: Geknickte Storchenbeine
Elendsroutine: In „Bridget“ (Wettbewerb) lässt Amos Kollek einmal mehr seine All-time-Hauptdarstellerin Anna Thomson relativ unglücklich durch das Leben straucheln
Sie nimmt das Baby unter den Arm und rennt, nur mit blonder Perücke und einem Bademantel bekleidet. Eine Kugel vom Mörder ihres Mannes hat auch sie getroffen. Doch bevor sie eine Telefonbox erreicht, erwischt die Arme auch noch ein Auto.
„Zwischen Höhepunkt und Tiefpunkt meines Lebens lagen 3 Minuten“, erzählt „Bridget“ aus dem Off, wie immer verkörpert von Anna Thomson. Mal heißen sie „Sue“ (1997), mal „Fiona“ (1998) – magere Geschöpfe mit großen blauen Augen, spiddeligen Armen und knochigen Händen, die aussehen wie Salatbesteck, auf irgendwelchen Tresen abgelegt: Frauen in Manhattan, die jeden Moment an Einsamkeit zugrunde zu gehen scheinen.
Amos Kollek, der Sohn von Jerusalem einstigen Bürgermeister Ted Kollek, schaut ihnen dabei zu. Manchmal unerträglich direkt. Fiona“ und „Sue“ stellen sich mit einem unüberhörbaren Trotzdem auf ihre Storchenbeine. Wenn schon längst nicht mehr für sich selbst, dann wenigstens für ein Kind oder eine Freundin, die noch ärger dran ist. „Bridget“ kämpft um ihren Sohn, den man ihr wegnahm, als sein Vater ermordet wurde und sie sich jede Nacht um den Verstand trank. „Bis alles sich endlich dreht und leicht wird“, und diesen Effekt will sie sich keinesfalls durch Nahrungsaufnahme versauen. Später kommt noch Pete, ein „Zurückgebliebener“, wie es so schön heißt, als Pflegefall hinzu. Petes Vater verspricht Bridget eine Million, wenn sie seinen Sohn heiratet und fünf Jahre bei ihm bleibt. Genug Geld, um ihr eigenes Kind von den Adoptiveltern zurück zu kaufen. Genug, um endlich Ruhe zu haben, vor all den Ex-Ex-Männern und Geldeintreibern, die Bridget auch noch das letzte bisschen ihrer Existenz nehmen wollen. Ihre Ausdauer wird am Ende belohnt. Sonne, Strand und zwei Ball spielende Sorgenkinder vor einer Schwangeren im Blümchenkleid. Soviel Glück hatten „Fiona“ und „Sue“ nicht.
Vielleicht sind Thomson und Kollek in „Fiona“, in dem echte Huren sich nach wirklichen Blow-Jobs den goldenen Schuss setzen, zu weit gegangen. „Wir sind damals förmlich gegen die Wand gerannt“ hat Anna Thomson mal in einem Interview gesagt, „Es ging nicht weiter, wir mussten umkehren.“ In „Bridget“ sollte es, so der Regisseur, „Action“ geben und „Romantik“. Doch die Tapfere taugt einfach nicht als „Asphalt Cowboy“ oder als Cassavetes’ „Gloria“, da mag sie am Ende noch so große Treffsicherheit beweisen. Auch ein absurder Drogendeal, der sie plötzlich in Beirut, dann in Jerusalem durchs Bild stöckeln lässt und dabei mit Motiven aus alten Kollek-Komödien spielt, steuern dem Film nicht mehr bei als eine durchkalkulierte Pointe. Ein seltsam uninspirierter Film, in dem das Elend schon eine gewisse Routine hat und das Groteske unentschiedener daherkommt als der Appetit von Pete, der sich nicht zwischen „Fruit Loops“ und „Smacks“ entscheiden mag.
BIRGIT GLOMBITZA
„Bridget“. Regie: Amos Kollek. Frankreich/Japan 2001, 90 Min.
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