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Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung meine Kritik an deutschen Reaktionen auf "Die Wohlgesinnten". Das ist zu differenzieren. Nicht alle Rezensenten halten Littell für einen schlechten Schriftsteller, wie Iris Radisch in der Zeit: ein "Idiot", der "nichts Neues" biete, uns aber mit pornografischen Gymnasiastenfantasien verfolge.]]>
Neuen Züricher Zeitung (22. 2.). Wolfgang Schneider, Deutschlandradio (24. 2.) in der bisher ausführlichsten Besprechung überhaupt, findet es notwendig, sich "auf die Gedankengänge der Überzeugungstäter" einzulassen; er resümiert: "Geschickt operiert Littell auf einer Grenzlinie. Max Aue gehört einerseits zur SS-Elite, ist uns andererseits aber nahe genug für die Lektüre-Identifikation. Er ist umgeben von SS-Leuten, die bornierte Unsympathen oder Fanatiker sind. Oft kommt es zu Streitigkeiten - und in diesem Zusammenhang schlagen wir uns beim Lesen unweigerlich auf Aues Seite." Das habe ich ebenso empfunden.]]>
verboten nicht Tagesschau heißen darf.)]]>
FAS (16. 2.): "Ein Horrorbuch, grauenhaft, kitschig, brutal, pervers und obszön … ich hasste dieses Buch vom ersten Satz an"; der am Schluss aber schreibt: "Es ist fast unglaublich, dass nach all den Bildern, die man von diesen Schrecken sah, nach all den Filmen, die man kennt, den Büchern, die man gelesen hat, dass nach alldem immer noch eine tiefe Erschütterung und Verstörung möglich ist. J. Littell ist es gelungen, dass einem die Vergangenheit die Zähne ins Fleisch schlägt." Das tut es in der Tat, und es sind Giftzähne, sie schmerzen.]]>
Badische Zeitung (23. 2.): "Dieser Roman ist ein Monster. Eine unverschämte Zumutung"; um zu enden: "Man muss davon ausgehen, dass es Littell - im Namen der Toten, denen der Roman gewidmet ist - um Wahrheit zu tun ist. Ein großes Wort. Doch will man den Wohlgesinnten gerecht werden, sollte man es ernst nehmen". Wechselbad der Gefühle. "Es ist ein Geniestreich, und es ist der letzte Dreck" - der alte Haudegen Klaus Harpprecht. (Ähnlich Britta Bode in der WamS): "Es zeugt, in der Exaktheit der historischen Spurensuche, von einem immensen Fleiß und von einem energischen Willen zur Wahrheit, und dennoch ist es grundverlogen." Letzteres erklärt er nicht. Fügt aber an, dass Littell den Jungen mehr vom Horror des Krieges und der Vernichtung beibringe, als es "ganze Bibliotheken und das verknoppisierte Fernsehen" vermöchten.]]>
Les Temps Modernes und Enkel jüdischer Immigranten aus Osteuropa, zu Littells Buch verlaufen auf einer ähnlichen Linie. Mit jeder neueren Äußerung rückt Lanzmann weiter von seiner anfänglichen Verwerfung ab. Jorge Semprun, Fürsprecher von Littels Buch in der Jury zum Prix Goncourt, hatte leicht mokant angemerkt, Lanzmann habe nicht das Copyright auf die Schoah. Eine Formulierung, deren Berechtigung Lanzmanns indirekt bestätigt, wenn er sagt, "die beiden einzigen Menschen, die dieses Buch von A bis Z verstehen können, sind Raul Hilberg und ich" (FAZ, 28. 11. 06). Die beiden Einzigen, die die Schoah wirklich kennen; die die Arbeit ermessen können, die Littell in "Die Wohlgesinnten" gesteckt hat - und Hilberg ist nun tot, inzwischen.]]>
FAZ im Internet aufgemacht hat; eine erstmalige, verdienstvolle Einrichtung. Hubert Spiegel, Lorenz Jäger und Patrick Bahners formulierten vom 4. bis 22. Februar jeweils eine "Frage des Tages" zu Littells Roman: "Ein Holocaust-Roman unter vielen oder etwas ganz Neues? … Wie historisch ist Max Aue? War eine solche Figur im Dritten Reich möglich? … Fakten und Fiktionen - Ist der Roman der Geschichtsschreibung überlegen? … Wie ist der ungeheure Erfolg des Romans in Frankreich zu erklären? … Warum wird der Nationalsozialismus in der Kunst so oft sexualisiert?" usw., gestellt an eine Runde von Experten, die in lockerem Wechsel auf gutem Niveau antworteten; Leser konnten (und können: die Sache läuft noch) elektronisch kommentieren. Unter den Experten die Historiker Ulrich Herbert, Jörg Baberowski, Anselm Doering-Manteuffel, der Romanist Frank-Rutger Hausmann, der Germanist Helmut Kiesel, Zeitzeuge und Publizist Klaus Harpprecht, der Medientheoretiker Lutz Hachmeister und andere. Durch die Vielfalt der Fragen ergaben sich wechselnde Perspektiven.]]>
