisten und Kompromisse machen, auch Staaten wie Österreich oder Deutschland.

 

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