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Es ist vollbracht!

Das ist Dutschke

"Er tanzte nicht gut" - Kurzstatements über Rudi Dutschke

WALTER JENS, 81, Literaturwissenschaftler in Tübingen:

"Dutschke war ein friedliebender, zutiefst jesuanischer Mensch. Was er damals gefordert hat - eine friedliche Weltbewegung -, ist heute drängender denn je. Ob diese nun Attac oder anders heißt, wir brauchen diese Gegenströmung in diesen Zeiten eines aggressiven Amerika. Dutschke war ein tief religiöser Mensch, und er wusste, auf welcher Seite sein Herr Jesus steht. Es glaubt doch wohl niemand, dass Jesus auf die Frage 'Sollen wir die Atombombe werfen?' mit Ja geantwortet hätte. Genau diese Frage hat Dutschke gestellt, und er hat sie mit 'Nein' beantwortet. Mit seiner tiefen Friedfertigkeit war er vielen Menschen zuwider. Das ging bis zu seiner schandhaften Hinrichtung. Für mich ist er einer der großen Nachkriegsdeutschen."

HELKE SANDER, Filmregisseurin, war 1968 im SDS-"Aktionsrat zur Befreiung der Frauen":

"Zu Dutschke fällt mir ein, dass er nicht gut tanzen konnte, meist freundlich, asketisch und gleichzeitig glühend war und ich eine ganze Menge von ihm gelernt habe über den Vietnamkrieg und Pressemanipulation, wenn mir auch seine Sprache zuwider war. Meiner Erinnerung nach stand er der im Januar 68 beginnenden Frauenbewegung freundlich-skeptisch gegenüber. Möglicherweise hätte er sich weniger borniert verhalten als manche seiner Genossen, als der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen zusammen mit den Kindergärtnerinnen zum 11. Juni 69 den Kindergärtnerinnenstreik vorbereiteten, an dem vor allem die Mütter, Arbeiterinnen und Angestellte, zu Hause bleiben wollten, um Berlin mal zu zeigen, das Frauen ganze Bereiche der Stadt lahm legen könnten, wenn sie wollten. In letzter Minute verhinderten die Gewerkschaften den Streik, und die auf die männlichen Arbeiter fixierten SDS-ler unterstützen die politisch unerfahrenen, aber politisch denkenden Frauen bis auf wenige Ausnahmen nicht. Ich glaube, dass sich Rudi da anders verhalten hätte."

OSKAR NEGT, 69, emeritierter Soziologie-Professor. War im Frankfurter SDS, 1998 im Wahlkampf Berater von Gerhard Schröder (SPD):

"Ganz abgesehen davon, dass wir heute sehr viele Alt-68er in der Regierung haben - ohne Rudi Dutschke und die mit seinem Namen verknüpfte Protestbewegung wäre diese Republik nicht so stabil, wie sie heute ist. Auf dem Höhepunkt der Konfrontation Staat/Terror der Baader-Meinhof-Gruppe bestand durchaus die Gefahr, dass die westdeutsche Demokratie umkippt. Dass die in der Protestbewegung praktizierten Öffentlichkeitsformen das Austragen von Konflikten ermöglichten, war nicht zuletzt Rudi Dutschkes Verdienst. Dieser kulturelle Konsens ist bis heute haltbar - trotz wieder verschärfter Anti-Terror-Gesetze und wachsender sozialer Spannungen."

