HAMBURG taz
Er ist wieder im Dienst, und er wirkt, als sei er nie weg gewesen: Joschka Fischer, der grüne Übervater, der zerfurchte Welterklärer, Bundesaußenminister a. D., der vertraut ist mit den Mächten und Mächtigen auf diesem Globus. "Sehr, sehr große Sorgen" umtrieben ihn vor allem, wenn er in den Nahen und Mittleren Osten blicke: "Ich sehe dunkle Wolken am südöstlichen Horizont, da baut sich eine starke Krise auf", orakelt Fischer.
Dennoch sichtlich entspannt und gut gelaunt erklärt der Mann, der in zwei rot-grünen Bundesregierungen Vizekanzler und Minister des Auswärtigen war, in seinem als "europapolitische Grundsatzrede" angekündigten Referat im Hamburger Rathaus am Dienstag den Weltenlauf. Zwei Stunden lang.
"Aus der Summe meiner Erfahrungen als Ihr langjähriger Außenminister und als überzeugter Europäer" breitet Fischer sich verbal aus. Die EU könne "die Staaten auf dem Westbalkan" nicht ausgrenzen. Dem "Hegemonialanspruch des Iran" müsse der Westen einschließlich der "amerikanischen Freunde" mit Diplomatie und wirtschaftlichem Druck begegnen.
Fischer ist ganz Staatsmann, wie er im Kaisersaal des Rathauses frei spricht zu einem 200-köpfigen Publikum, zu den Abgeordneten des Europaausschusses im Hamburger Feierabend-Parlament. Die haben ihn als krönenden Abschluss der Europawoche in die Hansestadt eingeladen, um endlich mal erklärt zu bekommen, was südlich der Elbe so los ist.
"Wenn meine Analyse zutreffend ist …", sagt Fischer insgesamt siebenmal. "Dann" schade jede "künstliche Trennung in Europa" dem "strategischen Interesse" Deutschlands und der EU an Frieden und Sicherheit. Deshalb müsse selbst für die Ukraine, Weißrussland und Moldawien "die Tür zum Beitritt offen" sein. "Dann" müsse die Türkei "ins Zentrum unserer Sicherheitsstrategie" gegen die islamischen Staaten rücken.
Umso wichtiger sei das angesichts der "militärischen Nuklearisierung des Iran", an der er "keinen Zweifel" habe. "Und dann" stehe die Existenz Israels in Frage. "Ein Flächenbrand" drohe am östlichen Mittelmeer, und der sei "nur lösbar mit einer europäischen Sicherheitspolitik zusammen mit der Türkei".
Fischer wäre nicht der Alte, würde er nicht auch den Zusammenhang herstellen zwischen "der ökologisch und ökonomisch so wichtigen Windkraft hier bei Ihnen in Norddeutschland" und der Industrialisierung Chinas und Indiens. "Zu einem zweiten Tschernobyl" im Fernen Osten werde der leider "mit Atomkraft gedeckte" Energiebedarf der "neuen Mega-Ökonomien" führen, prophezeit Fischer. "Und dann" werde die Nachfrage nach "dem deutschen Exportschlager regenerative Energieerzeugung" in ungeahnte Höhen schnellen. Zum Wohle der EU, Deutschlands, Norddeutschlands.
Wie der Bundesaußenminister a. D. das so sagt, klingt es nicht einmal zynisch. Nur erschreckend zwangsläufig.
SVEN-MICHAEL VEIT
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