Zwangsverwaltung in kurdischen Städten

Jungsein in Diyarbakır

Nach Jahren der Kämpfe im kurdischen Südosten der Türkei haben die Jugendlichen genug. Wie arrangieren sie sich mit dem Alltag in der zwangsverwalteten Stadt?

Bogenschießen auf dem Jugendfestival in Diyarbakır Foto: Figen Güneş

Der Gymnasiast Serhat Korkmaz spannt den Bogen, kneift das linke Auge zusammen, visiert das Ziel an und schießt: getroffen! Als der Sechzehnjährige von dem Jugendfestival im südosttürkischen Diyarbakır hörte, kam er ganz allein aus seinem rund 100 Kilometer entfernten Heimatort Hani hierher.

Bei der Anreise sei er sieben Mal von Polizei gestoppt worden, sagt Korkmaz, immer sei sein Ausweis geprüft worden. Bevor er durch die Polizeikontrolle am Eingang zum Festivalplatz ging, habe er seinen Schal in den kurdischen Farben Grün-Gelb-Rot in einem Geschäft in der Nähe abgelegt. „Ich wollte nicht, dass es Probleme gibt. In unserem Landkreis werden wir täglich von der Polizei durchsucht. Sie wollen uns vor uns selber beschützen. Wir haben uns daran gewöhnt, aber es stört mich trotzdem.“

Zwei Jahre sind seit den militärischen Auseinandersetzungen in den kurdischen Gebieten im Südosten der Türkei vergangen. Doch die Folgen der Ausgangssperren sind noch heute zu spüren. In diesem Jahr fand das Jugendfestival zum ersten Mal wieder statt – unter anderen Voraussetzungen: Auf dem Festival waren diesmal vor allem islamistisch ausgerichtete Stiftungen und Vereine dabei, die das „Türkentum“ betonen. Das Festival gehört zu den wenigen Aktivitäten, die den Jugendlichen von Diyarbakır geblieben sind. Zu den Hauptsponsoren gehört die Bogensportstiftung, die den bei den Osmanen beliebten Sport wiederbeleben will.

Zum Festival ist auch der Produktberater Ahmet Dağ angereist, er promotet für die Stiftung Bogensportzubehör aus osmanischer Zeit. In der Stiftung herrsche eine Art „Klostermentalität“, sagt er: „Es gibt Gebetsräume, eine Bibliothek, Koran- und Kalligraphiekurse. Früher bewarfen die Jungs Autos auf der Straße mit Steinen, jetzt kommen sie in unser Kloster und schießen mit Pfeilen.“

Die jungen Männer langweilen sich

Nach dem Bogenschießen läuft Serhat Korkmaz weiter über den Festivalplatz. Er schaut sich den Stand der Ensar-Stiftung an. 2016 geriet die Ensar-Stiftung wegen Kindesmissbrauchs in ihren Wohnheimen in die Schlagzeilen. Davon abgesehen steht sie in der Kritik, den Islam zu instrumentalisieren und das ganze Land religiös erziehen zu wollen. Gleich nebenan, am Stand des Magazins „15. Juli“ (Datum des Putschversuches 2016, Anm.d.Red.) hängt ein Plakat mit der Aufschrift: „Für die Liebe zu Nation und Vaterland“.

Korkmaz starrt verblüfft eine Soldatenattrappe in Uniform und mit Waffe vor dem Stand an. Im Nu ist die Figur von einer Gruppe etwa 20-jähriger Männer umringt, sie stellen sich auf die Zehenspitzen und traktieren den Soldaten mit Ohrfeigen. Als der Standmitarbeiter einschreitet, laufen sie lachend auseinander.

Sein Vater, sagt Korkmaz, sitze nach einer anonymen Anzeige „wegen seiner politischen Meinung“ seit vier Monaten im Gefängnis. Deshalb hat er beschlossen, nach dem Abitur Jura zu studieren. Als Anwalt, so meint er, kann er am meisten für die Menschen tun: „Wir leben in einem Land, in dem es keine Gerechtigkeit gibt. Zwölf Leute in meiner Klasse wollen Jura studieren.“

Er stehe ständig unter Spannung, sagt Korkmaz. Auch in der Schule könne er nicht offen sagen, was er denkt. Ihn stört, dass auf dem Festival keine Künstler*innen aus der Region auftreten. Als er einen Mitschüler trifft, setzen die beiden sich auf den Rasenhügel hinter der Konzertbühne und scherzen auf Kurdisch. Die jungen Männer in der Gruppe sagen, dass sie sich auf dem Festival langweilen.

Kurdische Zeitungen sind nicht erlaubt

Das Jugendfestival macht deutlich, wie sehr sich der Lebensbereich der Jugend und ihre Möglichkeiten, sich draußen mit Freunden zu treffen, gewandelt haben, seit die von der HDP regierten Kommunen in der Provinz Diyarbakır unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt wurden. In Diyarbakır wurden die meisten zivilgesellschaftlichen Organisationen und die Volksräte geschlossen, in denen die Jugend zusammenkam und sich politisierte.

Auf dem Platz vor dem Gebäude des ehemaligen Kongresses der demokratischen Gesellschaft (DTK), bekannt als „Yüksek Kahve“ (Hohes Café), traf man sich früher, hockte auf den Schemeln vor den Cafés, schlürfte geschmuggelten Tee, las alle möglichen Zeitungen und redete über Politik. Heute laufen auf den Bildschirmen in den Cafés nur noch türkische Mainstreamsender. Aus dem Fernsehen tönt die Stimme des Staatspräsidenten über den Platz. Die Café-Betreiber erklären, die Polizei erlaube keine kurdischen Zeitungen und lasse sie von den Tischen räumen.

