Mit Tranströmer lernten wir, dass es lebendige Dichtung gibt, die etwas zu sagen hat, die uns etwas sagen kann. Für sein exzellentes Werk bekam er den Literaturnobelpreis. Zu Recht.von DANIELA SEEL

Pressekonferenz im Wohnzimmer: Tomas Tranströmer nach der Verkündung. Bild: dpa
Zum ersten Mal auf Tomas Tranströmer aufmerksam wurde ich 1998. Jan Böttcher kam gerade aus Stockholm zurück und steckte junge Berliner Dichterinnen und Autoren reihenweise mit seiner Begeisterung an. Und einen wie Tranströmer, diesen sanftmütig Aufbegehrenden, der ohne Dogmen danach fragte, wie man gut miteinander umgehen kann, konnten wir dringend gebrauchen.
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Denn nach dem allgemein ausgerufenen Ende der Utopien, nach 16 Jahren Helmut Kohl, suchten wir nach neuen Sichtweisen, nach dem vielleicht nur ganz kleinen Hebel, um selbst etwas zu bewegen.
Während wir tagsüber die Universität bestreikten, gegen Schöhnbohmsche und "verkantherte Innenpolitik" demonstrierten, mit Schlingensief für die "Chance 2000" kämpften, Reclaim the Streets feierten, mit Jan Böttcher "Ich will nie wieder gesellschaftsfähig sein" sangen, lasen wir einen endlosen Sommer lang immer und immer wieder die Gedichte von Tranströmer.
DANIELA SEEL, Jahrgang 1974, ist eine deutsche Lyrikerin, Übersetzerin, Lektorin und Verlegerin von kookbooks (Idstein und Berlin).
Zeilen wie diese, an denen wir dichten übten, und uns auszurichten: "Das forschende Auge verwandelt die Sonnenstrahlen in Polizeiknüppel. / Und abends: der Lärm von einem Fest in der Wohnung darunter / schießt hoch wie unwirkliche Blumen durch den Fußboden".
Mit Tranströmer lernten wir auch, dass es lebendige Dichtung gibt, die etwas zu sagen hat, die uns etwas sagen kann. Dass Lyrik nichts Historisches, heute nicht mehr Ernstzunehmendes ist. "Die Mutlosigkeit unterbricht ihren Lauf." Zeilen, die man anwenden konnte, die einem beim Denken halfen, weil sie nicht einfach nur Beobachtbares wiedererzählen, sondern umdeuten, ineinander überführen: "Der Binnensee ist ein Fenster zur Erde."
Über die Jahre wurde mir Tranströmers Poetik fremder. Wenn ich heute seine Bücher lese, erscheint mir manches zu stillgestellt, zu vereinfacht; vermisse ich eine Prise Wildheit in Versstrukturen, Bildern oder Wortschatz. Aber auch um das sehen zu können, habe ich wohl zuerst die Lektüre seiner Gedichte gebraucht.
Vielleicht ist es, so gesehen, nicht übertrieben zu sagen, dass Tranströmer auf unterschwellige Weise einer der heimlichen Schutzpatrone der jungen wilden Dichtung und Szene ist, die es im deutschsprachigen Raum, vor allem in Berlin, mittlerweile gibt.
Und nachdem die Akademie so lange geflissentlich an der dänischen Jahrhundertdichterin Inger Christensen vorbei entschieden hat, bleibt nur eines: von Herzen zu gratulieren! Für die Dichtung, für ein dezentes, exzellentes Werk.
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