JÜRGEN BUSCHE, 60, ist Autor. Zuvor war er unter anderem Chefredakteur der Badischen Zeitung und der Wochenpost. In den 70ern bei der FAZ:

"Die Studentenbewegung hatte einen Charismatiker: Rudi Dutschke. Als er zur ihr stieß, war das ein unglücklicher Tag für die Alt-Linken im SDS. Als er Mitte der 70er Jahre, mühsam genesen von dem Attentat, auf einer Vietnam-Kundgebung in Bonn sprach, hatten die Parteigänger der alten Linken schon wieder genug Organisationsmacht, um ihm den Auftritt schwer zu machen. Rudi Dutschke und die Studentenbewegung - das war ein Zwischenfall in der deutschen Geschichte. Es war ein Zwischenfall mit erheblichen Folgen, doch die Protagonisten fanden keine Fortsetzer in ihrem Geiste. Ein bewegender Name - doch je genauer man hinschaut, umso einsamer wird es um diesen Namen, wie bei Thomas Münzer, wie bei Georg Büchner. Nicht die Geschichte, die ist, sondern eine Geschichte, die war, ist mit dem Namen Rudi Dutschke verbunden. Aber die wird im Gedächtnis der Nachdenklichen bleiben."

HANS-CHRISTIAN STRÖBELE, 65, ist MdB (Die Grünen). In den 70ern war er RAF-Anwalt:

"An Rudi Dutschke denke ich heute dann, wenn mich jemand fragt, ob ich mich verändert habe oder mir selbst treu geblieben bin. Dann erinnere ich mich, dass ich mit der APO und Dutschke der Meinung war, die Atomkraft sei ein Segen für die Menschheit, sie könne ein besseres Leben für alle bringen. Diese scheinbar unendliche Energiequelle schien menschliche Arbeit zu einem Großteil verzichtbar zu machen. Dutschke war Visionär und redete von der Vision einer Gesellschaft, in der immer weniger gearbeitet werden muss. Erst die Antiatombewegung brachte ein Bewusstsein für die unverantwortbaren Risiken dieser Energie. Wir mussten radikal umdenken, auch Rudi, und haben uns der neuen Erkenntnis und Bewegung angeschlossen. Dutschke blieb seinen Prinzipien treu, war aber genauso bereit, Sichten zu Einzelfragen zu ändern, wenn sie sich als falsch herausstellten. Eine solche Haltung schätze ich an Menschen auch heute. Manchmal im Bundestag frage ich mich, ob er hier neben mir sitzen und welche Position er vertreten würde, wenn er noch lebte. Solche Gedanken kommen mir besonders dann, wenn ich mit Bedauern höre und sehe, wohin sich manche von all dem wegentwickelt haben, warum wir die Revolution machen wollten."

KLAUS-RAINER RÖHL, 76, Gründer von konkret, danach dasda. Zeitweise verheiratet mit Ulrike Meinhof. Dutschke war sein Autor:

"Rudi ist heute in der Erinnerung - all derer, die mit ihm an die Veränderbarkeit der Verhältnisse durch den "langen Marsch durch die Institutionen" geglaubt haben und für die das ein langer Marsch durch die Illusionen wurde. Am Ende des Marsches standen Schröder und Fischer. Noch Fragen? Rudi Dutschke nannte mich seinen Freund. Die meisten nannte er Genossen. Diese Freundschaft begann schon 1967, als er mich ermunterte, eine Reportage über die Politclowns der Kommune 1 zu schreiben, die er als schädlich betrachtete. Bei der großen Vietnamdiskussion in Berlin saßen sie abseits und zogen demonstrativ an einem Joint. Hasch macht dumm. Mit Rudi organisierte ich den ersten Antidrogenkongress der Linken 1972 in Hamburg: Sucht ist Flucht. Vor dem politischen Kampf. Feuer unterm Arsch verkürzt den langen Marsch!, reimten später die Anarchisten, und die RAF mordete. Mit Rudi versuchten wir in konkret und ab 1974 in dasda avanti die RAF zu isolieren. Sein viel zitiertes Wort am Grab von Holger Meins - "Holger, der Kampf geht weiter!" - wurde missverstanden. Es bedeutete, dass man den Kampf um eine bessere Welt ganz anders weiterführen müsse. Mit Rudi und Jochen Steffen begannen wir eine Diskussion "Die Linke und die nationale Frage". Rudi Dutschke, das kann man in diesen Aufsätzen nachlesen, dachte und fühlte national. Er stünde heute im Lager der demokratischen Rechten, die es in allen Parteien gibt."

BAHMAN NIRUMAND, 68, iranischer Exilant, demonstrierte mit Dutschke 1967 gegen den Schah:

"Wenn ich beobachte, wohin die Kampfgefährten von einst bei ihrem Marsch durch die Institutionen gelangt sind, wie sie berauscht von der ihnen in den Schoß gefallenen Macht, unter dem Vorwand von ,Sachzwängen' alles über Bord geworfen haben, was ihnen bis vor wenigen Jahren heilig zu sein schien, packt mich noch mehr die Sehnsucht nach Menschen, die auf die Barrikaden steigen und rufen: Nein, so nicht. Das ist nicht die Welt, für die wir gekämpft haben. Die geistig-politische Landschaft in Deutschland ist öde geworden. Es fehlt an Visionen, an langfristigen, bewegenden Ideen. Kaum einer unter den Intellektuellen wagt noch, seine Stimme zu erheben. Nichts kann die Angepassten mehr aus der Fassung bringen, ob das der Armutsbericht ist oder die deutsche Leitkultur, die Einschränkung demokratischer Freiheiten oder der enorme Waffenexport. Alles bleibt unwidersprochen. Wäre Rudi am Leben, er würde den Einheitsbrei, bei dem man die Akteure auf der politischen Bühne kaum noch unterscheiden kann, mächtig aufrühren und wieder Leben in diese muffige Bude bringen."

JUTTA DITFURTH, ökologische Linke, Autorin:

"Junge antiautoritäre antikapitalistische Linke könnten heute den sozialistischen Internationalisten Rudi Dutschke neu entdecken: als einen, der wie Hans-Jürgen Krahl zur Rekonstruktion marxistischer Theorie beitrug. Bei Rudi waren Theorie, Aktion und Organisation nicht zerrissen: "Der theoretische Lernprozess (...) wird zum repressiven Konsum, wenn er den Weg der praktischen Aktion nicht findet" (1967). Er konnte zuhören und auf hohem Niveau streiten. Rudi war es mit der sozialen Emanzipation aller Menschen ernst. Ihn für Regierungsinteressen vereinnahmen? Dutschke: "Die Nato ist die organisierte Zentrale des Imperialismus (...) zur Verhinderung der Emanzipation der produzierenden Massen" (1968)."

JÜRGEN TREULIEB hat mit Dutschke, seiner Frau Gretchen und seinem damals drei Monate alten Sohn Hosea während des Mordanschlags zusammengewohnt.

",Arbeitslosigkeit, ökologisches Problem und Menschenrechte', nennt Rudi Dutschke in einem Text von 1978 als Stichworte für die Notwendigkeit einer jenseits der SPD zu gründenden politischen Partei. Insofern ist er heute bei den politischen Gruppierungen, die sich um die Lösung dieser gesellschaftlichen Probleme bemühen, was nicht nur die Grünen als politische Partei meint, sondern zahlreiche Initiativen, die ihren politischen Kampf durch Selbstorganisation führen. Ich glaube auch, dass das konsequente Eintreten gegen Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien und vielen Ländern dieser Welt viel mit Rudi Dutschkes politischem Wirken und dem Neuaufbruch seiner Generation zu tun hat."

BERND BEGEMANN, 41, deutscher Popmusiker, schrieb den Song: "Liebe und Freiheit" (Josef Bachmann erzählt seine Geschichte und erteilt Rudi Dutschke eine bittere Lektion":

"wenn Aust UND Adorno finden, dass dir ein plan fehlt, dann musst du ihn besorgen. hat dutschke aber nicht gemacht, sondern mit leuchtenden augen dinge ,um ihrer selbst willen' getan, ein grundproblem des deutschen politischen idealismus. er hat es bestimmt gut gemeint. die bauarbeiter, also ,das zu befreiende individuum' (gott, was für ein widerlicher jargon - kann aus einer derart hässlichen sprache freiheit entstehen?), haben seine plakate runtergerissen. weil sie nicht fanden, dass er für sie sprach."

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