Der Buchhändler im DTK-Gebäude verkaufte bis vor kurzem Bücher über linke Themen oder den Glauben der Zarathustrier, über alternative kurdische Geschichte und Revolution. Jetzt sitzt in seinen Räumen das örtliche „Millet Kıraathanesi“, das sogenannte Volks-Lesecafé. Vor den Wahlen am 24. Juni hatte Erdoğan die Einrichtung dieser Volks-Lesecafés verkündet und dafür gesorgt, dass sie sogleich in mehreren Provinzen eröffneten. Für manche sind diese Einrichtungen ein idealer Ort, um sich in Ruhe auf Prüfungen vorzubereiten.

Im Lesecafé gibt es Wasser, Kaffee und Tee gratis

İbrahim Kaya findet es gut, dass es in Diyarbakır nun ein Lesecafé gibt. Der 25-Jährige schloss im letzten Jahr die Abteilung Erste Hilfe und Nothilfe an einer Istanbuler Hochschule ab, jetzt lernt er für die Aufnahmeprüfung in den Öffentlichen Dienst. Er erzählt, warum er gern hier lernt: „Hier gibt es Wasser, Kaffee, Tee und Kuchen gratis. Ich lerne hier, um Beamter zu werden, andere junge Leute kommen zum Lesen her.“

In beiden Etagen des Volks-Lesecafés füllen Bücher mit islamischen Themen die Regale, hier herrscht den ganzen Tag über Hochbetrieb. Kaya sagt: „Es werden nur bestimmte Bücher angeboten, damit die Jugend nicht vom Weg abkommt. Hier hält man vor allem Bücher vor, die das Land braucht, Klassiker der Weltliteratur und islamische Werke.“

Kaya lernt jeden Tag rund zehn Stunden für die Prüfung, nachts arbeitet er im alten Tabakmarkt der Stadt als Wachmann. Seiner Meinung nach wurde Diyarbakır nach dem Ende der Kämpfe in der Stadt „freier“. Während der heißen Phase habe es oft Kämpfe in den Straßen gegeben, da fühlte er sich nicht sicher und bekam häufig Tränengas ab.

Auch in der Zeit der Kämpfe habe das kommunale Kulturzentrum Cegerxwîn seine sozialen Aktivitäten und Veranstaltungen fortgesetzt, sagt Roj Esir Girasun vom Diyarbakırer Umfrageinstitut Rawest. Dann aber seien die Zwangsverwalter eingesetzt worden und mit der Umstrukturierung der Kommunalverwaltungen waren die Aktivitäten „wie mit dem Messer abgeschnitten“: „Vor der Zwangsverwaltung gab es in Diyarbakır beispielsweise das Ekin-Ceren-Frauenzentrum. Frauen betrieben dort kooperativ ein Café, alle Einnahmen teilten sie unter sich auf. Jetzt wurde das Haus in ein Tügva-Zentrum umgewandelt.“ Tügva ist die staatlich unterstützte islamische Jugendstiftung.

Die kurdische Jugend hat genug von der Gewalt

Girasun beobachtet seit diesem Wandel Politikverdrossenheit in der kurdischen Jugend, die sie auf Distanz zur Politik gehen lasse: „Die jungen Leute haben in Sur ungeheure Zerstörungen mitangesehen, sie haben Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit erlebt, haben in einer Phase, als alles hoch politisch und voller Hoffnung war, gesehen, wie Angehörige getötet oder verhaftet wurden.“ Aus Angst vor Entlassungen, Ermittlungen oder polizeilicher Registrierung seien in der Zeit danach die Familien genau wie die Jugendlichen apolitisch geworden.

Eine Erhebung des Umfrageinstituts Rawest stützt diese These. Rawest hat in Diyarbakır, Van, Mardin und Şanlıurfa, den vier großen Provinzen der Region, Umfragen und Interviews mit rund 600 Angehörigen der Altersgruppe 17 bis 30 durchgeführt. Die unter Dreißigjährigen stellen die Bevölkerungsmehrheit in der Region. Girasun sagt zu den Ergebnissen:

„Im Verhältnis zur Vorgängergeneration ist die kurdische Jugend heute weniger radikal und mehr darauf bedacht, sich zu arrangieren und zu integrieren. Sie distanzieren sich stärker von Gewalt und wollen vor allem, dass der Weg für demokratische Politik geebnet wird. Sie sind genervt und verbittert, weil sie soviel Gewalt erleben mussten.“

Die Jugendlichen von Diyarbakır sind nach Jahren der gewaltsamen Auseinandersetzungen müde. In der zwangsverwalteten Stadt versuchen sie, sich mit dem Alltag zu arrangieren. Der Schüler Serhat Korkmaz verlässt den Festivalplatz und steigt zur Heimfahrt in den Bus. Wieder hat er 100 Kilometer vor sich in sein Städtchen Hani, das am Kreuzungspunkt einer Ebene mit dem Gebirge liegt.

Nachdem ihr Haus in den 1990er Jahren durch Kanonen der türkischen Armee zerstört worden war, zog die Familie einen Kilometer entfernt in ein neues. Korkmaz sagt, auch dort hätten sie keine Ruhe gehabt, solange er denken kann. Er hat sein Vertrauen in den Frieden verloren. „Wir haben die Nase voll von der Gewalt, ja“, sagt er. „Aber immer, wenn wir die Hand zum Frieden reichen, versuchen sie, uns die Hand abzuschneiden.“

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe

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