: Immer hübsch und hip und cool sein
■ Stück über jugendlichen Cliquendruck: „Hexenkind“ am Theater Zeppelin
Was so gerne als Männlichkeitsritual bezeichnet wird, gibt es nicht nur unter Jungs. Die acht Mitglieder der Mädchenclique „Beutelratten“ stehen dem nicht nach. Um Aufnahme zu finden, muss Erith einen fetten Wurm schlucken. Doch auch mit dieser Mutprobe kommt sie nicht über ihren Außenseiterstatus weg. Als Waisenkind und irgendwie anders als die anderen hat sie besonders unter ihrer „neuen“ Schwester, ihrer Cousine Maika, zu leiden, die ihr das Leben schwer macht. In der Clique bilden sich Fronten. Sabine Middel entwickelte das Stück Hexenkind mit etwa einem Dutzend Mädchen zwischen elf und 14 Jahren, die es auch selbst im Zeppelin Theater aufführen. Themenwahl und Inhalt kommen maßgeblich von ihnen, ebenso wie die von Lisa von Drateln choreografierten HipHop-Einlagen. Auffällig authentisch wirken die Dialoge – Umschriften dessen, was die 27-jährige Regisseurin bei den Proben per Tonband festhielt.
Das Stückes entspringt der Arbeit mit Mädchen im Frauenhaus, das beim Zeppelin Theater um Unterstützung angefragt hatte. Für die seit vier Jahren hier tätige Pädagogikstudentin erwuchs daraus auch das Diplomthema: Im Zentrum steht die Frage, welche Auswirkungen das Theaterspielen auf Mädchen in der Pubertät hat. Dass dabei das Selbstbewusstsein wächst, wird bei den Akteurinnen deutlich. Auch dass sie sich verstärkt trauen, ihre Themen nach außen zu kehren: vom ersten Verliebtsein, obwohl Jungs als ätzend gelten; von der Angst die eigene Meinung zu sagen; vom Druck, cool, hübsch und hip sein zu müssen; von der Schwierigkeit, andere mit ihren Eigenarten gelten zu lassen. Im Stück münden Intoleranz und Gruppendruck in einem Gewaltakt. Spannend und folgerichtig, dass die jugendlichen Akteurinnen ausgerechnet der Phantasie als Gegenmittel zu psychischer Not und erlittener Brutalität höchsten Stellenwert einräumen.
2. und 3.Februar, je 18 Uhr, Theater Zeppelin, Kaiser-Friedrich-Ufer 27, Karten: 4223062
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen