„Sonst wird ganz Russland ein Riesen-Israel“

Die Chefin des „Komitees der Soldatenmütter Russlands“ über den Tschetschenienkrieg und die Dringlichkeit von Friedensverhandlungen

taz: Frau Melnikowa, hat Sie das Geiseldrama überrascht?

Walentina Melnikowa: Nein. Dieser Terrorakt war eine furchtbare, aber völlig logische Angelegenheit. Am Wochenende vor der Geiselnahme hat unsere Organisation in Moskau eine Konferenz veranstaltet, unter dem Motto „Die tschetschenische Sackgasse, wo sollen wir den Weg zum Frieden suchen?. Daran hatten außer uns auch Offiziere teilgenommen, Politiker, Leute aus der tschetschenischen Diaspora und aus Tschetschenien selbst. Wir waren etwa 120 Leute, und wir fühlten uns da alle zusammen wie ein winziges Sandkorn in der russischen Gesellschaft. Aber der Terrorakt hat bewiesen, dass wir noch mehr im Recht waren, als wir gedacht hatten. Wir hatten auf der Konferenz gewarnt: Die Situation in Tschetschenien ist derart aufgeheizt, die Lage seiner Bewohner derart unerträglich – wenn nicht sofort Friedensverhandlungen beginnen, dann wird ganz Russland ein Riesen-Israel.

Warum bekommt die russische Armee die Lage in Tschetschenien nicht in den Griff?

Weil sich solche Konflikte überhaupt nicht auf militärischem Wege lösen lassen. Die russische Seite hat in letzter Zeit versucht, das Wesen des Problems zu verschweigen. Aber die Frage der Unabhängigkeit Tschetscheniens ist ja nun mal von diesem Konflikt nicht zu trennen. Und die löst man nicht militärisch.

taz: Hat Ihre Konferenz den Weg aus der Sackgasse gefunden?

Wir haben in der Schlussresolution von der russischen Regierung die Einrichtung einer multilateralen Komission zur Regulierung des Friedensprozesses gefordert. Die sollte erstens mit Vollmachten ausgestattet sein, welche sichern, dass ihre Beschlüsse auch ausgeführt werden. Zweitens sollten dort auch Vertreter internationaler Organisationen dabei sein, etwa des Europarates und der OSZE, drittens Vertreterinnen unseres „Komitees der Soldatenmütter“. Wir stützen uns im letzten Punkt auf die Resolution des UN-Sicherheitsrates aus dem Jahre 1999, welche die Einbeziehung der Frauenorganisationen eines Landes bindend macht, sobald Entscheidungen über die Sicherheit von Menschenleben sowie Krieg und Frieden in diesem Land gefällt werden. Sollte die russische Regierung unserer Forderung nicht nachkommen, werden wir uns an den UN-Sicherheitsrat wenden. Wir wollen verhindern, dass die Frage von Krieg und Frieden in Tschetschenien weiter als innerrussische Angelegenheit behandelt wird.

Und die Menschen in Tschetschien würden mitmachen?

Zu unserer Konferenz kamen auch sieben Tschetschenen und Tschetscheninnen aus einem Flüchtlingslager in Inguschetien, die sich seit über einem Monat mit der Forderung nach Frieden im Hungerstreik befanden, darunter eine schon stark geschwächte Frau im Alter von 72. Natürlich kräht in Russland kein Hahn nach sieben hungernden Tschetschenen. Ein junger Teilnehmer sagte sogar zu ihnen: „Über sieben tote Tschetschenen mehr würde sich Putin nur freuen“. Als sie aber sahen, was für eine freundschaftliche Atmosphäre auf unserer Konferenz herrschte, schöpften sie plötzlich Hoffnung und ließen sich von einem dort ebenfalls anwesenden tschetschenischen Mufti überreden, den Streik abzubrechen.

Wer waren die etwa 400 Leute, die während des Geiseldamas die Friedensdemonstration vor dem Theater veranstalteten?

Das waren Verwandte und Freunde der Menschen, die drinnen festgehalten wurden, sie demonstrierten auf Bitten der Geiseln. Wir hatten ja anderes zu tun. In unserer Organisation ging während der Tage der Geiselnahme die Arbeit weiter, zu uns flohen misshandelte Soldaten aus den verschiedensten Einheiten, die Jagd der Militärs auf Rekruten ging weiter. In dieser Hinsicht machte die Ausnahmesituation keine Ausnahme.

Worauf gründet sich dann Ihre Hoffnung, dass sich doch was bewegt?

Was das Wichtigste in der vergangenen Woche für mich war: Dutzende von Massenmedien, die über Jahre den Krieg in Tschetschenien systematisch verschwiegen hatten, waren in den Tagen der Geiselnahme gezwungen, sich dem Thema wieder zuzuwenden. Und die Forderung nach Beendigung des Krieges auf friedlichem Wege wurde plötzlich auf allen Radio- und Fernsehkanälen laut. Seit letzter Woche muss man den Leuten, die dafür sind, wieder das Wort erteilen. Auch ich selbst habe in Interviews von der Warnung unsere Konferenz vor einer solchen Eskalation des Terrors berichtet. Überhaupt sind wir Soldatenmütter seit über 13 Jahren als Kassandras tätig. Das muss den Leuten mal auffallen.

INTERVIEW: BARBARA KERNECK