readingroom.faz.net/littell). Aus der Diskussion, die nun seit Herbst 2006 läuft, greife ich zwei Punkte heraus: das Verhältnis der Rezensenten zu Frankreich und zur Frage "Wie gut oder schlecht sind ,Die Wohlgesinnten' geschrieben" - "Ist das denn Literatur"?]]>
Spiegel eröffnete früh mit Frankreich-Skepsis: "Das Land, das seit vielen Jahren nur noch mittelmäßige Bücher hervorbringt, hat nach Michel Houellebecq einen neuen internationalen Star- und Skandalautor" (Nr. 46, 2006). Zunächst Lob: "Aus dem Gedächtnis des SS-Manns Aue sprudeln wie in einem gewaltigen Strom alle Fakten, die sich sein Schöpfer Littell jahrelang in Hunderten von Büchern angelesen hat - über das Reichssicherheitshauptamt, über die Einsatzgruppen im Osten, über den Betrieb der Konzentrationslager, über die Obessionen des Reichsführers Heinrich Himmler, zu dessen persönlichem Stab Aue ab 1943 gehört." Dann Tadel: "Die psychologische Umwandlung des gebildeten und belesenen, promovierten Akademikers Aue in einen kaltblütigen Massenmörder fehlt - und damit hat auch der Roman im Grunde sein Thema verpasst." Eine nachvollziehbare Psychologie Aues wäre nach Spiegel-Autor Romain Leick das Thema gewesen. "Kein Zweifel, Littell weiß unglaublich viel, aber er will auch alles, was er weiß, in diesen über ein Kilogramm schweren Roman stopfen. Sein Held ist auf allen Kriegsschauplätzen präsent (…), kennt alle Welt im Nazi-Reich und ist mit kollaborationistischen Schriftstellern in Frankreich wie Robert Brassillach und Lucien Rebatet bestens befreundet. Gerade das mache aus diesem Max Aue eine totale Kunstfigur, eine völlig ungeschichtliche Gestalt, so der deutsche Historiker Peter Schöttler." Man wirft dem Romanautor also vor, er habe eine Kunstfigur geschaffen. Die deswegen, so Schöttler, völlig ungeschichtlich sei.]]>
(Zeit, 14. 2.). Iris Radisch findet, "die Nachtgewächse des französischen akademischen Diskurses tragen nichts bei zur Lösung der schmerzhaften Frage, was genau unsere Großväter zu Mördern gemacht hat". Schmerzhaft, nichts für Nachtgewächs-Franzosen.]]>
Zeit und im Tagesspiegel, die NS-Zeit erklären wir Deutsche uns doch lieber selber" (WamS, 17. 2.). "Als fühle sich die deutsche Kritik von Littell enteignet", ergänzt Daniel Cohn-Bendit; ihrer schwer erarbeiteten Deutungshoheit beraubt.]]>
Funktional homosexuell]]>
Nicht psychologisiert]]>
Jonathan Littells Nazi-Roman "Die Wohlgesinnten" ist derzeit das meistdiskutierte Buch in Deutschland. Der deutsch-französische Politiker und Publizist Daniel Cohn-Bendit diskutiert an diesem Donnerstag (28. Februar, 20 Uhr) mit Littell im Berliner Ensemble in Berlin. In französischer Sprache. Die Veranstaltung ist der einzige öffentliche Auftritt des Schriftstellers in Deutschland. Littell geht auch nicht ins Fernsehen. Das Ziel der Veranstaltung? "Ich will nicht, dass Littell sich gegen die Literaturkritik rechtfertigen muss, ich will ihm eine Plattform geben, auf der er sich literarisch einordnet", sagte Cohn-Bendit der taz. Littells Bezugspunkt sei eben nicht nur die Realität, sondern auch die Literatur. Es gehe darum, Littells "literarische Position" zu bestimmen. "Die Wohlgesinnten" ist die fiktive Lebensbeichte des homosexuellen SS-Offiziers Max Aue, der seit 1943 dem persönlichen Stab von SS-Führer Heinrich Himmler angehört. Littell wurde 1967 in New York geboren und wuchs in Frankreich auf.]]>