Vor 200 Jahren wurde Friedrich Hecker geboren. Mit seinem Aprilaufstand wollte der Revoluzzer die Demokratie in Deutschland mit Waffengewalt erzwingen.von Klaus-Peter Klingelschmitt

Der Mann, der zu einem deutschen Mythos werden sollte: Friedrich Hecker. Bild: dpa
Der Mann, der zu einem deutschen Mythos werden sollte, wurde am 28. September vor 200 Jahren im nordbadischen Eichterheim in eine Beamtenfamilie hineingeboren. Mit 36 Jahren, in der deutschen Revolution von 1848, war er einer der Anführer der Republikaner, ein Aufständischer gegen die Bestrebungen der Liberalen, sich mit den schon besiegt geglaubten Fürsten Splitterdeutschlands zu arrangieren: der Advokat und badische Kammerabgeordnete Friedrich Franz Karl Hecker.
"Selten war ein Mann so populär wie Hecker, und das dauerte noch Jahre nach dem Heckerzug fort. Noch Anfang der 1860er Jahre sah ich bei den Schwarzwälder Bauern und in der Umgebung von Freiburg zahlreiche Heckerbüsten und Heckerbilder", schrieb der sozialdemokratische Journalist Wilhelm Blos 1891.
Im April 1848 führte "der Hecker" ein republikanisch-demokratisches Kontingent revoltierender Bauern, Arbeiter, Handwerker und Intellektueller gegen die großherzogliche badische Residenz Karlsruhe. Deren Eroberung sollte einen "Flächenbrand in ganz Deutschland" (Hecker) auslösen und schließlich in der Ausrufung einer Republik nach amerikanischem Vorbild gipfeln. Doch Hecker scheiterte.
Denn die mit dem Segen des Fünfzigerausschusses, der die Paulskirchenversammlung vorbereiten sollte, gegen die Heckerschen in Marsch gesetzten Soldaten aus Hessen und Württemberg liefen am 20. April bei Kandern in Südbaden, dem Ort des ersten und letzten Scharmützels des "Heckerzuges", einfach nicht über, wie von Hecker erhofft. Republikanische Hilfstruppen hatten sich bei einsetzendem Schneefall zudem im Schwarzwald verirrt.
Und das von Georg Herwegh geführte, 5.000 Mann starke republikanische Exilantenheer aus Frankreich stand untätig am Rhein, weil Hecker glaubte, es allen allein zeigen zu können: in Überschätzung seiner militärischen Möglichkeiten und in Unterschätzung der Schlagkraft sowie des Kadavergehorsams der gegnerischen Truppen, die von Friedrich von Gagern - dem Bruder des Chefs der konstitutionellen Monarchisten in der Paulskirche, Heinrich von Gagern - befehligt wurden.
Den Friedrich immerhin schossen die Heckerschen Scharfschützen schon bei Beginn der Kampfhandlungen vom Pferd. "Was? Deutsche Brüder wollt ihr sein? Gesindel seid ihr! Blut muss fließen!", soll er zuvor seine - immerhin! - zögernden Soldaten beschimpft und "eine Pistol'" gegen die erste Linie des Freischaren abgeschossen haben, schrieb Theodor Mögling, einer aus den Reihen der Heckerschen, in seinen "Erlebnissen während der badischen Schilderhebung der deutschen Republikaner im März/April 1848". Auch Hecker selbst bezeugt das: "Als dies [das Zögern der Soldaten] bemerkt wurde, ritt Gagern vor. Mehrere Offiziere begaben sich gleichfalls vor. Die Soldaten traten in ihre Reihen zurück, nachdem Gagern ihnen etwas zugerufen hatte." Bei dem Gefecht fielen neben von Gagern zehn Republikaner und ein Unteroffizier der Hessen.
Was alles wäre Deutschland, Europa und der Welt vielleicht erspart geblieben, wenn sich 1848 nicht die konstitutionellen Monarchisten, sondern die Demokraten um Hecker und Gustav Struve - Herz und Hirn der Revolution im Südwesten - durchgesetzt hätten? Wenn Heckers Plan aufgegangen und die Soldaten dem Royalistengeneral tatsächlich von der Fahne gegangen wären? Wenn die Juden in Deutschland schon 1848 allen anderen Religionsgemeinschaften gleichgestellt und alle Berufsverbote für sie aufgehoben worden wären, wie von Hecker und anderen Republikanern und Demokraten nachdrücklich gefordert? Schwer vorstellbar, dass es nach der Installation einer "Freien Deutschen Demokratischen Republik" Mitte des 19. Jahrhunderts noch einmal zu nationalem Wahn - wie dann im Zweiten Kaiserreich (ab 1871) - oder gar zu völkermörderischem, antisemitischen Nationalsozialismus gekommen wäre.
Mitverantwortung dafür, dass die deutsche Geschichte den ganz anderen Verlauf nahm, tragen die Bewegungs- und Biedermänner um Heinrich von Gagern, die nach den siegreichen Barrikadenkämpfen des Volkes in Berlin, Dresden, Wien und anderswo parlamentarische Revolutionäre hätten sein können und müssen. Doch bei dem Gedanken daran, "dass ihnen die Weltgeschichte eine Rolle zugewiesen hatte, wie 1789 den französischen Delegierten im Konvent", erschraken die "liberalen Leisetreter" (Hecker) nur heftig und verbündeten sich rasch mit den alten Mächten. Dass dann gerade die Strategie der Anbiederei das denkbar bitterste Ende provozierte, ist Teil der tragischen deutschen Historie.
Heckers Niederlage bei Kandern war der Anfang vom Ende der Revolution. Ein Jahr später marschierte die Reaktion und fegte die erste deutsche konstitutionelle Republik hinweg. Hecker war nach dem Gefecht zunächst in die Schweiz und dann in die USA, seinem republikanischem Ideal, geflüchtet. Die Familie von Gagern hatte zu seiner Ergreifung ein Kopfgeld ausgelobt. In den Staaten arbeitete er als Anwalt und focht später als Offizier der Nordarmee gegen die Sklavenhalterstaaten im Süden. Hecker starb 1881 in St. Louis.
Nicht die acht Tage des "Heckerzuges", so romantisch verklärt sie oft auch aufbereitet wurden ("Das ist der alte Hecker, / der radikale Hund, / der hat ein lautes Schießgewehr, / das spricht ihm nach dem Mund.", Neues Lied vom alten Hecker, Freiburg 1973), sichern Hecker einen Platz im Buch der deutschen Geschichte; sondern sein kontinuierliches Werben für Demokratie und Republik als Mitglied der Zweiten Badischen Kammer und dann auch des Vorparlaments zur Vorbereitung der Nationalversammlung in Frankfurt am Main.
Konsequent bis zum (Volks-)Aufstand - der Sprung über den Kleinbürgerschatten - vertrat er den einzigen zukunftsträchtigen Verfassungsentwurf der beiden Revolutionsjahre: "Am zweiten Tag (des Vorparlaments) hielt Hecker eine gewaltige Rede zugunsten der zu schaffenden unteilbaren deutschen Republik. Hecker, eine einnehmende Gestalt mit langem wallenden Haar und einer glänzenden Rednergabe, machte ungeheueren Eindruck (Arnold Duckwitz, "Denkwürdigkeiten aus meinem öffentlichen Leben", 1848/49).
Karl Marx hat Hecker vorgeworfen, sich "pathetisch" zu verhalten: "Hecker erwartet alles von dem magischen Wirken einzelner Persönlichkeiten. Wir erwarten alles von den Kollisionen, die aus den ökonomischen Verhältnissen hervorgehen. […] Die eigentliche Opposition beginnt erst in der tricoloren Republik!" Doch die Historie nimmt oft erstaunliche Umwege. Im Mai 1849 kämpfte Friedrich Engels zusammen mit badischen Freischärlern um die Reichsverfassung und gegen die von Preußen angeführte Reaktion. Die Bourgeoisie hatte eben nicht - wie von Marx und Engels erhofft - die alte Kaste gestürzt, sondern sich mit ihr verbrüdert, die "proletarische Revolution" (Marx/Engels) war bis auf weiteres außer Sichtweite. Und Marx emigrierte nach England.
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Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare
29.09.2011 12:11 | Oliver
Endlich mal ein Artikel, der nicht in die Lobhudelei auf die "tolle" Paulskirche und ihre "großartigen" Errungenschaften ei ...
29.09.2011 08:01 | Christine
Nur zur Erinnerung der deutschen liebster Reformer Martin Luther:„wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern ...
28.09.2011 16:04 | Falk
Geboren in Echtersheim, nicht Eichterheim!